30.05.2020
Abschied

Mit dem Tod am Anfang des Lebens umgehen: Warum ein Sternenkindergrab so wichtig ist

In Neunkirchen am Brand im Landkreis Forchheim hat die ökumenische Initiative Sternenkindergrab eine gemeinsame Gedenk- und Grabstätte für Tot- und Fehlgeburten auf dem Friedhof initiiert. Anja Lemberger, Ökumenebeauftragte der evangelischen Kirchengemeinde, spricht im Interview über die Bedeutung dieses Ortes.
Anja Lemberger mit Kindern am Grab ihrer Tochter Sternenkind
Anja Lemberger mit ihren Kindern am Erdurnengrab ihrer still geboren Tochter

Der Entwurf des Steinbildhauers Sebastian Bertholdt sieht ein rundes Feld als Grabstätte und eine Stele vor. Auf dem Feld in Neunkirchen am Brand können Trauernde Kerzen und Blumenschalen sowie einen kleinen Gedenkstein mit dem Namen des Kindes ablegen. Man kann ein Blütenband mit Schmetterlingen an der Stele anbringen. Am Pfingstmontag, 1. Juni, wird der Ort eingeweiht.

Frau Lemberger, warum soll ein Sternenkindergrab in Neunkirchen entstehen?

Anja Lemberger: Seit vielen Jahren sind die Kliniken dazu verpflichtet, würdevoll mit ,Sternenkindern´, also Fehlgeburten unter 500 Gramm, umzugehen. In größeren Städten gibt es dann ein Sternenkindergrabfeld, in dem die Sternenkinder aus der jeweiligen Klinik anonym sammelbestattet werden. Dazu gibt es dann meist ökumenische Trauerfeiern. Auch ein Bestattungsrecht für diese Kinder besteht seit einigen Jahren. So wird in den örtlichen Friedhofssatzungen darauf hingewiesen, dass man auch für Sternenkinder alle Bestattungsformen, die auf den jeweiligen Friedhöfen angeboten werden, nutzen darf. Für tot geborene Kinder über 500 Gramm oder ab der 24.Schwangerschaftswoche besteht sowieso Bestattungspflicht. Für uns in Neunkirchen liegen die offiziellen Sternenkindergräber in Nürnberg, Fürth, Erlangen oder Forchheim aber viel zu weit entfernt, um einfach mal kurz vorbeizugehen. Auch die angebotenen Grabformen erscheinen für ein kleines Sternenkind viel zu groß und damit für die Familien auch viel zu teuer. Zum Vergleich: Die Sammelbestattungen der Kliniken sind durch viele Spenden kostenlos. Die günstigste Lösung, das Sternenkind in einem vorhandenen Familiengrab mit beizusetzen, ist meist nicht realisierbar. Welche junge Familie hat schon ein Familiengrab? Daher haben sich die beiden Kirchengemeinden in Neunkirchen bereiterklärt, Spenden für die Grabstätte zu sammeln und einen Entwurf für das Grabmal eingereicht.

Auf wessen Initiative geht das zurück?

Lemberger: Wir sind selbst eine betroffene Familie. Für unser drittes Kind bekamen wir die Diagnose „Trisomie 18“, was „nicht lebensfähig“ bedeutet. Eine späte Lebendabtreibung haben wir nicht übers Herz gebracht. Also hieß es abwarten, bis das Herzchen von alleine aufhört zu schlagen, um dann eine stille Geburt einzuleiten. So hatten wir mehrere Wochen Zeit uns mit dem Thema „Abschiednehmen“ zu befassen. Den Mitarbeiter im Friedhofsamt habe ich ein bisschen aus der Fassung gebracht, als ich sagte, dass ich ein Grab für ein Sternenkind bräuchte. Er meinte daraufhin, er arbeite nun schon seit 18 Jahren hier und das hätte noch nie jemand gefragt. Er war aber dann sehr hilfsbereit. Im Oktober 2018 ist unsere Tochter Vera in der 20 Schwangerschaftswoche still geboren. Für uns war die Wahl eines Kindergrabes in Größe eines Erdurnengrabs eine gute Lösung, auch wenn die Maße des Grabes für ein Sternenkind viel zu groß sind. Gerne hätten wir auch schon so ein Sternenkindergrab vorgefunden. Unsere Söhne (neun und elf Jahre alt) finden den Entwurf der Grabanlage so schön, dass sie Vera am liebsten „umtopfen“ würden. Sie fanden keinen anderen Begriff dafür. 

Gerne hätten wir auch schon so ein Sternenkindergrab vorgefunden.

Beim Gespräch für die Trauerfeier hat uns Pfarrer Axel Bertholdt sehr darin bestärkt, auch unser Umfeld mit zur Trauerfeier einzuladen. Schließlich war die Kirche zur Trauerfeier voll und wir bestatteten Vera zusammen mit Familie, Freunden, Nachbarn in einem Erdurnengrab am Neuen Friedhof. Was darauf folgte, hat uns sehr nachdenklich gemacht: Viele Leute haben uns die folgenden Wochen auf der Straße angesprochen und von ihren Sternenkind-Schicksalen erzählt. Als hätten wir mit Veras Beerdigung eine Lawine losgetreten.

Welche Reaktionen kamen von diesen Menschen?

Lemberger: Viele meinten, so hätten sie es auch gerne gehabt. In den Gesprächen stellte sich heraus, dass die meisten nichts von dem Bestattungsrecht wussten. Viele waren mit dem Tod am Anfang des Lebens überfordert und haben einfach das vorhandene Bestattungsangebot der Kliniken in Anspruch genommen, hätten es aber im Nachhinein gerne anders gehabt. In vielen Fällen war eine Bestattung gar nicht möglich gewesen, trotzdem hätten die Hinterbliebenen gerne einen individuellen Trauerort. Auch ältere Generationen, noch nach vielen Jahren. Die angebotenen Grabformen am örtlichen Friedhof scheinen nicht so passend, denn bei Gemeinschaftsgräbern für Sternenkinder ist auch immer ein Trost, mit dem Schicksal nicht alleine zu sein. Vielen ist es zudem wichtig den Namen oder das Geburtsdatum zu verewigen, was aber bei den Sammelgräbern oft nicht erlaubt ist.

Wie sollte das Projekt nun angegangen werden?

Lemberger: Nachdem wir eine ökumenische Familie sind und ich im Ökumenischen Arbeitskreis mitwirke, habe ich dieses Thema dort angebracht. Daraufhin hat sich mit Pfarrer Bertholdt und seinem katholischen Kollegen Joachim Cibura ein Ausschuss ,Sternenkindergrab´ gegründet, der die Planungen vorangebracht hat. Mit ihm Team ist auch Steinbildhauer Sebastian Bertholdt. Sein Entwurf für einen ansprechenden, tröstenden Trauerort soll zwei Funktionen erfüllen. Das runde Grabfeld ist für individuelle Sternenkind-Bestattungen vorgesehen. Auf die Grabstelle dürfen kleine Gedenksteine mit Namen gelegt werden. Das gemeinsame Feld soll den Betroffenen zeigen, dass sie mit dem Schicksal nicht alleine sind. Die Stele in der Mitte des Feldes soll als Gedenkstätte für nicht auf herkömmlichen Wege bestattungsfähige Sternenkinder, aber auch für bereits anonym beigesetzte oder die Kinder älterer Generationen dienen.  Auch für diese Kinder kann entlang des in Stein gehauenen Blütenbands der Stele ein individueller Keramikschmetterling zum Gedenken vom Steinmetz angebracht werden. Vor der vierteiligen Stele, die unauffällig ein Kreuz bildet, gibt es auch eine Ablageplatte für Kerzen und Blumenschalen.

Wie hoch sind die Kosten?

Lemberger: Allein die Materialkosten für den Gedenkstein, die Ablageplatte und die Umrandung liegen bei 5000 Euro. Dazu kommen noch Kosten für Rodung, Erdarbeiten, Fundament und Bildhauerarbeiten, die noch nicht berechnet wurden, wir schätzen aber alles zusammen auf um die 10 000 Euro, abhängig davon, wie viel Arbeit ehrenamtlich geleistet werden kann.

Welchen Verlauf nahm dann das Projekt?

Lemberger: Der Gemeinderat von Neunkirchen am Brand hat am 12. Februar einstimmig den Antrag der ökumenischen Initiative „Sternenkindergrab“ befürwortet und daraufhin den Bauhof beauftragt, die Fläche für das Grabmal mit Gedenkstätte vorzubereiten. Die Steinmetzarbeiten wurden in Auftrag gegeben. Die Ausstellung „Tod am Anfang des Lebens“ sollte für eine breite öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Sternenkinder allgemein, aber auch für dieses Projekt sorgen, in der Hoffnung, genügend Spendengelder zusammen zu bekommen. Die Wanderausstellung der Uniklinik Erlangen wurde wegen der Pandemie abgesagt. Der Plan war noch während der Ausstellung das Grab einzuweihen, weil bereits eine Familie darauf wartet, ihre Sternenkinder darin beisetzten zu können.

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