29.08.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Ist, wer dick ist, automatisch auch willensschwach? Herr S. erlebt wegen seines starken Übergewichts schmerzhafte Diskriminierung: »Es ist, als ob ich aussätzig sei und davon eine erhöhte Ansteckungsgefahr ausginge.«

Ich bin Deutschamerikaner, das heißt, ich bin in den USA geboren, lebe aber schon seit vielen Jahren in der Bundesrepublik. Mein großes Problem: Ich bin übergewichtig, sogar sehr übergewichtig.

Wobei ich damit immer noch zurechtkommen könnte. Womit ich nicht zurechtkomme, sind die vielen hämischen und verächtlichen Bemerkungen. Nur damit ich nicht missverstanden werde: In den USA gibt es noch viel mehr übergewichtige Menschen und eine noch viel schlimmere Diskriminierung. Hier und dort schlimm genug.

Überall ist der Vorwurf zu spüren, ich sei faul und willensschwach, ich sei bequem und verantwortungslos. Ich fräße in mich hinein und lebte so auf Kosten der anderen. Selbst im Krankenhaus ernte ich andere Blicke, werde anders berührt und behandelt als »normale« Menschen. Es ist, als ob ich aussätzig sei und davon eine erhöhte Ansteckungsgefahr ausginge.

In meinem Minderwertigkeitsgefühl habe ich mich einer freikirchlichen Gemeinde angeschlossen. Hier wenigstens spüre ich keine Verurteilung und höre keine abwertenden Kommentare. Das Problem ist, dass mir all dies nicht gerade hilft, wenn ich auf Diäten und Therapien zugehen möchte.

Herr S.

Sie sprechen ein großes Problem an und haben dabei sehr viele Leidensgenossen. In Deutschland, so lese ich, ist mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig, und fast alle erleben Vorbehalte und Vorurteile.

Überall kommt einem das vorherrschende Schönheitsideal entgegen, teils auf eine sehr aggressive Art und Weise. Der schlanke und wohlproportionierte Mensch steht im Mittelpunkt. Dies führt auf der einen Seite nur allzu oft zu Verächtlichkeiten bis hin zu Stigmatisierungen und auf der anderen Seite zu Selbstzweifeln und Resignation. Für stark übergewichtige Menschen ist das die seelische Gefährdung schlechthin. Das Fremdbild, du bist faul und willensschwach, bequem und undiszipliniert, wird langsam in das Selbstbild übernommen: Ich bin faul und willensschwach, bequem und undiszipliniert.

Was tun? Sie haben sich zunächst einmal eine unterstützende kirchliche Gemeinschaft gesucht. Gut so. Sie finden dort Menschen, die Sie annehmen und ernst nehmen. Menschen, die Sie als Person wertschätzen. Gut so.

Wenn Sie dies noch verstärken wollen, bitte überlegen Sie doch, ob Sie nicht auf eine Selbsthilfegruppe für Übergewichtige zugehen möchten. Hier kommen Menschen zusammen, die sich einmal den Alltag zu erleichtern versuchen, mit Lösungswegen, vielleicht auch mit hilfreichen Adressen. Die sich aber auch über Ernährungsfragen, über Behandlungsmöglichkeiten und Therapieerfahrungen austauschen. Eine Liste solcher Gruppen finden Sie im Internet.

Zum Schluss noch: In Ihrer Muttersprache gibt es so ein schönes Wortspiel, das sich nicht ganz ins Deutsche übertragen lässt. Wenn der Selbstzweifel einsetzt und Sie das Gefühl haben, ein nobody zu sein, dann vergewissern Sie sich doch bitte immer darin: Ich bin nicht ein nobody, ich bin ein somebody! Ich bin nicht ein Nichts, ich bin Jemand! Jemand mit Schwierigkeiten und Problemen, gewiss, aber auch jemand mit Wert und mit Würde.

 

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