24.06.2007
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Spiritualität suchen und finden

Warum man sich mit ganz normalen Schritten auf den Weg machen muss, um zu Spiritualität zu finden.

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, aber obwohl ich aus einem sehr christlichen Elternhaus komme, bin ich mit 15 aus der Kirche ausgetreten. Ich habe schlechte Erfahrungen mit dem Christentum gemacht, bin vor zwei Jahren dennoch wieder eingetreten.

Ich finde in der Kirche aber keinen Anschluss. Die Gruppen, die angeboten werden, bringen mir nichts. Ich lebe also sehr isoliert. Seit einiger Zeit interessiere ich mich für den Buddhismus und komme immer mehr vom christlichen Glauben ab.

Gespräche mit meiner Gemeindepfarrerin haben mir nichts gebracht. Ich suche Menschen, mit denen ich über meinen Glauben reden und Spiritualität erfahren kann.

Frau K. (32)

Mir imponiert die Hartnäckigkeit, mit der Sie Gespräche und Kontakte zu anderen Menschen suchen. Offensichtlich sind Sie eine, die nicht so schnell aufgibt und an ihrem Thema bleibt. Schwierig scheint mir allerdings, dass das Thema, Ihr Thema - so wie es in Ihrem Brief erscheint -, offensichtlich heißt: Einerseits bin ich an Glaubensfragen interessiert, andererseits bringen mir Gespräche über den Glauben nichts...

Was ist wichtig im Leben

Ich habe also etwas Sorge, dass Sie mit Ihrem Wunsch nach einer neuen Gruppe sich dieses Thema wieder mal bestätigen. Sie sind ja mittlerweile zu einer Expertin geworden für genau diese Situation. Allerdings macht mich Ihr Brief auch neugierig. Womöglich haben Sie noch andere Themen, die in Ihrem Leben wichtig sind: Dinge, an denn Sie sich freuen, etwas, was Sie besonders gut können oder gerne tun oder schon lange nicht mehr gemacht haben. Das können ganz banale Tätigkeiten sein: Wandern, Radfahren, kochen, draußen im Garten rumgraben... Dinge die Sie bisher wie nebenbei gemacht haben und von denen Sie nicht sagen würden, dass Sie einen Brief oder eine Erwähnung wert sind.

Mich aber interessiert genau das: Was haben Sie anderen zu geben und zu zeigen, oder was würden Sie gerne mit anderen teilen außer Ihren schlechten Erfahrungen mit Gesprächen über christliche Themen? Und könnten Sie womöglich über solche "banalen" Gemeinsamkeiten Zugang zu anderen und auch Zugang zu neuen Seiten von sich selbst finden?

Spiritualität fängt bei einfachen Dingen an

Wenn ich in der Bibel lese, dann denke ich, Spiritualität fängt bei sehr einfachen Dingen an: gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam essen, gemeinsam schweigen, einander zuhören, einander ertragen. Das ist sicher auch nicht immer einfach, eine gewisse Ausdauer und Hartnäckigkeit gehören dazu. Später vielleicht, viel später, ist dann womöglich Zeit, die Säcke von Enttäuschung und Belastung auszupacken, die jeder von uns mit sich herumschleppt. Vielleicht aber werden Sie später, viel später auch erstaunt merken, dass Sie Ihren Sack auf dem Weg einfach irgendwo stehen gelassen und vergessen haben.

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