29.10.2001
Reformatorinnen

Mutige Reformatorin: Elisabeth Cruciger

17 Texte der insgesamt 669 Stücke im deutschsprachigen Evangelischen Gesangbuch von 1995 stammen von Frauen. Die erste Kirchenlieddichterin war Elisabeth Cruciger - eine geflohene Nonne und Bekannte Martin Luthers.
Herr Christ, der einig Gotts Sohn, Babstsches Gesangbuch 1545.
Herr Christ, der einig Gotts Sohn, Babstsches Gesangbuch 1545.

Man könnte jetzt ihren 500. Geburtstag feiern und Elisabeth Cruciger hätte es verdient. Aber wie es so in der Kirche immer noch ist: An verdiente Männer wird häufiger erinnert als an verdiente Frauen. "Elsa", wie Martin Luther seine gute Bekannte nannte, eine Freundin seiner Frau Katharina von Bora, Ex-Nonne wie diese und Ehefrau seines Freundes und persönlichen Schreibers Caspar Cruciger, ist die erste Frau der Reformation, die Liedtexte dichtete. Vielleicht gab es noch andere, aber von ihnen ist nichts überliefert worden.

Elisabeth Cruciger schrieb 1524, sieben Jahre nach Luthers Thesenanschlag an die Schlosskirche von Wittenberg, das Lied "Herr Christ, der einig Gott Sohn", das noch heute im Evangelischen Gesangbuch steht und gerne am letzten Sonntag nach Epiphanias gesungen wird. Die Melodie nahm sie von einem bekannten Marienlied. Das hatte sie als junge Nonne im Kloster Treptow ihrer pommerschen Heimat oft gesungen.

Lieder in Alltagssprache

Der Text lässt die Kraft der Frauenmystik spüren, aber er ist auch direkt und deutlich und voller Freude über die neuen Freiheiten, die auch den Frauen durch die Reformation beschert wurden. So nahm sich Elisabeth Cruciger die Freiheit, in deutscher Alltagssprache und nicht nur in Latein zum Lobe Gottes Liedtexte zu formulieren. "Dass wir hier mögen schmecken, dein Süßigkeit im Herzen und dürsten stets nach Dir", formulierte sie inbrünstig.

Martin Luther sparte nicht mit Lob für das Lied der Elisabeth und nahm es in sein erstes Gesangbüchlein auf. Sie, deren Geburtstag nicht bekannt ist und deren Geburtsjahr geschätzt wird, gebar zwei Kinder und starb früh mit etwa 35 Jahren. Ihr Mann Caspar war untröstlich. Als Professor der Theologie und Prediger an der Schlosskirche wirkte er noch viele Jahre. Selbst Geschriebenes ist aber von ihm nicht überliefert, nur eben dies eine Lied seiner Frau.

Eine Münchner Pfarrerin, die Blindenseelsorgerin Elisabeth Schneider-Böklen, hat Elisabeth Cruciger ein Denkmal aus Worten gesetzt - und nicht nur ihr. Als das neue Evangelische Gesangbuch für Deutschland, Österreich, die Schweiz und den Elsass 1995 heraus kam, hat sie nachgeblättert, wie viel Frauen mit ihren Liedern darin enthalten sind. 17 sind es bei 669 aufgenommenen Liedern insgesamt. Fünf der evangelischen Liederdichterinnen und ihre Leistungen hat sie in einem Büchlein "Der Herr hat Großes mir getan - Frauen im Gesangbuch" beschrieben. Es ist vergriffen, und sie sucht jetzt nach einem Verlag, der das informative kleine Werk wieder auflegt.

Buch-Tipp

Elisabeth Schneider-Böklen: Der Herr hat Großes mir getan

Das Buch beschreibt das Leben von fünf Frauen aus vier Jahrhunderten, deren Lieder heute noch gesungen werden: Elisabeth Cruciger, Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt , Magdalena Sibylla Rieger, Henriette Louise von Hayn und Julie von Hausmann.

94 Seiten, Quell Verlag, 1995, ISBN 9783791819693

 

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