26.11.2020
Corona

Schule in Konzertsaal, Jugendherberge oder Kirche - Vorschläge für Unterricht in Corona-Zeiten

Längst wird wieder diskutiert, angesichts der Infektionszahlen die Schulen doch teilweise zu schließen. Dabei gäbe es andere Möglichkeiten, Unterricht durchzuführen: in den Räumen derzeit leerstehender Gebäude. Vorschläge gibt es hinreichend.

Große Seminarräume, ein Garten für die Pausen, moderne Lüftungstechnik: Davon, was manche Jugendherbergen zu bieten haben, träumen in Corona-Zeiten vermutlich viele Mitglieder der bayerischen Schulfamilie.

In den Schulen drängeln sich die Kinder, und Homeschooling oder Hybridunterricht sind mancherorts wieder Realität. Zugleich haben Jugendherbergen oder Konzertsäle geschlossen.

Warum nicht beide Probleme zusammenbringen, denken sich derzeit mehrere Akteure und schlagen vor, leerstehende Gebäude für Schule zu nutzen.

Angebot der Deutschen Jugendherbergswerke: temporäre Unterrichtsstandorte in den Herbergen

Einen Vorstoß unternahm in dieser Woche das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH): Es bot den Kultusministern seine bundesweit 450 Häuser als temporäre Unterrichtsstandorte an.

Ganze Klassenverbände könnten in die Jugendherbergen ausweichen, sagte Marko Junghänel, Sprecher des bayerischen Landesverbands. So könne die Platzsituation an den Schulen entzerrt und damit die Infektionsgefahr reduziert werden.

Städtische Räume als Unterrichtsorte

Ähnlich die Idee von Kulturveranstalter Thomas Lechner, der für die Linke-Fraktion im Münchner Stadtrat sitzt: In der Vollversammlung am Donnerstag schlug er vor, städtische Räume in der Corona-Krise für Schule zu nutzen.

In Museen, Konzerthallen, Kinos, Theatern oder Schwimmbädern könnte Unterricht genauso stattfinden wie in Bürgerhäusern, Freizeitheimen oder Jugendzentren.

Auch die evangelische Kirche ist offen für das Thema: "Wir können uns das grundsätzlich vorstellen, sofern es die Situation vor Ort zulässt und unter Einbeziehung der jeweiligen Kirchengemeinde", sagt der Münchner Stadtdekan Bernhard Liess.

"Wir haben in der Flüchtlingsfrage unsere Räume zur Verfügung gestellt und werden auch jetzt - sofern wir es können - gerne helfen."

Voraussetzungen für die Anmietung der Räumlichkeiten

Das Kultusministerium begrüßt das Jugendherbergs-Angebot. Man habe die Schulen "in der Vergangenheit schon gebeten, auch die Verfügbarkeit von Räumen im näheren Umfeld der Schule zu prüfen", teilt eine Sprecherin mit.

Dies sehe der Rahmenhygieneplan bereits vor. Konkret müsse dies jeweils vor Ort zwischen Schule, Sachaufwandsträger - also Kommune - und beteiligten Dritten, die die Räume anbieten, geklärt werden. Dies gelte insbesondere, wenn hierdurch Kosten entstehen.

Mit entscheidend sei, dass "keine zu große Distanz zwischen der Schule und den möglichen weiteren Räumen liegt". Zudem müssten die Räume baulich geeignet sein, etwa bei Fluchtwegen oder Sanitäreinrichtungen.

So sieht es auch das Münchner Bildungsreferat: Ob eine Anmietung sinnhaft sei, "hängt sehr von der Lage dieser Räume ab", sagt eine Sprecherin. Schulorganisatorisch wären kurze Wege eine "unabdingbare Voraussetzung". Bisher habe noch keine öffentliche Schule in München eine solche Lösung erwogen.

Die Jugendherbergen sind vorbereitet

Die Jugendherbergen jedenfalls sind vorbereitet: Die Tagungsräume könnten schnell umfunktioniert werden, teilt das DJH mit. Das Hygienekonzept erfülle alle Anforderungen, und die Häuser verfügten über passende Freiflächen.

Der Landesverband hat 570 Schulen im Umkreis von drei Kilometern zu den 42 bayerischen Jugendherbergen aufgelistet. In München etwa lägen 15 Schulen rund um die Jugendherberge beim Tierpark.

Im oberfränkischen Hof könnten zwölf, im mittelfränkischen Dinkelsbühl neun Schulen profitieren - jeweils von Grund- bis Berufsschule.

Bereits bestehende Kooperationen 

Tatsächlich unterrichten bereits einige Schulen auswärts. In Lindau haben die Zehntklässer des Bodenseegymnasiums seit 9. November Unterricht in der Jugendherberge. Die Klassen müssten nicht geteilt werden, denn die Seminarräume seien "fast doppelt so groß wie normale Klassenzimmer", sagt Leiter Dirk Umann. Jeder habe seinen eigenen Tisch, es gebe Beamer und Leinwand, eine große Fensterfront und Lüftungstechnik.

Auch das Kultusministerium kennt praktizierte Beispiele: So wird die Klasse Q12 des Sebastian-Finsterwalder-Gymnasiums in Rosenheim seit 9. November in der Städtischen Galerie Rosenheim unterrichtet.

Kleinere Kooperationen haben sich in Kirchengemeinden bewährt: Die evangelische Münchner Christuskirche beherbergt seit Jahren eine Mittagsbetreuung für die Dom-Pedro-Grundschüler.

Dekan Christoph Jahnel kann sich "gut vorstellen, dass die Kirche einer Klasse einen Raum zur Verfügung stellt". Die Entscheidung treffe der Kirchenvorstand.

Junghänel: "Vertretbarer Organisationsaufwand"

Der Organisationsaufwand für Unterricht in Jugendherbergen sei "vertretbar", sagt Junghänel. Wer die Kosten trage, müsse jeweils geklärt werden. Da im Fall des DJH jedoch alle Einnahmen mit den Zuschüssen aus dem Corona-Hilfsfonds verrechnet würden, bliebe die Kooperation "ein Nullsummenspiel".

In Lindau bestreitet das Gymnasium die Kosten für Miete, Reinigung und Hygiene aus seinem eigenen Etat, den ihm das Landratsamt zur Verfügung stellt.

Simone Fleischmann: Kein zentrales Modell für ganz Bayern

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), findet die Idee gut, allerdings nur als dezentrales Modell und nicht "von oben" für ganz Bayern.

Jeweils vor Ort könne Unterricht in Gemeindesaal, Jugendherberge oder Kino eine individuelle Lösung sein, wenn eine Schule Bedarf habe - und wenn es genug Lehrkräfte gebe. Die Vorschläge seien ein "wunderbares Zeichen, dass man zusammenrutscht und dass sich viele in der Gesellschaft Gedanken machen, wie Schule stattfinden kann".

Das bestätigt Pfarrer Jahnel: Seiner Gemeinde sei es wichtig, mit den Akteuren vor Ort "gut miteinander unterwegs" zu sein.

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