9.01.2021
300. Geburtstag Baratiers

Sprachgenie und jüngster Magister: Schwabach erinnert an das eher unbekannte Wunderkind Jean-Philippe Baratier

So einer muss wohl ein Wunderkind sein: Als Dreijähriger zwei Sprachen fließend beherrschen, als Elfjähriger ein eigenes Hebräisch-Wörterbuch schreiben. Jean-Philippe Baratier kam vor 300 Jahren in Schwabach auf die Welt.
Eine Skulptur von Jean-Philippe Baratier
Das wiederentdeckte Schwabacher Wunderkind Jean-Philippe Baratier (1721 – 1740) wird zu seinem 300. Geburtstag im Jahr 2021 eine Skulptur von Ralf Gabriel, Vorsitzender der Bürgerstiftung Schwabach und Sandra Hoffmann-Rivero, Leiterin des Kulturamts der Goldschlägerstadt, bekommen.

Die letzten Korrekturen an der Smartphone-App "Stadtrallye mit Jean-Philippe" sind gemacht. Noch im Januar sollen Schwabacher Kinder und Familien auf eine kurzweilige Tour durch die Hugenottenstadt Schwabach gehen können. Im Fokus dieser Rallye steht das wiederentdeckte Wunderkind Jean-Philippe Baratier. Baratier wurde am 19. Januar 1721 in Schwabach geboren und starb am 5. Oktober 1740 in Halle an der Saale.

300. Geburtstag Baratiers

"Momentan ist er im Bewusstsein der Stadtgesellschaft kaum verankert", räumt Sandra Hoffmann-Rivero, Leiterin des Kulturamts der Goldschlägerstadt, ein. Selbst beim 900-jährigen Stadtjubiläum spielte der junge Baratier kaum eine Rolle. Dabei wird der Sohn des hugenottischen Pastors François Baratier gern schon mal in einem Atemzug mit den Genies Wolfgang Amadeus Mozart, Carl Friedrich Gauß oder Albert Einstein genannt.

Eine App informiert über Jean-Philippe Baratier
Digitale Wissensvermittlung, um in der Hugenottenstadt Schwabach das vergessene Wunderkind Jean-Philippe Baratier (1721 – 1740) zu seinem 300. Geburtstag spielerisch wiederzuentdecken. Sandra Hoffmann-Rivero, Leiterin des Kulturamts der Goldschlägerstadt, hat hierfür eine App entwickeln lassen.

Gefördert vom Vater kann der dreijährige Jean-Philippe bereits Deutsch und Französisch fließend lesen, es kommen Latein, Griechisch und Hebräisch hinzu. Als Elfjähriger stellt er sich selbst ein hebräisches Lexikon mit schwierigen und seltenen Wörtern zusammen und versieht es mit kritischen Anmerkungen. Arabisch eignet er sich selbst an, sodass er den Koran ohne Probleme lesen kann.

Das Wunderkind Jean-Philippe Baratier

In der nahegelegenen Universität Altdorf bekommt der lesewütige Teenager eine Art Gasthörerstatus, berichtet Ralf Gabriel. Der Vorsitzende der Bürgerstiftung Schwabach beschäftigt sich seit vier Jahren immer intensiver mit dem genialen Sohn der Stadt.

Zu dessen Biografie gehört auch die Reise nach Berlin des Vierzehnjährigen im Jahr 1735, die der fördernde Vater durch Jena, Leipzig und Halle führen ließ, um dem Sohn die dortigen Universitäten zu zeigen.

In Halle lädt der beeindruckte Uni-Kanzler den jungen Baratier ein, ein Examen als Magister Artium abzulegen. Bei dieser Gelegenheit entwickelt der Junge 14 Thesen über verschiedene Gebiete der Philosophie, Philologie und Astronomie. Jean-Philippe überzeugt restlos, er erhält den Titel Magister der Juris Prudens. Damit ist er Deutschlands jüngster Magister, erstmals nimmt eine breite Öffentlichkeit das "Schwabacher Wunderkind" wahr.

In Berlin wird der Gast der königlichen Familie mit dem damaligen Kronprinz Friedrich, dem späteren Friedrich der Große, bekannt. Und die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Berlin ernennt den jungen Baratier feierlich zu ihrem Mitglied. 1740 stirbt der neunzehnjährige Jüngling an einem langjährigen Leiden in Halle.

Gedenken in Schwabach

Derzeit findet sich in seiner Heimatstadt nur eine bescheidene Infotafel am Geburtshaus des Schwabacher Wunderkinds. Es ist das damalige Pfarrhaus der 500 Hugenotten, direkt hinter der Franzosenkirche am Rande der Altstadt. Der Ansbacher Marktgraf siedelte die französischen Glaubensflüchtlinge calvinistischer Prägung gezielt wegen ihrer Handwerksfertigkeit an. Sie waren unter anderem begabte Teppichweber.

Die damals 3.000 Schwabacher waren über die französische Kolonie mit marktgräflichen Privilegien nicht besonders erfreut, weiß Gabriel. Deshalb kann man das Leben der Baratiers in Schwabach auch unter dem Aspekt "Migration und Integration" betrachten.

Am Anfang dominierte die Ablehnung und Abwehr der Schwabacher. Die Hugenotten mussten auf Französisch predigen, um den lutherischen Glauben der Schwabacher nicht zu gefährden. Es dauerte einige Jahrzehnte, bis beispielsweise Ehen zwischen Franzosen und Franken nichts Außergewöhnliches mehr waren.

Vor der Franzosenkirche in Schwabach
Ralf Gabriel, Vorsitzender der Bürgerstiftung Schwabach, erinnert vor der Franzosenkirche am Rande der Altstadt, an das vergessene Wunderkind Jean-Philippe Baratier (1721 – 1740). Vater Baratier predigte hier einst für die große Hugenottengemeinde.

Jubiläum am 19. Januar

Zum 300. Geburtstag Baratiers stellen Kulturamt und Bürgerstiftung vor der Franzosenkirche eine Sitzbank mit einer Bronzeskulptur des jungen Baratiers auf. Sie zeigt den Jüngling sitzend und lesend, vielleicht in einem hebräischen Reisebericht, den er als Elfjähriger übersetzte und kommentierte. Kulturamtsleiterin Hoffmann-Rivero hofft, dass sich künftig Schwabacher und Touristen zu dem Wunderkind setzen und von sich Selfies in die ganze Welt versenden.

Das Jubiläumsprogramm der Goldschlägerstadt widmet sich in Vorträgen und Stadtführungen der weitläufigen Gelehrsamkeit des Wunderkindes, aber auch dem pädagogischen Problem der Höchstbegabung.

Aber auch die Geschichte der Hugenotten in Schwabach und die Toleranz der Religionen stehen auf der Agenda. Hoffmann-Rivero plant derzeit die Veranstaltungen trotz der Corona-Pandemie mit Abstand: "Hoffentlich ist dann wieder vieles möglich." Die Schnitzeljagd sowie die Benennung eines Weges nach dem weitgehend unbekannten Genie-Gelehrten an seinem 300. Geburtstag sollen Auftakt der Veranstaltungsreihe sein.

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