Nicht nur Romantik
In Stadtwäldern geht es meist nicht darum, mit Holzwirtschaft Gewinn zu machen. Sie kühlen die Umgebung und sind Erholungsort - zum Joggen, Picknicken, Spazierengehen. Die hannoversche Eilenriede etwa gehört seit 650 Jahren den Bürger*innen. Ein Forstwirt erklärt, was Stadtwälder alles leisten.
Stadtwald in Köln
Ein Stadtwald in Köln.

Die Hundebesitzerin greift ins Halsband ihres Pudels, als sie den Aufnäher "Stadtforst" auf Johannes Drechsels Hemd erblickt. "Meinetwegen müssen Sie ihn nicht anleinen", beruhigt der 35-Jährige. In diesem Teil des Stadtwaldes Eilenriede gelte die Leinenpflicht nur zur Brut- und Setz-Zeit, erläutert der Stadtförster. Wenn Drechsel und seine Kollegen durch den Wald mitten in Hannover gehen, ist immer auch Kommunikationstalent gefragt. Spätestens seit die Eilenriede vor 650 Jahren in den Besitz der Stadt Hannover überging, ist sie ein Wald der Bürgerinnen und Bürger.

Forstwirt: Bedeutung von Stadtwäldern nimmt zu

Stadtwälder wie die rund 640 Hektar in Hannover hätten eine zunehmende Bedeutung, sagt der Diplom-Forstwirt Gerd Lupp. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Technischen Universität München hat für die bayerische Forstverwaltung Anforderungen an den Stadtwald der Zukunft erforscht. Als Wasserspeicher, Luftfilter und Klimaregulatoren leisteten die Wälder einiges. "Das große Thema aber ist die Erholung der Menschen." Für öffentliche Waldbesitzer stehe sie weit vor der Forstwirtschaft ganz oben.

Dabei stiegen die Ansprüche, die Besucher an den Wegeausbau oder bezüglich Platz für sportliche Betätigung hätten - und das stehe nicht immer im Einklang mit der Natur. Manche Trends wie das Geocaching, bei dem kleine Dosen - "Caches" - über GPS-Daten gesucht werden, seien glücklicherweise abgeflaut, sagt Lupp. Vor einigen Jahren hätten im Großraum Würzburg Kletter-Cacher hoch oben in den Löchern von Buchen ihre Dosen versteckt. Eigentlich fanden dort Fledermäuse einen Unterschlupf: "Die wurden massiv gestört."

Eindruck von Ruhe

In Hannover trifft Drechsel bei seinem Rundgang auf spielende Kinder, Joggerinnen und einen Flaschensammler, der Relikte einer nächtlichen Feier aus den Papierkörben fischt. Sie bevölkern den Wald ebenso wie Berufstätige in der Mittagspause, Radfahrer oder Spaziergänger. Dennoch herrscht ein Eindruck von Ruhe, denn vielfach bieten Buchen, Eichen oder Ahorn Sichtschutz, ihr Laub dämpft Gespräche auf dem Nachbarpfad. "Wir haben hier viermal so viele Wege wie in üblichen Forsten", erläutert der Stadtförster. "Das hat auch historische Gründe."

Die Eilenriede gilt als einer der größten Wälder inmitten einer Großstadt in Europa. Waldflächen wie sie seien oft nur deshalb erhalten geblieben, weil der Untergrund nicht bebaut werden konnte, erläutert der Biologe und Pflanzenökologe Michael Rode von der Leibniz Universität Hannover. "Riede" bezeichnet ein Feuchtgebiet, ursprünglich wuchsen dort vor allem Erlen (Eilen). "Über Kanäle wurde dort einst Torf als Brennstoff in die Stadt transportiert", sagt Rode. Bürger trieben ihr Vieh in den Wald, sammelten und schlugen Holz. Später löste eine regulierte Forstwirtschaft diesen Raubbau ab.

Mit der Industrialisierung wandelte sich Rode zufolge das Waldbild - auch im städtischen Kontext. "Stadtwälder, wie auch der Grunewald in Berlin, entwickelten sich zum Erholungswald." Die von der Romantik geprägte Hinwendung zur Natur trug noch dazu bei. "Der Stadtwald war die Natur, die sich zu Fuß oder per Kutsche erreichen ließ." In und um die Wälder entstand Gastronomie. Mit dem "Waldkindertummelplatz Wakitu" kam vor 126 Jahren in Hannover der erste Spielplatz der Stadt hinzu.

Weitere Angebote etwa für Mountainbiker und Fitnessfans wurden geschaffen. Zugleich werden Teile der Eilenriede heute als Naturwald weitgehend sich selbst überlassen.

Ökologischer Nutzen ist groß

Rode erläutert, die Stadtwälder böten auch einen ökologischen Nutzen für ihre Umgebung. Sie filterten Stäube aus der Luft. "Außerdem bildet der Wald eine sehr deutliche Kühl-Insel." Die Pflanzen verdunsteten Wasser und in der Folge kühle sich die Luft ab - auch in der Umgebung. Die Trockenheit der vergangenen Jahre habe den Wäldern in Deutschland geschadet, verschwinden würden sie absehbar durch den Klimawandel aber nicht, sagt Rode. "Sie werden sich verändern."

In Hannover setzen die städtischen Forsten auf einen reichen Eichenbestand für die Eilenriede. Diese halten der zunehmenden Trockenheit besser stand als Erlen, von denen es nur noch einzelne gibt. Drechsel kniet in einer Schonung, in der zarte Eichensetzlinge von Plastikrohren geschützt werden. Rund herum werden Brombeerranken geschnitten, die sonst die künftigen Bäume längst überwuchert hätten. "Eichen werden von vielen Arten bevölkert", sagt Drechsel. Im vergangenen Jahr hätten Experten in der Eilenriede den Bestand an Käfern ermittelt, die an oder im Holz von Bäumen leben. "Es wurden über 200 Arten festgestellt, davon sechs Urwaldreliktarten. Der Wald hat noch viel Naturnähe."

Bäume fällen gilt als böse

Wer Eichen kultiviere, müsse sich aber auf Diskussionen einstellen: "Die Bäume brauchen Licht." Dafür müssten andere Gewächse weichen. "Das zu vermitteln, ist ganz schwierig. Bäume zu fällen, gilt als böse." Dann herrsche Erklärungsbedarf. Der Wissenschaftler Rode kann dieser Haltung auch Positives abgewinnen. Die Menschen nähmen Anteil an der Entwicklung des Waldes in ihrer Stadt, sagt er.

So konnten Einwohner zwar 1956 den Bau einer Schnellstraße durch den Wald nicht verhindern. In der Folge aber gründete sich der bürgerschaftliche "Eilenriedebeirat", der für den Erhalt und die Erweiterung des Stadtwaldes kämpft. Ein solcher Einsatz bewahre diesen trotz des Urbanisierungsdrucks vor Bebauung, sagt Rode: "Der stärkste Schutz sind die Bürger selbst und ihre starke Beziehung zum Wald."

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