3. Februar 2021
Nürnberg

Zeitgemäße Anpassung oder schlimmer Eingriff? Umbaupläne für die Nürnberger Lorenzkirche stoßen auf Kritik

750.000 Besucher kommen jährlich in die Nürnberger Lorenzkirche - und zwar über einen Seiteneingang. Nun ist ein Umbau geplant, der nützliche Einbauten und eine Öffnung in die Stadt miteinander vereinen soll. Stoff für Diskussionen.

Die Nürnberger Stadtheimatpflegerin Claudia Maué reagiert mit harscher Kritik auf die Umbauvorhaben der bayerischen evangelischen Landeskirche und Nürnberger Innenstadtgemeinde St. Lorenz für die Kirche. Wie Claudia Maué sonntagsblatt.de erklärte, seien die Ende Dezember erstmals vorgestellten Pläne die umfangreichsten Baumaßnahmen an der Lorenzkirche seit 500 Jahren und griffen zu tief in spätgotische Architektur ein.

Bauvorhaben für die nächsten Jahre

In den kommenden zwei Jahren soll der Eingang durch das Westportal geöffnet und ein mehrgeschossiges Möbel eingezogen werden, das auch wieder rückgebaut werden könne, ohne die Bausubstanz zu beschädigen. Auf drei Ebenen könnten dann der Souvenirverkauf, Empfang, Räume für die Mitarbeitenden und per Aufzug erreichbare Lager- und Technikräume untergebracht werden.

Mit dem cirka elf Meter hohen Einbau einer aus Bronze und Glas konstruierten Trennung im Innern zwischen einem sechs Meter tiefen Eingangsbereich und dem Portal biedere man sich nach Ansicht Maués den Ideen eines "angesagten" Architekturbüros an, während man frühere, weniger aufwändig umzusetzende Entwürfe verwerfe.

Planung ohne Behörden

"Ich finde es nicht nachvollziehbar, dass die Planung einer so umfangreichen Maßnahme über ein Jahr lang vertraulich auf höchster Ebene stattgefunden hat, ohne den zu beteiligenden Behörden Untere Denkmalschutzbehörde, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und der Stadtheimatpflegerin, Gelegenheit zur Kenntnisnahme zu geben. Angesichts der hohen Bedeutung der Lorenzkirche als Identität stiftendes Monument für Nürnberg halte ich dieses clandestine Planungsverfahren für bedenklich und der Vorstellung einer demokratischen Stadtgesellschaft für nicht angemessen", ärgert sich Maué.

Technik, Lagerflächen für Stühle und Podestteile, Sanitärräume sowie einen Aufenthaltsraum und eine Teeküche für die Kirchenführer und den auf zwei Joche ausgedehnten Shop hätte man bei einer vorausschauenden Planung im Übrigen im nahe benachbarten Lorenzer Pfarrhof unterbringen können, der mittlerweile an das Kirchensteueramt vermietet wurde. Diese Fehlplanung sei unverantwortlich.

Im Internet wird die Höhe der Bausumme von sechs Millionen Euro ebenso heiß diskutiert wie die Frage, ob man eine Kirche nun als Touristenattraktion herrichten müsse.

Hohe Besuchszahlen auch vor dem Umbau

Pfarrerin Claudia Voigt-Grabenstein ist nach wie vor davon überzeugt, dass die Lorenzkirche ihre Tore in die Stadt öffnen und dabei die Kunstwerke vor Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen schützen müsse. "Wer durch die Türe tritt, steht schon mittendrin, es gibt keinen Vorbau oder abgrenzenden Eingangsbereich", meint die Pfarrerin.

Jedes Jahr kommen etwa 750.000 Besucher in die Kirche. "Das ist auch in missionarischer Hinsicht eine riesige Chance. Die meisten Menschen wollen Kirche erfahren und ihre spirituelle Sehnsucht stillen", ist Voigt-Grabenstein überzeugt. Dass der Umbau der Kirche jetzt in der Stadtgesellschaft diskutiert wird, freue sie. "Die Nürnberger haben eine ganz besondere Beziehung zu St. Lorenz, der Austausch und das Abwägen von Argumenten ist sehr wichtig für den Prozess."

Studien zu dem geplanten Umbau

Bis dieser in Gang kommt, werden in den kommenden Wochen und Monaten noch Nutz- und Machbarkeitsstudien erstellt und kritisch abgewogen. "Da stehen beispielsweise Fragen im Raum, wie sich der Einbau auf die Akustik oder die klimatischen Bedingungen im Kirchenraum auswirkt", sagt Voigt-Grabenstein. St. Lorenz soll dann zunächst für mindestens drei Monate geschlossen werden.

Die Probleme und Lösungsversuche von St. Lorenz ähneln durchaus denen, die auch andere Kirchen in der Umgebung schon hatten: Die Egidienkirche hat in der südlichen Turmhalle eine beheizbare Mesnerstube eingerichtet. Der Eingangsbereich der Schwabacher Stadtkirche wurde mit der großen Sanierung zwischen 2010 und 2015 komplett neu geordnet und ein gläserner geräumiger Windfang eingezogen.

Daniel Szemerédy, Kunstbeauftragter des Dekanates und des Kirchenkreises Nürnberg, sieht die Diskussion gelassen. "Architektonische Eingriffe jedweder Art in der Nürnberger Altstadt provozieren einen nicht immer gesunden Reflex des Aufschreis", erklärt der Pfarrer. Technische und strukturelle Anpassungen seien zweifelsohne notwendig und in einem historischen Raum stets Ergebnis des Abwägens zwischen historischem Anspruch und zeitgemäßen Vorschriften, bei Kirchen immer auch der Frage nach dem gefeierten Gottesdienst.

Die Planung des Entwurfs

Flächenmäßig sei in der Lorenzkirche weniger als ein Fünftel des Hauptschiffes betroffen und ein noch viel geringerer Teil des Gesamtbauwerkes. Ob der Eingriff architektonisch überzeuge, sei eine Frage der weitergehenden Planung und von Visualisierungen des Entwurfs. Welche Lagerkapazitäten und Räumlichkeiten nötig seien, sollte der Kirchengemeinde überlassen bleiben. "Die Kirche durch die Hauptportale zu öffnen ist eine große Geste. Diese verpufft allerdings sogleich, wenn der Weg der Besucher nicht geradewegs durch den Mittelgang führt, sondern windfangartig nach rechts und links gelenkt wird", meint Szemerédy.

Noch gehöre er zu denen, die die Chancen eines Eingriffs höher bewerten als die Risiken. "Und Geld kostet ein Eingriff immer", so der Kunstbeauftragte weiter. Der neue Zugang zur Kirche könne zwischen 2022 und 2023 fertig sein, sagt Voigt-Grabenstein. Die geschätzten Kosten von rund sechs Millionen Euro teilen sich die Landeskirche (3,75 Millionen), das Dekanat Nürnberg (600.000 Euro) und die Kirchengemeinde St. Lorenz (1,65 Millionen Euro).

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In diesem Beitrag geht es nicht um die Frage, ob ein Christ Menschen ertrinken lassen kann. Es geht um einen Pfarrer, der mit seinem "Ja" einen Beitrag zu einer Debatte leisten wollte. In einem kircheninternen Blatt wählte er als Überschrift eines Leserbriefs provokant "Ein Christ kann ertrinken lassen" – und erlitt von Amts wegen Schiffbruch. Dieser Fall ging bundesweit durch die Medien und wirft die Frage auf, wie es um die Debattenkultur in der evangelischen Kirche bestellt ist.

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