Bürokratie
Kurzarbeit, Sprachprobleme beim Behördenkontakt und wenig Unterstützung: Migranten in Bayern leiden Experten zufolge besonders unter den Einschränkungen, die Covid-19 für die Gesellschaft bedeutet.
Mann in Sorge

Über ein Jahr musste Fahim Atif auf die Erneuerung seines Aufenthaltstitels warten. Über ein Jahr, in dem der 33-jährige Flüchtling aus Afghanistan und seine Frau deshalb kein Kindergeld für die zwei Kinder bekamen und er keine Arbeit aufnehmen konnte. Die Bearbeitungszeiten beim zuständigen Landratsamt Starnberg hatten sich durch die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie deutlich verlängert, bestätigt Iana Fröse, Migrationsberaterin bei der Arbeiterwohlfahrt in Starnberg, die Atif unterstützt.

Migranten trifft Corona-Pandemie besonders schwer

Die Kommunikation mit Ämtern und Behörden ist für Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben und die Sprache nicht gut beherrschen, ohnehin kompliziert. Fällt dann das persönliche Gespräch weg und müssen Anträge online ausgefüllt werden, oft ohne Computer, Drucker oder Scanner zur Hand zu haben, erschwert das die Lage zusätzlich.

Werden Formulare nicht richtig oder unvollständig ausgefüllt, hat das Konsequenzen: Wird beispielsweise ein Antrag auf Arbeitslosengeld II abgelehnt, können manche Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen und verlieren im schlimmsten Fall ihre Wohnung, berichtet Nedialko Kalinov, Migrationsberater bei der Caritas in München. "Seit Beginn der Coronapandemie ist der Beratungsbedarf enorm gestiegen" erzählt Kalinov, der für die Unterstützung von EU-Migranten und anerkannten Flüchtlingen zuständig ist.

Migranten stärker von Arbeitslosigkeit betroffen

Viele, die zu ihm kommen, haben in der Coronakrise ihre Arbeit verloren: Häufig haben sie in der Gastronomie, in Hotels oder als Reinigungskraft gearbeitet, oft in prekären Arbeitsverhältnissen. Wer in Kurzarbeit ist, für den reicht das Geld kaum zum Leben, zudem fällt das Trinkgeld weg. Auch unter den besonders betroffenen Solo-Selbständigen wie Taxifahrern, Sprachlehrern oder Menschen, die im Event- oder Messebereich gearbeitet haben, sind viele Migranten.

Während die allgemeine Arbeitslosigkeit in München im März 2021 um 44 Prozent höher lag als im März 2020, erhöhte sich die Arbeitslosigkeit von Menschen mit ausländischem Pass sogar um 50 Prozent. In ganz Bayern waren im März 2021 29 Prozent mehr Menschen arbeitslos als im Vorjahresmonat, bei den Ausländern erhöhte sich die Arbeitslosigkeit um 34 Prozent.

Wie die Situation verbessert werden könnte

Viele dieser Menschen haben angefangen zu arbeiten, statt einen längeren Deutschkurs oder eine Ausbildung zu machen. Das ist nun ein Problem, wenn Jobs für Geringqualifizierte wegfallen oder die Menschen ihren Kindern beim Homeschooling nicht ausreichend helfen können. "Es ist jetzt wichtig, die Zeit möglichst gut zu nutzen, um Geringqualifizierte Stück für Stück in eine Ausbildung oder wertigere Arbeit zu bekommen und sie auch sprachlich zu fördern", sagt Anette Farrenkopf, Geschäftsführerin des Jobcenters München.

Die Sozialschutzpakete der Bundesregierung, die unter anderem erleichterten Zugang zu sozialer Sicherung und eine Einmalzahlung beinhalten, seien eine gute Sache, sagt Farrenkopf. Julia Sterzer, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege München, fordert darüber hinaus eine grundsätzliche Erhöhung des Hartz-IV-Satzes sowie des Mindestlohns und mehr Beratungskapazitäten im Bereich der Migrationsarbeit.

Wieder mehr Präsenztermine beim Jobcenter wünscht sich Nedialko Kalinov für seine Klienten. Fahim Atif hat in der vergangenen Woche immerhin eine gute Nachricht bekommen: Nachdem sein Aufenthaltstitel endlich erneuert wurde, bekommt er nun rückwirkend auch das Kindergeld für das Jahr 2020 ausgezahlt.

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