18.04.2018
Ehemalige Strafgefangene

Bodelschwingh-Haus in Augsburg wird saniert

Das Augsburger Bodelschwingh-Haus ist Anlaufstelle für Ex-Häftlinge, die sonst keine Bleibe finden. Schwabens einzige stationäre Einrichtung für Haftentlassene bietet 36 Plätze. Nun wird das Haus von Grund auf saniert.
Das Augsburger Bodelschwingh-Haus wird saniert.
Baustelle Bodelschwingh-Haus: Ein Jahr lang soll das Gebäude im Augsburger Domviertel saniert und umgebaut werden.

In den Räumen steht nur noch das, was nicht mehr gebraucht wird: alte Stühle, Sofas und Tische, ausrangierte Kühlschränke oder Waschbecken. Die übrige Einrichtung haben Bewohner und Mitarbeiter des Bodelschwingh-Hauses bereits ins Haus nebenan gebracht, wo sie übergangsweise wohnen. Und auch vom Rest wird demnächst nichts mehr zu sehen sein. Denn Bayerisch-Schwabens einzige stationäre Übergangseinrichtung für Haftentlassene wird umfassend saniert.

»Die Einrichtung war nicht mehr zeitgemäß«, sagt Harald Eckart, der das Haus des Diakonischen Werks Augsburg leitet. Mehr als 30 Jahre liegt die letzte Sanierung zurück. In den kommenden zwölf Monaten wird das Bodelschwingh-Haus von Grund auf renoviert, erläutert Eckart. So werde die Haustechnik des Übergangswohnheims erneuert, ein Außenaufzug angebracht und das Dachgeschoss ausgebaut. Arbeitsräume, Büros und Wohnungen im Haus werden umstrukturiert und vergrößert. Die Kosten liegen bei über 2,1 Millionen Euro.

Ziel ist ein eigenständiges Leben für die Ex-Strafgefangenen

Die Investition kommt denen zugute, die hier übergangsweise wohnen. 36 Männer sind im Bodelschwingh-Haus untergebracht – überwiegend ehemalige Häftlinge, die nach ihrer Entlassung eine Bleibe suchen. »Sie haben nach dem Gefängnis keine Anlaufstelle – oder keine, zu der sie gehen wollen«, meint Harald Eckart: »Viele stehen vor dem Nichts.«

Der Kontakt zu den Männern kommt über die Justizvollzugsanstalten zustande. Das Bodelschwingh-Haus arbeitet mit JVAs in Gablingen, Kaisheim, Kempten, Niederschönenfeld oder Landsberg zusammen. Wer im Übergangswohnheim leben möchte, wird zu einem Gespräch besucht. »Darin klären wir, ob die Männer bereit sind, sich in unsere Tagesstruktur einzubringen«, so Eckart.

Kochen, Putzen, Einkaufen müssen die Männer selbst organisieren

Im Bodelschwingh-Haus leben die Männer in Wohngemeinschaften zusammen. Das Kochen, Putzen oder Einkaufen müssen sie selbst organisieren. Sie absolvieren Lerneinheiten in Hauswirtschaft und ein Arbeitstraining. »Wenn sie hier ausziehen, sollen sie selbstständig wohnen und für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Das heißt: eigenverantwortlich leben – ohne neue Straftaten«, erläutert Eckart.Ein halbes bis ein Jahr verbringen die Bewohner im Schnitt im Bodelschwingh-Haus. Während dieser Zeit werden sie von vier Sozialarbeitern und vier Betreuern für die Beschäftigung begleitet. Es gibt Therapieangebote für die oftmals traumatisierten Bewohner. »Wir wollen verhindern, dass die Männer später wieder in Situationen wie jene kommen, die sie schon einmal ins Gefängnis gebracht haben.«

Leiter Harald Eckart vor dem Bodelschwingh-Haus
Leiter Harald Eckart vor dem Eingang des Übergangswohnheims.

Der Heimleiter weiß jedoch auch, wie schwierig es für die ehemaligen Häftlinge ist, dieses Ziel zu erreichen. Manchmal müsse man zufrieden sein, wenn die Männer nicht so schnell wieder rückfällig werden – oder nicht so schwerwiegend. Viele der Bewohner hätten noch nie ein eigenständiges Leben geführt, erklärt Eckart: »Sie kommen aus schwierigen Familien, haben Heimkarrieren und oft mehrere Gefängnisaufenthalte hinter sich.«

Hinzu kommt: Die Wohnungssuche nach dem Aufenthalt im Bodelschwingh-Haus ist alles andere als einfach. Wegen des angespannten Wohnungsmarkts sei es »extrem schwer« für ehemalige Strafgefangene, eine Bleibe zu finden, berichtet der Heimleiter. »Unsere Bewohner stehen da ganz am Ende der Kette.« Wenn er sich daher etwas wünschen dürfte, sagt Eckart, dann dies: »Dass mehr Vermieter Wohnraum zur Verfügung stellen.«

Keimzelle der Augsburger Diakonie

Das Bodelschwingh-Haus gilt als Keimzelle des Augsburger Diakonischen Werks. An seinem Standort gründeten 1895 einige evangelische Innenstadt-Pfarrer die »Herberge zur Heimat«. Ein Verein bot umherziehenden Wandersleuten, die kein Dach über dem Kopf hatten, eine Bleibe. Diese Herbergs-Funktion hatte das Wohnheim bis in die 1970er-Jahre. Der Bedarf für eine Herberge sank aber nach und nach. Parallel dazu wurde das Bodelschwingh-Haus zu einem Übergangswohnheim für Haftentlassene. Pro Jahr werden 75 »Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten« aufgenommen. Die Kosten für ihre Unterbringung übernimmt der Bezirk Schwaben.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt