22.10.2019
Interreligiöser Dialog

Martin Rötting: Warum München ein "Haus der Kulturen und Religionen" braucht

Ein Haus für alle Religionen: Was in Städten wie Bern, Berlin und London schon existiert oder gerade konzipiert wird, plant ein interreligiös besetztes Projektteam derzeit mit Hochdruck für München. Martin Rötting ist Professor für "Religious Studies" in Salzburg und Vorstandsmitglied im Projekt "Haus der Kulturen und Religionen München". Er erklärt Konzept und Ziel des Vorhabens.
Martin Rötting Haus der Kulturen und Religionen München
Martin Rötting ist Professor für „Religious Studies“ an der Universität Salzburg und Vorstandsmitglied beim Projekt „Haus der Kulturen und Religionen München“

Herr Rötting, welches Konzept verfolgt das "Haus der Kulturen und Religionen München"?

Rötting: Nach derzeitigem Planungsstand ruht das "Haus der Kulturen und Religionen München" auf drei Säulen. Einmal das Studentenwohnheim, das der Verein "München Internationales Wohnen" mit Hilfe des kirchlichen Vermögensverwalters Pro Secur bauen will. Etwa 110 Studierende sollen darin wohnen - das Erdgeschoss soll für interreligiöse Räume frei bleiben, die auch von der Stadtgesellschaft genutzt werden können. Dazu kommen etwa 15 Studierende aus aller Welt, die für ein Jahr im Haus wohnen, am College of Interreligious Studies ihren Master machen und bei interreligiösen Praktika Erfahrungen sammeln. Als dritte Säule fungiert das Münchner "Lehrhaus der Religionen" von Rabbiner Steven Langnas, das über Angebote der Erwachsenenbildung das neue Haus mit der Stadtgesellschaft vernetzt. Ein möglicher Standort für das Münchner Haus der Kulturen und Religionen könnte das Areal der Bayernkaserne sein, aber das steht noch nicht fest.

"Häuser der Religionen" gibt es bereits in anderen Großstädten. Welche Wirkung entfalten solche Zentren?

Rötting: Das sieht man gut am Beispiel von Bern: Das dortige "Haus der Religionen" - das von der Idee bis zur Eröffnung übrigens 24 Jahre gebraucht hat - wurde auf einem Unort gebaut, ein verwahrloster Schotterplatz nahe der Bahngleise. Heute heißt dieser Platz "Europaplatz", hat eine eigene Tramhaltestelle und verbindet wie eine Brücke die Altstadt mit einem multikulturell geprägten Viertel. Ein Koordinator kümmert sich um den Betrieb im Haus der Religionen, in dem es unter anderem einen Hindutempel, eine Mosche und Räume für die christlichen Kirchen gibt. Zentrum des Gebäudes ist ein Café, für dessen Betrieb sich die Religionsgemeinschaften monatsweise abwechseln.

Die Welt wächst immer mehr zusammen. Glauben Sie, dass religiöse Sprachfähigkeit die Schlüsselfertigkeit der Zukunft ist?

Rötting: Vor hundert Jahren hätte wahrscheinlich niemand gesagt, dass es nötig ist, eine Fremdsprache zu lernen. Heute ist das normal. Ich denke, es wird in Zukunft genauso notwendig sein, andere Religionen lesen zu können. Das Miteinander in der Gesellschaft funktioniert nur, wenn man den anderen versteht - auch mit seinem Glauben, seinen Hoffnungen und Träumen. Ich kenne Theologen, die ein Studienjahr in Jerusalem verbracht haben, und deren ganzes Leben deshalb vom Thema Ökumene geprägt wurde. Genauso kann das "Haus der Kulturen und Religionen München" zur Lebensschule für künftige Imame, Mönche, Pfarrer werden, die nach ihrem Studienjahr natürlicher auf andere zugehen können, weil sie es hier intensiv gelernt haben.

"Häuser der Religionen" stellen bei Tagung in München Konzepte vor

Zu einer Tagung mit dem Titel "Häuser der Religionen - Visionen, Formate und Erfahrungen" lädt die Evangelische Stadtakademie München am 23. und 24. Oktober ein. Anlass sei das seit 2017 in Planung befindliche "Haus der Kulturen und Religionen München". Bei der Tagung sollen Vertreter bestehender und in Planung befindlicher Häuser von ihren Konzepten berichten: das Haus der Religionen Bern, das Haus der Religion in Stuttgart, das House of One Berlin, sowie das Interfaith-Center New York, das House Coexist London und das Museum of World Religions Taipei.

Kooperationspartner für das Münchner "Haus der Kulturen und Religionen" sind der Verein "München Internationales Wohnen" (MIWO), das College of Interreligious Studies und das Münchner Lehrhaus der Religionen von Rabbiner Steven Langnas. Ein möglicher Standort des Zentrums liegt laut Homepage auf dem Gelände der Bayernkaserne. Der Projektvorstand ist interreligiös besetzt. Im Kuratorium sitzen neben Stadtdekanin Barbara Kittelberger und Jutta Höcht-Stöhr von der Evangelischen Stadtakademie auch Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam und Mustafa Yakaz, Vorsitzender des Münchner Muslimrats sowie Professoren der LMU, der Hochschule für Philosophie und der Universität Augsburg.

Bei der Auftaktveranstaltung am Mittwoch, 23.10., um 18 Uhr präsentieren sich die teilnehmenden Häuser der Religionen mit Infoständen im Alten Rathaussaal. Bei der Tagung am Donnerstag, 24.10., geht es von 10 bis 18 Uhr in der Stadtakademie um den Austausch von Erfahrungen und Konzepten. Anmeldung unter info@evstadtakademie.de

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