21.12.2018
Judentum

Jüdisches Museum Franken mit neuer Abteilung "Bürgerwelten"

Die neue Abteilung "Bürgerwelten" im Jüdischen Museum Franken in Fürth zeigt, wie Juden im 19. Jahrhundert vom sozialen und wirtschaftlichen Wandel profitierten und ins Bürgertum aufsteigen konnten. Die Exponate haben zum Teil eine weite Reise hinter sich.
Jüdisches Museum Fürth
Monika Berthold-Hilpert, Kuratorin des Jüdischen Museums Fürth, und Carole Meyers vor einigen Exponaten der US-Amerikanerin aus ihrer Fürther Familiengeschichte.

Wäre Carole Meyers abergläubisch, würde sie an den "Familienfluch" glauben, der voraussagt, sie werde in Fürth begraben. "Bisher sind alle in Fürth geborenen Mitglieder der Familie in den USA gestorben und umgekehrt", erklärt die Nachfahrin der Familien Midas und Nathan, die aus Los Angeles jedes Jahr in die Heimat ihrer Vorfahren kommt.

Dann besucht sie das Haus der Großeltern am Bahnhofsplatz 3 und das Jüdische Museum Franken. Dessen neuer Abteilung "Bürgerwelten" hat Meyers Exponate vermacht, die den gesellschaftlichen Aufstieg des jüdischen Bürgertums in Fürth widerspiegeln. Und die schon so manche Reise auf sich genommen haben.

Der weite Weg eines Tafelgeschirrs

Zum zweiten Mal ist ein über hundert Jahre altes Tafelgeschirr jetzt in einer Vitrine zu sehen. Ende des 19. Jahrhunderts hatten es sich die emigrierten Fürther Henry und Clementine Zinn von den USA aus in Paris anfertigen lassen. Sie vererbten es an Enkelin Thea Irene Midas, die in Fürth lebte. Die wiederum nahm es 1938 mit nach Amerika, als sie vor den Nazis flüchten musste.

Theas Enkelin Carole brachte es schließlich wieder zurück nach Deutschland, nachdem sie in eine kleinere Wohnung umziehen musste und nicht wusste, wohin mit den alten Erbstücken. Einzelne Teile waren noch in Zeitungspapier von 1938 eingepackt. "Viele Familien wollen keinen Fuß mehr nach Deutschland setzen. Andere kommen regelmäßig wieder", meint Meyers.

Dauerausstellung präsentiert 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg

Kleidungsstücke, Bilder, Bücher, aber auch Kunstwerke und Fotografien aus der Zeit vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg schließen nun eine Lücke im chronologischen Ausstellungsprogramm des Museums, erklärt Museumsleiterin Daniela F. Eisenstein.

Gerade die vielen biografischen Bezüge der im zweiten Stock des Hauses eingerichteten Schau würden dem Besucher einen authentischen Zugang zum bürgerlichen Leben in Fürth schaffen. Deutlich werde, dass die im 19. Jahrhundert vom Staat immer breiter gewährten Rechte den Juden den gesellschaftlichen Aufstieg in Fürth ermöglicht haben.

Beispielhaft sieht man in der Schau den Spazierstock von Adolph Simon Ochs (1858-1935), dem langjährigen Verleger der New York Times. Eine Fotografie aus dem Jahr 1930 zeigt ihn am Grab seiner Großeltern in Fürth. Sein Vater Julius Ochs war 1846 von Fürth aus in die USA ausgewandert.

Familiengeschichte der Meyers

Eine eigene Wand ist der Familiengeschichte von Carole Meyers gewidmet. Gezeigt wird eine Fotografie ihrer Großmutter Thea Irene Nathan als Kind sowie eine Skizzenzeichnung des Malers Hermann Kaulbach. Das Original des Gemäldes "Die kleine Dame", für das Thea Irene extra aus Paris gekaufte eingeflogene Kleidung trägt, gilt als verschollen. Es befand sich 1939 im Auswanderungsgepäck, kam aber nie in Amerika an. 1976 tauchte das Porträt in einer Versteigerung des Auktionshauses Neumeister auf, seitdem fehlt aber jede Spur.

Die Großeltern hatten auch Spiele und Kleidungsstücke ihrer Tochter Margarete aufgehoben und ins Exil mitgenommen und dort aufbewahrt. "Das zeigt, wie tief verbunden sich manche Emigranten mit ihren Wurzeln fühlen", ergänzt Eisenstein.

Viele Fürther Juden wanderten aus

Auch wenn sich das Leben der Juden des gehobenen Mittelstands rein äußerlich nicht viel vom Leben der anderen Bürger ähnlicher Herkunft unterschieden hat, sind die Spuren wohlhabender jüdischer Familien in Fürth heute noch sichtbar. Kuratorin Monika Berthold-Hilpert erinnert an viele soziale Stiftungen und Kunstwerke wie den Centaurenbrunnen am Bahnhofsplatz. Da um die Jahrhundertwende die Gesetzeslage für Juden in ganz Bayern immer strenger wurde und beispielsweise immer nur der älteste Spross der Familie sich wieder vermählen durfte, habe es viele Juden ins Exil gezogen.

Das Jüdische Museum Franken wird von einem Verein aus der Mittelfranken-Stiftung Natur-Kultur-Struktur des Bezirkes, der Stadt Fürth, dem Landkreis Nürnberger Land sowie der Gemeinde Schnaittach getragen. Die Ausstellung wird von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern gefördert.

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