22.12.2018
Sozialarbeit in Regensburg

Streetworker: Situation auf der Straße verschärft sich

Bahnhofsviertel in Großstädten gleichen sich: Die Gegend ist meist verrufen. Junkies, Alkoholkranke und Obdachlose hängen hier ab. Polizeirazzien sollen für mehr Sicherheit sorgen. Doch der Regensburger Streetworker Ben Peter bezweifelt, dass sie etwas bewirken.
Ben Peter, Streetworker in Regensburg

Ben Peter sucht Orte auf, um die andere einen Bogen machen: Straßen, Plätze und Parks im Bahnhofsviertel. Drogenabhängige und Alkoholiker, Bettler und Obdachlose sind hier zu Hause. Sie treffen sich an diesen Orten des Kommens und Gehens, um nicht allein zu sein. "Wir sind alle eine Clique hier. Wohin sollen wir sonst gehen", sagt Bekir. Der 42-Jährige hat vor Kurzem seine Arbeit verloren, wegen eines Betriebsunfalls. Weil er einen Antrag nicht rechtzeitig stellte, blieb das Geld aus. Bekir wurde rückfällig: Er ist drogenabhängig. "Alle schauen zu, wie du immer weiter sinkst", sagt er. Ben Peter geht auf ihn zu, hört ihm zu, redet mit ihm.

Wie Streetworker Menschen auf der Straße helfen

Seit acht Jahren arbeitet der studierte Sozialwissenschaftler für die Caritas Regensburg auf der Straße und nimmt Kontakt zu Menschen auf, die drohen, in unserer Wohlstandsgesellschaft verloren zu gehen. In den vergangenen Jahren habe sich die Situation für seine Klientel verschärft. Immer schwerer sei es, Wohnraum zu finden. "Wohnraum schafft aber Struktur und Stabilität." Wenn selbst Arbeitende keine Wohnung fänden, wie sollen es Menschen schaffen, für die jeder Rückschlag eine Katastrophe sei, weil sie keine finanziellen Reserven haben. "Ein Streetworker kann keinen Wohnraum schaffen", sagt Peter.

Was Peter in letzter Zeit auch auffalle, sei, dass seine Klienten immer älter würden. Nach 20 Jahren Alkohol- oder Drogenabhängigkeit bestehe kaum eine Chance, sie aus der Sucht zu bekommen. "Trotz Substitutionsangeboten sind sie den Sozialsystemen entglitten." Der Streetworker macht trotzdem weiter: Er sucht Beratungstellen mit ihnen auf, hilft bei Problemen mit der Justiz, begleitet zu Ämtern, weil viele Hemmungen haben, allein dort hinzugehen, oder weil sie die Bescheide nicht verstehen, weiß Peter.

Stadt versucht Abhängige und Obdachlose zu vertreiben

Vom Bahnhof aus führt die Maximilianstraße in die historische Altstadt, Kunst und Kommerz dominieren hier. Seit Langem versucht die Stadt, die Bahnhofsklientel aus dem Viertel zu bekommen. Kameras wurden installiert, um die Dealer von den Plätzen fernzuhalten. Bänke, auf denen Alkoholkranke ihr Delirium ausschliefen, wurden entfernt, weil man glaubte, damit sei das Problem aus der Welt geschafft, Razzien mit Polizeihunden sollten die Junkies vertreiben. Alles Maßnahmen, um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger zu stärken. "Bewirkt hat es nichts und wenn doch, dann nur für kurze Zeit", sagt Peter. Wenig später befänden sich dieselben Menschen wieder an Ort und Stelle. Das Bahnhofsviertel sei das Wohnzimmer der verlorenen Existenzen. "Sie haben nichts mehr zu verlieren. Die Stigmatisierung begleitet sie schon zu lange."

Der Streetworker setzt der Scham ein trotziges "Hier bin ich!" entgegen: neon-grüne Jacke, hellgrüne Turnschuhe, selbst die Haare sind grün gefärbt. Seine Botschaft: Anderssein ist erlaubt. Im Hotspot der Stadt sei das von Vorteil: Jeder sieht ihn, viele kennen ihn. Zu etwa 300 Menschen, die mehr oder weniger auf der Straße leben, hält er Kontakt. Meist bringe er etwas zu essen mit, rede mit ihnen oder rufe per Handy Informationen ab, um erste Schritte der Stabilisierung in die Wege zu leiten.

Peter tritt für Humanität ein

Der Winter steht vor der Tür, das macht Peter zurzeit am meisten Sorgen. Im Bahnhofsgebäude, in das sich bei Kälte viele flüchten, herrscht zum ersten Mal Alkoholverbot. Wer dagegen verstößt, wird mit Bußgeld, Verwarnung und Hausverbot bestraft. Liegt eine Vorstrafe vor, droht sogar Gefängnis. "Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit", fragt er. Auf dem Bahnhofsvorplatz ist ein Glühweinstand aufgebaut. Wer es sich leisten kann, dort zu kaufen, werde nicht bestraft. "Ich frage mich, ob man nicht humaner mit ihnen umgehen könnte", sagt er.

Solche Maßnahmen befeuerten nur den Teufelskreis: Geldnot, Gefängnis, Wohnungsverlust. Armut sei zu selten Thema der öffentlichen Debatte. Statt auf die Ärmsten zuzugehen, würden sie lieber verschwiegen. "Eigentlich müsste man ihnen sagen: 'Es ist schön, dass du noch Lust hast zu leben.'" Ben Peter läuft sich täglich die Schuhe ab, um diesen Satz zu verbreiten.

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