3.11.2020
Musik

Warum der Treuchtlinger Kantor Raimund Schächer ein Orgelwerk für Auschwitz-Opfer geschrieben hat

Das Schicksal einer Vierjährigen, die in Auschwitz ums Leben kam und deren Geschichte im Frühjahr auch im TV erzählt wurde, inspirierte den Treuchtlinger Kantor Raimund Schächer zu einer Orgelfantasie, die es bis an die US-amerikanische Harvard-Universität schaffte.
Raimund Schächer an der Orgel in der Treuchtlinger Markgrafenkirche.

Angstvoll blickt Gerti Mermelstein in die Kamera, die wahrscheinlich von Bernhard Walter bedient wurde. Der 1979 verstorbene Fürther hat für das sogenannte "Auschwitz-Album" viele Fotos von Juden im deutschen Vernichtungslager in Polen von deren Ankunft bis zum Gang in die Gaskammern gemacht.

Das Bild der kleinen Gerti, die mit Mutter, Schwester und Großmutter unmittelbar vor ihrer Ermordung noch nicht ahnt, was passieren wird, ist eines der eindringlichsten Aufnahmen der im Januar im ZDF und im August auf arte ausgestrahlten Dokumentation "Ein Tag in Auschwitz". "Mich hat die Sendung und vor allem der Gesichtsausdruck des kleinen Mädchens tief berührt. In dieser Stimmung habe ich mich ans Klavier gesetzt und meine Fantasia geschrieben", erinnert sich Raimund Schächer an den Moment, aus dem sein "Opus 60" entstanden ist.

Stück besteht aus vier Teilen

Das rund sechs Minuten lange Stück besitzt vier Teile. Der erste, mit "fließend" überschriebene Part symbolisiert in getragenen Akkorden die Unschuld der Kindheit und geht über in Anklänge an die Hatikwa, die Nationalhymne des Staats Israel. Dann folgen zwölf rhythmisch aggressive und harmonisch vertrackte Takte, stellvertretend für die zwölf Stämme Israels und die Erfahrung von Deportation und Leid. Zum Schluss folgt noch ein versöhnlicher Teil, in den Schächer einige Anspielungen auf Johann Sebastian Bachs Requiem für dessen erste Frau Maria Barbara eingewoben hat.

Gewidmet ist Schächers Stück dem US-amerikanischen Organisten Carson Cooman, der an der Universität Harvard und deren Memorial Church arbeitet. "Ein echter Freak, der trotz seiner erst 38 Jahre schon über 1000 Stücke selbst komponiert und zahlreiche Werke anderer Komponisten aufgeführt und ins Netz gestellt hat", erklärt der Kirchenmusikdirektor. Auch seine "Fantasia" ist mittlerweile auf YouTube zu finden. Und zusammen mit Cooman habe er auch Kontakt zu Irene Weiß aufgenommen, einer Cousine Gerti Mermelsteins, die im US-Bundestaat Virginia lebt. Die Notenausgabe ist kürzlich beim Cornetto-Verlag in Stuttgart erschienen. Von jedem verkauften Exemplar (sieben Euro) geht ein Drittel als Spende für Holocaust-Überlebende an die Gedenkstätte Yad Vashem Jerusalem.

Stück wurde im Gottesdienst noch nicht aufgeführt

Im Gottesdienst kam das Werk bisher noch nicht zum Einsatz – als Orgelnachspiel ist es zu lang, und wegen den coronabedingten Einschränkungen gab es bisher noch keine Gelegenheit, einen geeigneten Konzerttermin zu finden, in dessen Programm man es hätte einfügen können.

Doch mit dieser Problematik kämpfen nicht nur Raimund Schächer, sondern auch die zahlreichen Chöre und Organisten in Heidenheim, Pappenheim und Treuchtlingen. Immerhin ist Schächer froh, wieder mit der Ausbildung junger Organisten weitermachen zu können. Aktuell habe er in beiden Dekanaten jeweils drei Nachwuchsspieler. "Es könnten mehr sein, ich bin aber über jeden froh, der die Ausbildung antritt", erklärt der Musiker, der in diesem Jahr seinen 35-jährigen Dienst in Treuchtlingen feierte.

Gerti Mermelstein wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Durch Schächers "Fantasia" wird das kleine Mädchen, das nur so kurz lebte und so unnötig starb, wieder lebendig.

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