Kommentar
Vor einigen Wochen hat die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) für den islamischen Religionsunterricht ins Boot geholt. Die Ditib-Zentrale in Köln ist der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara unterstellt. Diese bekommt, laut dem Grünen-Politiker Cem Özdemir, ihre Anweisungen vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Bekommt der türkische Präsident damit nun Zugang zu deutschen Klassenzimmern?
Kinder im Unterricht
Zwei Kinder sind in eine Schulaufgabe vertieft.

Der Bürgerkrieg in Syrien währt nun schon seit zehn Jahren – und es hat nicht den Anschein, dass das Leid der Bevölkerung dort ein Ende findet. Momentan sichern sich die sogenannten Drittstaaten dort ihre Einflusssphäre. Die Verlierer sind vor allem die Minderheiten im Norden und Westen des Landes: Christen, Kurden, Alawiten und Jesiden.

Die türkische Religionsbehörde Diyanet lässt momentan nach Informationen von Menschenrechtlern vermehrt Moscheen in jesidischen Dörfern in der nordsyrischen Region Afrin errichten. Damit versucht der türkische Staat, die Islamisierung der einst multireligiösen Region voranzutreiben. Die Türkei verbreitet dort eine besonders radikale Auslegung des sunnitischen Islam, kritisierte jetzt die Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

Nach der Vertreibung der Jesiden werden Muslime angesiedelt

Im einst jesidischen Dorf Shadere südlich von Afrin-City leben noch 45 Personen jesidischen Glaubens, vor der türkischen Besatzung waren es 450. Nachdem die meisten Jesiden vertrieben wurden, hat die Türkei dort Muslime angesiedelt. Und nun wird dort eine Moschee gebaut – mit radikaler Ausrichtung.

Was in den Moscheen und neuen Koranschulen in der Region Afrin gepredigt werde, bestimme Diyanet, erklärt der Nahostexperte der Menschenrechtsorganisation, Kamal Sido. "Oft müssen schon kleine Mädchen ein Kopftuch tragen. Während des letzten GazaKonflikts wurde an den Moscheen zudem massiv gegen Israel und Juden gehetzt", ergänzt er.

Nordrhein-Westfalen holt die Ditib für den islamischen Religionsunterricht ins Boot

Die türkische Religionsbehörde Diyanet agiert auch in Deutschland – zunehmend als Partner des Staates, zum Beispiel unter dem Namen Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Die Ditib-Zentrale in Köln ist der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Ankara unterstellt. "Sie bekommen ihre Anweisungen vom türkischen Staatspräsidenten", sagt der Grünen-Politiker Cem Özdemir.

Vor einigen Wochen hat nun die von CDU und FDP getragene Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Ditib für den islamischen Religionsunterricht ins Boot geholt. Bekommt der türkische Präsident nun Zugang zu deutschen Klassenzimmern? Kann er nun auch dort seinen Islamismus verbreiten? NRW-Ministerpräsident Armin Laschet sollte die Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Moscheeverband schnellstens beenden. Liberale und integrationswillige muslimische Partner stehen für eine Kooperation bereit. Und sollte er Bundeskanzler werden, ist ein harter Kurs gegen das islamistische NATO-Mitglied Türkei nötig – zum Schutz der Minderheiten in den angrenzenden Ländern.

Weitere Artikel zum Thema:

Islamunterricht in Bayern

Der Koran ist die heilige Schrift im Islam.
Nach zwölf Jahren als Modellversuch soll der Islamunterricht von September an in Bayern als Wahlpflichtfach wie etwa Ethik angeboten werden - zumindest für die Schülerinnen und Schüler, die am Modellversuch teilgenommen haben. Der Unterricht soll ein Weg sein, um der Radikalisierung junger Muslime entgegenzuwirken. Doch es gibt viel Kritik. Ein Kommentar von Helmut Frank.

Islam & Christentum

Stefan Ark Nitsche und Abdel-Hakim Ourghi im Gespräch
Der christlich-islamische Dialog steckt vielerorts in der Sackgasse, weil die Kirchen zu sehr auf die konservativen islamischen Dach­verbände gesetzt haben. Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi steht für einen Islam, der mit den westlichen Werten und dem Grundgesetz vereinbar ist. Er traf im Redaktionsgespräch des Evangelischen Presseverbands mit dem Nürnberger Regionalbischof Professor Stefan Ark Nitsche zusammen.

Leserbrief

Gabriele Triebel, Abgeordnete im Bayerischen Landtag
In seinem Kommentar: "Warum der Islamunterricht nicht in die Hände der muslimischen Verbände geraten darf" kritisiert Chefredakteur Helmut Frank die Forderung der Grünen-Partei nach einem konfessionell gebundenen islamischen Religionsunterricht in Bayern. Die "sehr verkürzte Darstellung des Autors" veranlasste die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel dazu, im Nachgang noch drei Aspekte in einem Gastbeitrag klarzustellen.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*