Kommentar
Flucht, Asyl, Migration und Dschihadismus: über deutsche Deutungsreflexe nach Anschlägen und den Messerangriff von Würzburg. Ein Kommentar von Markus Springer
Kiliansdom Würzburg
Dom St. Kilian in Würzburg.

"Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich darauf", sagte die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt im November 2015 vor dem Hintergrund der damaligen Grenzöffnung für Flüchtlinge. Auch der Würzburger Täter Abdirahman J. A. kam damals im Mai nach Deutschland und beantragte Asyl. Die Stadt ist seit 2015 nun schon zum zweiten Mal Schauplatz eines Messerangriffs geworden.

Jede neue Bluttat durch Menschen mit Fluchtgeschichte löst einen reflexartigen Deutungsstreit aus: Wenn die Medien über "psychische Probleme" des Täters spekulieren, ist das für die einen der Beweis, wie die Wirklichkeit eines veränderten Landes beschönigt wird, wo es andererseits Hinweise auf eine islamistische Gesinnung gibt ("Dschihad!", "Allahu akbar!"). Andere tun derlei Hinweise als unerheblich ab und verweisen auf die Traumatisierungen, die Geflüchtete oft mitbringen.

Zu den Themen, die die Gesellschaft spalten und polarisieren, gehört auch das Thema Migration. Wie stets täten mehr Ehrlichkeit und Augenmaß gut – auf beiden Seiten. Zur Wahrheit gehört: Ja, Zuwanderung bewirkt viel Gutes, ökonomisch und kulturell. Aber zugleich: Ja, Migration schafft reale Probleme und Gefährdungen.

Nicht jeder Zuwanderer ist eine Bereicherung für dieses Land. Es gibt Herkunftskulturen, die nicht von vornherein mit der Leitkultur von Grundgesetz und Humanismus kompatibel sind, die bei uns gelten sollte. Wir müssen sie noch entschlossener und nicht nur mit Sonntagsreden verteidigen – übrigens auch gegen alle Rassisten und rechten, neo-nationalen Feinde der offenen Gesellschaft.

Wer, wo es nötig ist, Probleme anspricht, die Migration mit sich bringt, sollte nicht von vornherein unter Rassismus- oder Rechtsverdacht gestellt werden, auch wenn Applaus von den Falschen droht. Lagerdenken ist Teil des Problems.

Die Opfer des Messerangriffs am vergangenen Freitag waren Frauen. Die tote Mutter, die sich schützend vor ihre elfjährige Tochter A. warf, war Brasilianerin, eine Migrantin. Gegen jedes Schwarz-Weiß-Denken hilfreich ist auch, dass es von Passanten aufgenommene Videos vom Würzburger Täter gibt. Sie demaskieren die hetzerische Schlagseite der Bildzeitungs-Schlagzeile vom "Killer von Würzburg". Welcher planvolle "Killer" oder islamistische Attentäter führt seine Tat barfuß mit einem Woolworth-Messer aus? Zur polarisierenden Streitfrage "Islamist oder Verwirrter?" gibt es in diesem Fall Bilder, die die Antwort "beides" bezeugen.

Die Videos zeigen noch mehr Hilfreiches gegen Schubladendenken: Passanten versuchen, den Täter zu stellen und zu stoppen, bevor die Polizei den Tatort erreicht. Einige dieser mutigen Mitbürger waren ersichtlich keine Biodeutschen. Einer der ersten, die sich Abdirahman J. A. entgegenstellten, wehrte den mit seinem langen Messer fuchtelnden Somalier mit seiner Tasche ab. Der Mann heißt Chia Rabiei. Er ist Kurde und iranischer Staatsbürger. Und er lebt als Asylsuchender in einer Würzburger Unterkunft.

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