Immersive Ausstellungen boomen. Als die Markuskirche Anfang 2025 eine immersive Licht- und Videoshow präsentierte, strömten Tausende zu der 30-minütigen Show. Für die "360-Grad-Reise" über das Werk von Vincent Van Gogh, die ab Oktober 2025 im Münchner Utopia gezeigt werden soll, gibt es eine Warteliste.
Und nun die Kunsthalle München: Mit der Ausstellung "Digital by Nature", die bis März 2026 zu sehen ist, wird immersive Kunst nun endgültig in den musealen Nimbus aufgenommen.
Immersive Kunst boomt
Immersive Kunst trifft einen Nerv. Vielleicht liegt es daran, dass diese Ausstellungen ein neues, alle Sinne ansprechendes Erlebnis bieten: Sehen und Hören, Bewegen und Spüren. Oder ist es die Verzahnung von Technologie und Kunst?
Wir wischen und tippen täglich auf unserem Smartphone herum – nun können wir mit unserem Körper die Algorithmen beeinflussen und Bilder in Bewegung setzen.
Dass immersive Kunst nicht nur Kunstfreaks anspricht, sondern die breite Masse, scheint die Ausstellung in München zu bestätigen: Am Eröffnungsabend stand das erlebnishungrige Münchner Publikum in einer langen Warteschlange, um in die Ausstellung zu gelangen.
Miguel Chevalier in der Kunsthalle München
Zwei Wochen lang werkelte eine Armada von Technikern, um die Münchner Kunsthalle in ein digitales Erlebnis der besonderen Art zu verandeln: Das Museum präsentiert die bislang größte Einzelausstellung von Miguel Chevalier in Europa.
Miguel Chevalier gilt als einer der Pioniere der digitalen Kunst in Frankreich und ist insbesondere für seine generativen virtuellen Kreationen bekannt, die sich mit Natur und Künstlichkeit, der Vorstellung von der Stadt oder auch Strömungen und Netzwerken befassen.
Chefkuratorin Franziska Stöhr, die am Eröffnungsabend unter dem lauten Applaus des Publikums zur stellvertretenden Direktorin ernannt wurde, entwickelte für die Schau einen Parcours, der einen Überblick über das Schaffen des Künstlers vermittelt und zugleich etliche Arbeiten zeigt, die eigens für die Räume kreiert wurden.
Miguel Chevalier bewegt sich in seinem Werk seit jeher zwischen der digitalen und analogen Welt. Der in Mexiko geborene französische Künstler arbeitet seit den 1970er Jahren mit dem Computer und lässt sich dabei inspirieren von Meistern wie Velasquez, Rivera, Man Ray oder Monet.
Der Computer dient ihm als "kreativer Partner" für Werke, die ein "sinnliches Erleben über die reine Materialität hinaus schaffen sollen", wie er im Interview erklärt. Um seine Visionen und Ideen umzusetzen, wird Chevalier inzwischen freilich von einem ganzen Team von Technikern, Entwicklern, Musikern und Grafikern unterstützt.
Werkschau von Miguel Chevalier zeigt neue Arbeiten
Die Werkschau zeigt die gesamte Bandbreite der Arbeiten Chevaliers. Zu sehen sind rund 120 Werke, darunter Tapisserien ebenso wie ein zeichnender Roboter, 3-D-Skulpturen, Druckgrafiken oder Objekten.
Beeindruckend sind die raumfüllenden interaktiven Installationen. Die dunklen Räume mit ihrer sphärischen Musik und den fluoreszierenden und wabernden bunten KI-generierten Bildern verändern sich mit den Bewegungen der Besucher.
Etwas deplaziert wirken die Erklärtexte an den Wänden. Hier haben die Kuratoren völlig auf eine Einordnung des Werkes verzichtet. Statt dessen liefern sie kurze Erläuterungen zu Begriffen wie "Pixel", "Boxel" oder "Algorithmus".
Eine kunsthistorische Diskussion über Wert und Bedeutung immersiver Kunst und die Veränderung der Rolle des Künstlers wird offenbar lieber vermieden. Statt dessen gibt es pädagogische Begleithefte für Kinder und Führungen für die ganze Familie.
Ob nun die Besucher*innen die Ausstellung von Miguel Chevalier als unvergessliches Erlebnis abspeichern werden, wird sich zeigen. Am Eröffnungsabend entsteht jedenfalls eher der Eindruck, dass viele Besucher*innen die Ausstellung eher für sich selbst nutzen - nämlich als riesige Leinwand für Selfies und Videos. Disko-Kitsch at it's Best.
Interview mit Miguel Chevalier
Sein Werkzeug ist der Computer, und was er schafft, ist digitale Kunst: Miguel Chevalier erklärt im exklusiven Sonntags-Interview mit Rieke Harmsen, wie er die immersive Kunst erfindet und umsetzt.