24. April 2021
Judentum in Bayern

Synagogen in Unterfranken: Gedenkband erschienen

Mehr als 200 jüdische Gemeinden gab es in den 1930er Jahren in Bayern - die Mehrheit in Franken, vor allem in Unterfranken. Das seit fast 20 Jahren laufende Projekt Synagogen-Gedenkband hat in aufwendiger Arbeit ihre Geschichte zusammengetragen.

Am 25. April endet ein beinahe 20-jähriges Projekt: Dann werden im jüdischen Würzburger Gemeindezentrum "Shalom Europa" die letzten beiden Bücher des bayerischen Synagogen-Gedenkbandes "Mehr als Steine" präsentiert. Die dann insgesamt fünf Bücher in drei Bänden dokumentieren nicht nur alle Synagogen, die in den 1930er Jahren in Bayern genutzt wurden. "Unser Ziel war immer auch zu zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen Nichtjuden und Juden entwickelt hat", erläutert Mitherausgeber Wolfgang Kraus, evangelischer Theologie-Professor an der Uni des Saarlandes.

Die Geschichte hinter dem Buchprojekt

Das Buchprojekt war bereits 2002 gestartet - und geht auf eine Initiative des gebürtigen Nürnbergers Meier Schwarz zurück. Er wurde 1939 als Jude mit einem der letzten Kindertransporte nach Jerusalem gebracht - seine gesamte Familie wurde von den Nazis ermordet. Später war er als Hydrobiologe an der Uni Haifa tätig und entwickelte die Methode der Tröpfchenbewässerung mit. Als er Mitte der 1980er Jahre für einen wissenschaftlichen Kongress in Deutschland unterwegs war, wollte er seine Geburtsstadt und die dortige neu-orthodoxe Synagoge Adass Jisroel besuchen.

"Meier Schwarz stand damals in Essenweinstraße 7 und fand dort ein Kaufhaus und eine Tankstelle - keine Gedenktafel, nichts, das an die einstige Synagoge erinnert hätte", sagt Kraus. Damit wollte sich Schwarz nicht abfinden. Dank seines Engagements kam ein erster Band des "Gedenkbuchs der Synagogen in Deutschland" zu Nordrhein-Westfalen heraus. Doch Schwarz wollte mehr - auch eine ausführlichere Dokumentation aller bayerischen Synagogen. Mit diesem Ziel trat er unter anderem an Wolfgang Kraus heran, der ursprünglich Pfarrer der bayerischen Landeskirche ist.

Eine Idee wächst mit der Zeit

"Wir bekamen einiges an Material vom Synagogue Memorial in Jerusalem geliefert", erinnert sich Kraus. Doch das meiste davon war "graue Literatur", also aus wissenschaftlicher Sicht eher nicht wirklich zuverlässige Quellen. "Ursprünglich war Meier Schwarz' Plan, dass der Gedenkband für Bayern in drei bis fünf Jahren entstehen sollte", sagte der Theologe. Schnell war klar, dass dieser Zeitplan nicht zu halten sein würde. Und dass zwei Stipendiaten, die promovieren wollten, als Personal nicht ausreichten. Auch ein Band als geplanter Umfang für ganz Bayern schien unrealistisch.

Das Gedenkband-Projekt wuchs über die Jahre, das sieht man auch an den Umfängen: Der erste Band (2007) für Schwaben, die Oberpfalz, Oberfranken, Ober- und Niederbayern umfasste 560 Seiten, der zweite (2010) für Mittelfranken 820 Seiten, der dritte für Unterfranken (2015) um die 880 Seiten - und das war nur der erste Teil. Der nun erscheinende zweite Teil über die Gemeinden im östlichen Unterfranken besteht aus zwei Büchern mit gut 1.780 Seiten, sagt Kraus: "Aus der Archiv-Recherche der Anfangszeit wurde immer häufiger intensive Vor-Ort-Quellenrecherche."

Ein einzigartiges Projekt geht zu Ende

Das Autoren-Team rund um die drei aktuellen Herausgeber Kraus, Hans-Christoph Dittscheid und Gury Schneider-Ludorff habe sich von Anfang an eine wichtige Auflage gemacht: "Wir stellen dar, wir bewerten nicht." Als ein Beispiel von vielen erinnert Kraus an den Fall der Nördlinger Synagoge. Bis in die 1990er Jahre standen noch Teile des Gebäudes, bevor sie für ein Seniorenwohnheim abgerissen wurden. "Das Bewusstsein, dass es sich bei früheren Synagogen um erhaltenswerte Denkmäler handelt, entwickelte sich nachhaltig erst ab Mitte der 1990er Jahre", sagt Kraus.

Dass das fast zwei Jahrzehnte währende Projekt nun endet - für Professor Kraus schön und schade zugleich: "Ich bin froh und dankbar, dass wir den Synagogen-Gedenkband in dieser Form vollendet haben." Wie in fast jedem wissenschaftlichen Vorhaben steckten "zehn Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration" darin. Dass der Gedenkband im aktuellen Festjahr "1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland" fertiggestellt wurde, sei "freilich Absicht", sagt der Theologe schmunzelnd. Feststeht jedenfalls: In dieser umfassenden Form ist die Dokumentation einzigartig.

Gedankband Synagogen ist ein  "Großer Schatz"

Finanziert wird und wurde das Projekt größtenteils über den Freistaat und die bayerische Landeskirche, die dafür Stellen zur Verfügung stellte. Präsentiert wird es nun erst einmal vor einem "kleinen, dafür allerdings prominenten Publikum", sagt Kraus. Zur Buchvorstellung kommen neben Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx unter anderem auch der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, Bayerns Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle sowie Landtags-Vizepräsident Karl Freller.

Die prominenten Gäste würdigten das Projekt zum Abschluss bereits in Vorworten für den abschließenden Band. Schuster zum Beispiel würdigt den Gedenkband als "großen Schatz". Niemals zuvor habe man einen "so detaillierten und historisch fundierten Überblick" über die jüdischen Gemeinden in Bayern gehabt. Der Landesbischof wiederum betonte die Verpflichtung der Kirche, die Erinnerung an die Geschichte wachzuhalten, die auf christlicher Seite viele Jahrhunderte "von Ab- und Ausgrenzung" bestimmt gewesen sei.

Mehr als Steine: Synagogen-Gedenkband Bayern

Teilband III/2: Unterfranken

Mit der Zerstörung der Synagogen in Deutschland in den Novemberpogromen 1938 ging eine jahrhundertealte Tradition jüdischen Lebens in unserem Land fast völlig zugrunde. Um die Erinnerung an die Bauten und ihre Gemeinden zu bewahren, werden - auf Anregung des Synagogue Memorial Institute Jerusalem - bundesweit Synagogen-Gedenkbände erstellt.

Den jüdischen Gemeinden in Bayern und ihren Gotteshäusern wird mit dem Synagogen-Gedenkband Bayern, dessen Abschluss der vorliegende Teilband bildet, in Text und Bild ein Denkmal gesetzt: Das Werk dokumentiert umfassend die jüdische Geschichte aller Orte, in denen es um 1930 auf dem Gebiet des heutigen Bayern Synagogen und Beträume gab. Den Kern des dreibändigen Werks mit über 4.000 Druckseiten bilden mehr als 200 Ortsartikel, in denen die Entwicklung der jeweiligen jüdischen Gemeinden im Zusammenhang mit dem Bau ihrer Synagogen dargestellt wird.

Das Buch kann bei Buch7 bestellt werden unter diesem Link.

Der vorliegende Teilband III/2 enthält die Orte folgender Landkreise in Unterfranken:

. Bad Kissingen:
o Bad Brückenau
o Bad Kissingen
o Bonnland
o Dittlofsroda
o Geroda mit Platz und Schondra
o Hammelburg
o Maßbach mit Thundorf
o Oberthulba
o Poppenlauer
o Steinach an der Saale
o Untererthal
o Unterriedenberg
o Völkersleier
o Westheim/Hammelburg
o Zeitlofs

. Haßberge:
o Aidhausen
o Burgpreppach
o Ebelsbach
o Ermershausen
o Haßfurt
o Kleinsteinach
o Lendershausen-Hofheim
o Maroldsweisach
o Memmelsdorf mit Gleusdorf
o Schweinshaupten
o Westheim bei Haßfurt

. Rhön-Grabfeld:
o Bad Königshofen im Grabfeld
o Bad Neustadt an der Saale
o Bastheim mit Reyersbach
o Eichenhausen mit Rödelmaier
o Höchheim
o Kleinbardorf
o Kleineibstadt
o Mellrichstadt
o Nordheim vor der Rhön mit Hausen
o Oberelsbach mit Weisbach
o Oberwaldbehrungen
o Trappstadt
o Unsleben
o Willmars mit Weimarschmieden und Friedhof Neustädtles

. Kitzingen:
o Altenschönbach
o Dettelbach mit Bibergau
o Dornheim
o Großlangheim mit Rödelsee
o Hüttenheim mit Bullenheim
o Kitzingen mit Hohenfeld und Sickershausen
o Kleinlangheim
o Mainbernheim
o Mainstockheim
o Marktbreit mit Gnodstadt, Marktsteft, Obernbreit und Segnitz
o Nenzenheim
o Prichsenstadt mit Kirchschönbach
o Wiesenbronn

. Stadt und Landkreis Schweinfurt:
o Frankenwinheim
o Gerolzhofen
o Gochsheim mit Schwebheim
o Lülsfeld
o Niederwerrn
o Obbach mit Euerbach
o Oberlauringen
o Schonungen
o Schwanfeld mit Untereisenheim
o Schweinfurt mit Obereuerheim und Werneck
o Theilheim
o Zeilitzheim mit Öttershausen
 

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