7. April 2021
Judentum in Bayern

Jüdische Friedhöfe in Bayern sind schön - auch ohne Blumenschmuck und regelmäßige Grabpflege

Gräber von Efeu umrankt, Steinchen statt Blumen auf Grabmälern: Jüdische Friedhöfe haben etwas Magisches, fast geheimnisvolles. Wie beerdigen eigentlich Juden ihre Verstorbenen? Ein Blick auf ihre Bestattungskultur.
Jüdischer Friedhof Regensburg
Jüdischer Friedhof Regensburg

Vor dem Eintreten steht eine Geste des Respekts. Friedhofsführer Daniel Gürtler vom Verein "Geschichte für Alle" setzt sich eine Kippa auf, ehe er den Neuen Jüdischen Friedhof in Nürnberg betritt. Traditionsgemäß tragen Männer im "Haus der Ewigkeit", wie Juden Friedhöfe nennen, die kleine Kopfbedeckung. Generell sollte ein jüdischer Mann, wenn er das Haus verlässt und mehr als drei Schritte geht, den Kopf bedecken, sagt der in Nürnberg geborene Rabbiner Daniel Alter. Es sei ein Symbol des Respekts vor Gott. "In der christlichen Tradition ist es genau umgekehrt, da heißt es 'Hut ab zum Gebet' als Zeichen der Demut."

Jüdischer Friedhof Regensburg

Bis heute dient der Neue Friedhof, der 1910 eingeweiht wurde, der Jüdischen Gemeinde als letzte Ruhestätte für ihre Toten. Ins Auge sticht eine große Trauerhalle: Jeder Stein atmet hier Geschichte: Im Tahara-Haus und dem angrenzenden Verwalterhaus überlebten die wenigen in Nürnberg verbliebenen Juden, die gegen Kriegsende nicht mehr deportiert wurden.

Erst im Jahr 1970 wurden in die Aussegnungshalle auch die jüdischen Grabsteine aus dem 14. Jahrhundert zurückgebracht, die nach den Judenpogromen durch Christen entwendet und als Treppenstufen für die Lorenzkirche missbraucht wurden. Die Initiative zur Rückführung der Grabsteine ging von Arno Hamburger (1923 -2013) aus, dem langjährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg,

Sein Grab ist auch eines der auffälligen unter den rund 3.000 Gräbern, die auf dem Areal zu finden sind. Aber auch dort: Kaum Blumenschmuck, dafür liegen überall kleine Steine auf dem Grab. Ein Brauch, der aus der Zeit stammen dürfte, in der Juden auf der Flucht aus Ägypten durch die Wüste zogen, sagt Historikerin Sylvia Seifert aus Regensburg. "Friedhöfe waren damals nicht so ummauert wie heute. Wilde Tiere versuchten an die Gebeine zu kommen, deswegen hat man große Steine auf das Grab gelegt, um den Leichnam zu schützen." Der Kieselstein, den Trauernde heute mitbringen, ist also ein Relikt aus dieser Zeit.

Bestattungskultur im Judentum

Blumen sind auf einem jüdischen Grab eher ungewöhnlich, zwar nicht verboten, "aber eher eine Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft", sagt Seifert. Außerdem wären sie "unzweckmäßig, weil Juden nur zu den hohen Feiertagen und zum Jahrestag der Verstorbenen auf den Friedhof gehen". Frische Blumen würden im Haus der Ewigkeit nur verdorren.

Auch die Grabpflege ist nicht institutionalisiert wie auf christlichen Friedhöfen. Steine werden nicht von Moos gereinigt, die Grabinschriften nicht nachgezeichnet. Alles wird so belassen, wie es ist - mit dem Hintergedanken, dass die Totenruhe nicht gestört wird, sagt die Historikerin. "Im Gegensatz zur christlichen Religion warten die Juden noch auf den Messias. Wenn die Auferstehung kommt, dann sollen die Toten möglichst unverändert sein." Fallen im Herbst die Blätter auf das Grab, so sei das gut und werde respektiert. Und so haftet den jüdischen Friedhöfen eine Art morbider Charme an, den christliche Friedhöfe nicht haben. Sie wirken im Gegensatz dazu aufgeräumt, fast belebt.

Regensburg: Gräber im Judentum

Den alten jüdischen Friedhof an der Schillerstraße in Regensburg gibt es seit 200 Jahren. Zum ersten Mal wurde dort 1821 jemand bestattet. Den älteren Friedhof - schließlich war Regensburg eine mittelalterliche Metropole der Juden - mit seinen etwa 20.000 Bestatteten gibt es nicht mehr. Drei Wochen nach der Judenvertreibung 1519 zerstörten christliche Bürger den alten Friedhof vor dem Peterstor. 5.000 Grabsteine sollen damals weggeschleppt und als "Siegeszeichen" innerhalb des Stadtgebietes aufgestellt oder als kostenloses Baumaterial verwendet worden sein.

Der jüdische Ritus sieht es vor, dass Gräber nie aufgegeben werden. Jeder Tote werde in seinem eigenen Grab beerdigt, das Fleckchen Erde gehört ihm auf ewig. Das ist anders als im Christentum, wo Gräber nach einer gewissen Zeit aufgelassen werden. Auch Umbettungen seien im Judentum eher selten." Einzige Ausnahmen sind KZ-Begräbnisstätten, die Grabstätten dürfen aufgelöst und die Toten überführt werden", sagt Seifert. Das Gleiche gelte für Überführungen nach Israel, "weil es das gelobte Land ist".

Rituale vor der Bestattung

Wenn ein Mensch verstorben ist, werde er im Tahara-Haus gewaschen und in ein weißes Totengewand aus Leinen gelegt. Der hölzerne Sarg ist einfach gezimmert, egal welches gesellschaftliche Ansehen eine Person im Leben hatte.

"Im Tod und vor Gott sind alle Menschen gleich, das soll diese Vorschrift ausdrücken", sagt Seifert. Auch Begräbnisse seien einfach, aber würdevoll gestaltet.

Die Grabsteine wurden erst im Rahmen der emanzipatorischen Bewegung etwas prunkvoller. "Im Großen und Ganzen aber sind jüdische Grabsteine einfach gehalten." Es gebe eine Inschrift, einen Segensspruch, meistens den Davidstern, vielleicht noch ein Symbol, aber dann sei es auch schon gut. "Was ein Mensch im Leben erreicht hat, ist beim Begräbnis unwichtig."

Orthodoxe Juden lehnten Feuerbestattungen ab. Liberale Juden sind heute hingegen auch für Urnenbestattungen offen. Beim Begräbnis wird der Sarg ins Grab heruntergelassen, die Anwesenden erfüllen eine letzte Mizwa und geben Erde auf den Sarg. Ein naher männlicher Verwandter spricht ein Kaddisch-Gebet. Und wie beim Betreten des Friedhofs die Kippa obligatorisch ist, so haben sich beim Verlassen des Friedhofs alle Anwesenden die Hände gewaschen.

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