Der Theologe Christoph Stückelberger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ethischen Fragestellungen rund um den Finanzmarkt. In seinem neuen Buch zeigt er auf, wie Religionsgemeinschaften aus eigener Kraft Korruption bekämpfen können – und wie nicht nur leitende Geistliche, sondern auch Laien etwas gegen Korruption unternehmen können.

Herr Stückelberger, Sie sind Gründer und Präsident der Schweizer Stiftung "Globethics.net" und haben soeben ein Buch publiziert mit dem Titel "Corruption-free Religions are possible". Worum geht es?

Stückelberger: Wir alle wissen, dass die Korruption in vielen Gesellschaften sehr verbreitet ist. Und da stellt sich die Frage, ob Religionsgemeinschaften wie eine christliche Kirche, ein Tempel oder ein buddhistisches Kloster sich da freihalten können von Korruption. Ich habe festgestellt, dass sie leider Teil des Problems sind – aber auch Teil der Lösung. Mein Buch will Mut machen.

Eine Religion ohne Korruption ist möglich, aber dafür braucht es große Anstrengungen.

Das Buch widmet sich verschiedenen Religionsgemeinschaften. Wie ist Ihr Eindruck?

Stückelberger: Ich machte viele Schulungen im deutschsprachigen Raum mit Hilfswerken, Missionswerken und auch in Afrika und Asien, gerade kürlich webinare für Kirchen in Afrika und in Asien. Dabei habe ich festgestellt, dass in Ländern, in denen die Religionsgemeinschaften eine Minderheit sind, wie zum Beispiel in Indien, das Thema Korruption sehr heikel ist. Viele haben Angst, sie würden angeprangert. Und das war ein Grund zu sagen: Wir müssen zusammenstehen und dem etwas gegenüberstellen.

Außerdem haben wir gute Erfahrungen gemacht, etwa in Indonesien, wo Muslime und Christen gemeinsam gegen Korruption ankämpfen. Dasselbe gilt für Nigeria und andere Länder. Das Buch will Mut machen und zeigen, dass wir uns als Religionen nicht gegeneinander ausspielen, sondern sagen, wir haben eine Grundlage in unseren heiligen Texten gegen die Korruption – und nutzen diese, um das Problem zu bewältigen.

Wie können die Religionsgemeinschaften Korruption bekämpfen?

Stückelberger: Das Wichtigste für die Religionsgemeinschaften ist, dass sie das Thema von ihrem Kern her aufarbeiten, also von den heiligen Schriften, ob das nun die Bibel, der Koran oder die Bhagavad Gita ist. Die heiligen Texte sprechen alle Korruption an und sind sehr klar: Es gibt keine Rechtfertigung für Korruption. Und sie enthalten Warnungen und Hinweise, wie man damit umgehen kann und wie Korruption überwunden werden kann. Es ist wichtig, dass die Religionsgemeinschaften darauf Bezug nehmen in ihren Predigten, Meditationen, in religiösen Veranstaltungen oder im Unterricht.

Als zweiten Schritt müssen die Religionsgemeinschaften Maßnahmen innerhalb ihrer Organisation treffen. Es braucht klare Richtlinien, verstärkte Kontrollen und eine transparente Rechnungslegung. Im Buch ist ein Artikel über einen Manager, der ein Hindu-Tempel führen muss und Millionen zu verwalten hat. Es braucht da ein professionelles Management mit Rechnungsführung und modernen Standards der Transparenz.

Das Dritte ist im Wesentlichen eine Frage der Hierarchie und des Führungsverständnisses. Es sind immer noch vor allem Männer, also Pfarrer, Bischöfe, Gurus, die sich oft darauf berufen, dass sie direkt von Gott eingesetzt wurden oder von einer göttlichen Autorität, und dass sie damit außerhalb jeglicher Kritik stehen. Deshalb trauen sich viele Laien nicht, etwas zu sagen, wenn sie feststellen, dass etwas nicht richtig läuft. Hier setze ich viel auf die Kraft der Frauen und Laien. In diesem Sinne versteht sich das Buch auch als Ermutigung von Laien, und an Kirchenleitungen, sich für Transparenz einzusetzen.

In Ihrem Buch schildern Sie auch den Umgang mit Schmiergeldern. Wie umgehen damit?

Stückelberger: Das Thema ist in einem korrupten Umfeld ein großes Problem. Eine Religionsgemeinschaft möchte eine Dienstleistung erbringen, also etwa einen Tempel bauen, und kann das aber nur tun, wenn sie Schmiergeld zahlt. Oder die Organisation plant eine Reise ins Ausland und benötigt ein Visum. Aber wie bekommt sie das Visum ohne Schmiergeld? Das müssen gar keine großen Summen sein, aber das sind Situationen, die ein Dilemma erzeugen. Uns geht es nicht darum, die Menschen, die da Kompromisse machen, zu verurteilen, sondern wir sagen: Wir müssen Lösungen finden und etwas tun gegen die Korruption.

Was raten Sie konkret gegen Korruption?

Stückelberger: Wir zeigen praktische Schritte auf, weil viele Menschen gar nicht wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen, oder sie fühlen sich alleine gelassen. Wir zeigen, dass es Zusammenarbeit braucht und die Ermutigung durch Gleichgesinnte.

Ich bin gegen ein Heldentum, bei dem sich einzelne gegen ein korruptes System wenden, denn sie gehen unter. Wir brauchen Koalitionen und gegenseitige Ermutigung. Das kann ein kleiner Trupp von christlichen Unternehmern sein. Die gibt es in China, in Europa oder Südamerika.

Und es braucht den Mut, das Thema innerhalb der Religionsgemeinschaft auszusprechen und zu sagen: Wir sind Teil des Problems, aber wir sind auch Teil der Lösung.

Wir müssen die Scheu ablegen, diese Dinge anzusprechen. Ein gutes Beispiel ist Papst Franziskus. Er hat schon als Kardinal in Argentinien ein Buch zum Thema veröffentlicht – und dafür viel Widerstand in seiner eigenen Kirche erfahren.

Es braucht Menschen, die sagen, wir dürfen jetzt nicht mehr schweigen. Dazu gehört natürlich auch das Thema der sexuellen Korruption, die in vielen Religionsgemeinschaften besteht. Das muss auf den Tisch. Das Ziel ist zu sagen: Wir haben ein Problem, und wir können auf genügend Erfahrungen zurück greifen , um dieses Problem anzugehen.

Wie steht es um Korruption in den Kirchen in Europa?

Stückelberger: Ich würde schon sagen, dass in Ländern wie die Schweiz, Deutschland und den nordischen Ländern die Korruption deutlich geringer ausfällt als in anderen Kirchen. Und zwar unter anderem, weil in den staatsnahen Kirchen Instrumente bestehen wie die Rechnungsprüfung, die Transparenz in der Rechnungslegung oder die ganze Bewilligungspraxis. Das heißt nicht, dass es nicht auch Unregelmäßigkeiten gibt.

Aber gerade bei den evangelischen Kirchen in Deutschland und den Werken wie "Brot für die Welt" oder den Missionswerken gibt es ein hohes Problembewusstsein und eine hohe Bereitschaft, das Thema anzugehen. Korruption hat viel mit Autoritätsstrukturen zu tun. Wenn man eine religiöse Führungspersönlichkeit nicht kritisieren darf und zum Schweigen verpflichtet ist, dann erleichtert dies den Missbrauch.

Könnte der interreligiöse Diskurs auch eine Rolle spielen bei der Bekämpfung von Korruption?

Stückelberger: Ja, unbedingt; das Buch versteht sich als Einladung für die Religionsgemeinschaften, sich mit anderen zusammen zu setzen. Und zwar nicht nur Topdown! Also warten Sie nicht auf Ihren Bischof oder den Kardinal, sondern tun Sie sich als Laien zusammen.

Jeder von uns kann das Thema ansprechen und nach Lösungen suchen.

Auch in Zusammenarbeit mit kirchlich engagierten Personen aus der Privatwirtschaft: Firmen sind heute oft weiter als Religionsgemeinschaften, weil sie von Gesetzen und internationalen Business-Standards gezwungen sind zur strikten Kontrolle.

Christoph Stückelberger

Christoph Stückelberger, 1951 in der Schweiz geboren, ist ein evangelisch-reformierter Pfarrer. Der Professor für Systematische Ethik an der Universität Basel ist Gründer der Organisation Globethics und Berater vieler Organisationen weltweit in ethischen Fragen.

Sein Credo lautet:

  • Globale Werte für das Leben Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit. Verantwortung, Freiheit und Integrität: Werte-orientiertes Verhalten weltweit und in den lokalen Kontexten zu fördern, um ein Leben in Würde für alle Menschen und die ganze Schöpfung zu ermöglichen.
  • Inspiration Offen sein für Gottes inspirierende und kreative Energie zur Verbesserung des Lebens.
  • Innovation Umsetzen von Innovationen für effiziente Lösungen und Verminderung von Leiden.
  • Integration Handeln für eine integrative Gesellschaft durch Verringerung der Armut-Reichtum-Schere.

Stückelberger

Corruption-free Religions

Stückelberger, Zürich 2021

Corruption is abuse of public or private power for personal interests. Paying and receiving bribes in form of money, advantages, nepotism or sexual services exists in all sectors of society. This book with twenty articles from four continents analyses the mechanisms of corruption within religious institutions in Hinduism, Buddhism, Islam and Christianity. This book contributes ways corruption can be overcome by values, education, good management, accountability, state regulations and interfaith cooperation. A book for religious leaders, lay persons, politicians, educators and all those engaged to overcome corruption.

Das Buch kann kostenlos unter diesem Link als PDF heruntergeladen werden.

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