23.09.2017
Wohnungsnot

Seit Jahren sind die Wohn­heimplätze der Regensburger Diakonie sanierungsbedürftig. Warum das evangelische Sozialwerk den Studenten nun kündigt statt Gebäude und Zimmer zu renovieren.
Das baufällige Lutherhaus am Ernst-Reuter-Platz in Regensburg
Das baufällige Lutherhaus am Ernst-Reuter-Platz in Regensburg: 49 von ehemals 110 Zimmern sind noch von Studenten belegt.

Dem Diakonischen Werk Regensburg steht Ärger ins Haus: Es hat unrechtmäßige Kündigungen an Studenten ausgesprochen. Betroffen sind 49 Studierende, die derzeit für 120 bis 189 Euro pro Monat im Studentenwohnheim Lutherhaus wohnen. Die Entmietung aus preisgünstigem Wohnraum, obendrein auch noch während der Vorlesungszeit, hat nun den Widerstand der Betroffenen auf den Plan gerufen. Die Kündigungen haben auch noch einen anderen Hintergrund: Das Studentenhaus steht auf einem Areal, auf dem die Stadt in den kommenden Jahren ein Regensburger Kultur- und Kongresszentrum (RKK) bauen will.

Das Diakonische Werk selbst stellte den Zusammenhang mit dem RKK her. »Aufgrund öffentlich bekannter Gegebenheiten« würden die Studentenwohnheime am Ernst-Reuter-Platz, das Lutherhaus und das Keplerhaus, nicht mehr neu vermietet. »Leer stehende Zimmer und Appartements können deshalb nicht wieder belegt werden«, erklärte Diakoniechefin Sabine Rückle-Rösner auf Sonntagsblatt-Anfrage. Aus diesem Grund hätten die Studenten im September die schriftliche Kündigung erhalten, ihre Studentenzimmer müssten bis zum Ende des Jahres geräumt sein.

Wohnungssuche für Bewohner schwierig

Im Lutherhaus sind aktuell noch 49 von ehedem 110 Zimmern belegt. Auch im Keplerhaus sind nicht mehr alle der 112 Zimmer bewohnt. Der Grund: Die Gebäude, in den Jahren 1968 und 1975 erbaut, sind stark heruntergekommen und sanierungsbedürftig. Die hygienischen Verhältnisse sind bedenklich, berichteten Studenten. »Bei uns krabbeln die Maden an der Küchendecke. Küche und Bad sind auch durch Putzen nicht mehr sauber zu halten«, sagte eine Studentin. Umso mehr fühlen sich die Bewohner durch die kurzfristigen Kündigungen sozialer Härte ausgesetzt. »Die Stimmung in unserer WG ist schlecht. Alle suchen nach einer Wohnung, aber es ist sehr, sehr schwierig, wenn man höchstens 300 Euro dafür ausgeben kann«, sagte die 26-jährige Lena. Viele ihrer Mitbewohner müssten sich das Studium mit Nebenjobs verdienen. Die Wohnungssuche gehe wiederum auf Kosten des Studiums.

Das Areal mit Grundstück und Gebäuden ist im Besitz der Evangelischen Landeskirche, vertreten durch den Pfründestiftungsverband. Bereits vor einigen Jahren soll das Areal, auf dem sich nicht nur die beiden Studentenhäuser befinden, sondern auch Gewerbeflächen, an die Stadt Regensburg abgetreten worden sein. Ab März 2018 werde der Vertrag rechtskräftig, teilte das Evangelische Siedlungswerk auf Anfrage mit. Es betreut den Immobilienbesitz für die Pfründenstiftung.

Diakonisches Werk räumt ein: Kündigungen fehlerhaft

Mittlerweile wurden die Kündigungen durch einen Rechtsanwalt geprüft. Offenbar liegt tatsächlich ein Fehler vor, erklärte das Diakonische Werk. Sämtliche Mietverträge hätten frühestens zum Ende des Wintersemesters, also zum 31. März 2018 gekündigt werden dürfen. »Wir bedauern diesen Fehler außerordentlich«, erklärten die Diakoniechefin und der Verwaltungsratsvorsitzende, Dekan Eckhard Herrmann, gemeinsam. Eine rechtsverbindliche Kündigung soll nun nachgereicht werden.

Trotzdem müssen die Studenten das Lutherhaus zum 31. Dezember räumen. Denn mit dem Rückbau des Gebäudes soll laut Diakonischem Werk bereits im Januar begonnen werden. Wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte, sollen die noch verbliebenen Studenten ins benachbarte Keplerhaus umziehen. Dort gebe es auch schon Leerstand, der Zustand des Hauses sei noch »etwas besser«, weil es dort nicht die großen WGs mit bis zu 16 Menschen pro Küche und Bad auf einem Stockwerk gebe, erklärte der Hausmeister.

Lutherhaus weist Mängel beim Brandschutz auf

Auch ein Grund für die Entmietung im Lutherhaus seien Mängel beim Brandschutz gewesen, erklärte Elaine Eckert, die Referentin des Siedlungswerks. »Das Lutherhaus hätte in dieser Weise auf keinen Fall weiterbetrieben werden können.« Leider habe man verpasst, die Kündigungsfrist zu prüfen. »Das ist nicht gut gelaufen, verständlich, dass da Unmut aufgetreten ist«, sagte Eckert. Dass die Kündigungen mit dem Bau des Kultur- und Kongresszentrums zusammenhängen, wies Eckert jedoch von der Hand. Die beiden Studentenhäuser hätten dringend saniert werden müssen. »Das wäre sehr teuer geworden, sodass wir die Miete ohnehin nicht hätten halten können.«

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