München
Die Stadt München will dem Druck auf die Wohnungspreise begegnen und wieder mehr bezahlbare Wohnungen ermöglichen. Wie die Schere am Wohnungsmarkt auseinandergeht und Normalverdiener vertreibt, zeigt das Beispiel eines ehemaligen Arbeiterviertels.
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Wohnen am Isar -Hochufer in der Geschichte

Die Au und das daneben liegende Isar-Hochufer in München waren früher ein Arme-Leute-Viertel. Unten am Auermühlbach reihten sich in krummen Gassen Holzhütten an Bretterbuden, bis alles in einer Bombennacht im Zweiten Weltkrieg zum Opfer der Flammen wurde. Oben am Hochufer baute ein katholischer Siedlungsverein Ende des 19. Jahrhunderts Wohnhäuser für die Arbeiter.

Schräg gegenüber zu diesen "Josephs-Häusern" wurde in den 1920er Jahren ein Wohnblock mit Genossenschaftswohnungen errichtet. Die Arbeiter in dem Viertel verdienten ihr Geld bei der Paulaner-Brauerei, beim Pfanni-Werk oder in der Zündapp-Fabrik.

Ende der 1980er Jahre begann sich das Viertel zu ändern, die Tante-Emma-Läden verschwanden. Aktuell erleben die Anwohner den Bau von Luxuswohnungen.

Derzeitige Wohnsituation

"Die Wohnungen, die hier entstehen, kann sich keine normale Familie mehr leisten", sagt Jörg Spengler und blickt auf den Rohbau, der gerade an der Regerstraße emporwächst. Spengler ist der Vorsitzende des zuständigen Bezirksausschusses Haidhausen-Au, der sich schon seit einiger Zeit mit der Bebauung des Paulaner-Geländes beschäftigen muss.

Seit dem Wegzug der Brauerei schießen hier die Fantasien und die Quadratmeterpreise der Investoren und Bauherren in die Höhe.

"Hoch der Isar" preist eine Firma ihre hier entstehenden Nobelresidenzen - "Exklusive Lobby mit Concierge-Service" - an, die Drei-Zimmer-Wohnung mit "City-Blick" ist für rund drei Millionen Euro zu haben, das "Townhouse" kostet fünf Millionen Euro.

Die 80-Quadratmeter-Wohnung für rund eine Million Euro ist da fast schon ein Schnäppchen. Auch unten in der Au geht es hoch her, was die Immobilienpreise anbelangt. Dort entsteht am Auer Mühlbach das "Haus Mühlbach": Hier wird ein ehemaliges Untersuchungsgefängnis zu Luxusappartements umgebaut.

Klar ist: Weder unten in der Au noch am Hochufer werden Busfahrer oder Altenpflegerinnen in die neuen Wohnungen einziehen. Das Viertel wird seine soziale Zusammensetzung ändern, und auch die umliegenden Wohnungen sind dem Preisdruck ausgesetzt. Hier und ebenso an vielen anderen Stellen der Stadt ist München dabei, eine Stadt der Reichen zu werden.

Gegenmaßnahmen der Politik

Die Politik versucht gegenzusteuern: "Im Paulaner Areal konnten 30 Prozent geförderter Wohnungsbau durch die sozialgerechte Bodennutzung realisiert und damit unser Anspruch der Münchner Mischung weiter verfolgt werden", sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. "Unser Ziel ist es, künftig 50 Prozent aller neuen Baulandflächen in städtische Hand zu bekommen."

Trotz dieser Maßnahmen fürchtet Brigitte Wolf, ebenfalls Mitglied im zuständigen Bezirksausschuss, dass dies die fortschreitende Gentrifizierung in der Stadt nur verlangsamt. Das "explodierende Mietpreisniveau" werde den Mietspiegel in die Höhe treiben, was eine "faktische Vertreibung" derjenigen bedeute, die sich diese Mieten nicht mehr leisten können, warnt der Bezirksausschuss in einem einstimmig angenommenen Antrag.

Dass das Vordringen von Nobelwohnungen, die für Normalverdiener nicht zu bezahlen sind, auf lange Sicht dem Wirtschaftsstandort München schadet, darauf hat bereits vor drei Jahren in einer Studie die Immobilienfirma Wealthcap hingewiesen, der nach eigenen Angaben größte Investor am Münchner Gewerbeimmobilienmarkt.

"Kümmern sich Städte nicht um die Daseinsvorsorge, erschweren sie es Gering- und Normalverdienern, dort zu wohnen", heißt es in der Studie. "Deshalb sollte die Stadtpolitik verhindern, dass gentrifizierte Viertel das Stadtbild prägen." Und weiter: "Neben dem wirtschaftlichen Verlust verringert die Stadt auch ihre soziale und kulturelle Vielfalt. Das könnte ein Standortnachteil sein."

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