1.06.2019
Abschied im Flughafendekanat

Freisinger Dekan Jochen Hauer geht in Ruhestand

Knapp 20 Jahre lang war Dekan Jochen Hauer das evangelische Gesicht im Flughafendekanat Freising. Er hat die Protestanten im jüngsten Dekanat Bayerns zusammengeschweißt und mit den Menschen gegen die 3. Startbahn am Flughafen München protestiert. Am 2. Juni wird Dekan Hauer in den Ruhestand verabschiedet.
Dekan Jochen Hauer
Der Freisinger Dekan Jochen Hauer verabschiedet sich am 2. Juni in den Ruhestand.

Ein Thema, das Jochen Hauer vom ersten bis zum letzten Tag seiner Amtszeit als Dekan von Freising begleitet hat, ist die 3. Startbahn am benachbarten Flughafen. Seit Beginn der konkreten Planungen 2005 engagierte sich das evangelische Dekanat mit Protestmärschen und Mahn-Gebeten in der Bürgerinitiative "Lichterzeichen - 2 Bahnen reichen".

Es stärke die Menschen, "dass Kirche an ihrer Seite steht, als seelischer Beistand und Sprachrohr für ihre Nöte", sagt Hauer, der am 2. Juni in den Ruhestand verabschiedet wird.

Dekanat Freising: Votum gegen 3. Startbahn

Stolz ist der 65-Jährige darauf, dass die zehn Gemeinden im Flughafendekanat sich "in einem demokratischen und faktenbasierten Prozess" einen Konsens erarbeitet hätten: Gegen die Expansion, für Nachhaltigkeit und Lebensqualität. 2009 schlossen sich Landeskirchenrat und Landessynode diesem Votum an.

Umweltzerstörung, Niedriglohn-Arbeit und ihre sozialen Folgen, Überlastung der Gesellschaft - "ethische Fragen waren zum damaligen Zeitpunkt für die Flughafengesellschaft nicht relevant", erinnert sich Hauer, Vater von drei erwachsenen Kindern und dreifacher Großvater.

Mehr Klimaschutz statt mehr Flugzeuge

Doch obwohl die schädlichen Auswirkungen des Flugverkehrs auf das Klima längst allgemein bekannt seien, wollten die Verantwortlichen die 3. Startbahn offenbar "auf Teufel komm raus" durchziehen. Lediglich ein fünfjähriges Stillhalte-Abkommen habe die bayerische Regierung zuletzt vereinbart. "Das verstehe ich nicht", sagt Hauer.

Gegen Ausbau, für Aufbau: Auch mit den Anfangsjahren des 1998 gegründeten Dekanats Freising ist Hauers Name untrennbar verbunden. Nur ein Jahr nach dem Zusammenschluss von damals acht Gemeinden aus den Dekanaten Landshut, Ingolstadt und München hatte Hauer sein Amt angetreten, um dem neuen Gebilde ein "Wir-Gefühl" einzuhauchen.

PuK: Neue Formate öffnen Kirche für Menschen

Heute spüre er eine große Offenheit bei Kirchenvorsteher-Tagen und die Bereitschaft, bei Stellenplanungen und anderen Themen auch "zum Wohl der anderen zu entscheiden". Obwohl das Dekanat nun 20 Jahre alt sei, bleibe die Arbeit immer im Fluss - zu sehen an den Ideen, die der kirchliche Reformprozess "Profil und Konzentration" (PuK) oder die Arbeit als Modell-Dekanat beim Thema "Taufe" hervorbringen.

Denn um mehr Menschen mit der Botschaft des Glaubens zu erreichen, haben die Freisinger schon einige Testballons steigen lassen - mit Erfolg.

Tauffeste und Eventgottesdienste mit Charme

Ob Tauffeste im Pfarrgarten, der Dekanatsgottesdienst am Schloss Fraunberg oder der Mittsommernachtsgottesdienst mit lokalen Musikergrößen: Wenn man den "Charme der Region" nutze und die Menschen wählen lasse, welches Angebot zu ihrem Glaubensgefühl passe, seien sie für Kirche empfänglich. "Gleichzeitig bekommt die Kerngemeinde eine positive Rückkopplung: Wir sind gut und werden mit unserem Angebot wahrgenommen", sagt Hauer.

Aus diesem Grund sieht der Theologe trotz negativer Mitgliederprognosen keinen Grund für Zukunftspessimismus. "Wenn Kirche sich nur an Zahlen aufhängt, macht sie sich unbedeutender als sie ist", findet der Dekan. Kirche müsse ihre gute Botschaft weitertragen, nämlich "die Verheißung, dass man nicht den ganzen Laden alleine schmeißen muss", sagt Hauer. 

Neuer Dekan: Christian Weigl aus Milbertshofen

Seinem Nachfolger Christian Weigl, derzeit noch Pfarrer an der Dankeskirche im Münchner Norden, hinterlässt Hauer nicht nur ein florierendes Dekanat, sondern auch ein nagelneues Gemeindehaus, in dem es immer noch ein wenig nach frischer Farbe riecht. Umzugsluft hat Hauer schon geschnuppert: Seinen "Altersitz" am Freisinger Stadtrand hat er bereits bezogen.

Mindestens ein Jahr lang will er sich aus dem aktiven Kirchengeschehen fernhalten - dafür kommt vielleicht die Trompete wieder öfter zum Zug sowie die drei Enkelkinder. Und einen sehr konkreten Plan gibt es auch schon: Am 3. Juni, einen Tag nach seiner Verabschiedung, fährt Hauer mit seinem Sohn nach Berlin - "zum Eric-Clapton-Konzert", verrät er.

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Vorplatz Christi-Himmelfahrts-Kirche Freising
Der neu entstanden Vorplatz zwischen Kirche und Gemeindezentrum lädt zu einer kurzen Rast.
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Warm, freundlich und offen präsentiert sich das Gemeindezentrum der Christi-Himmelfahrts-Kirche auf seiner Rückseite.
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Luftige Durchblicke gewährt der Gang, der Kirche und Gemeindezentrum verbindet.

Veranstaltungs-Tipp

Abschiedsgottesdienst

Am Sonntag, 2. Juni, verabschiedet Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler Dekan Jochen Hauer beim Gottesdienst um 15 Uhr in der Christi-Himmelfahrts-Kirche Freising in den Ruhestand.

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