Das Vikariat bringt auch die Herausforderung mit sich, zum Beispiel dass ich nicht so häufig bei meinen Eltern und meiner Großfamilie sein kann, wie ich es gerne würde. Zudem trennen mich von meiner Familie einige hundert Kilometer, da sie in Hamburg wohnt. Besonders schmerzlich wird es immer dann, wenn besondere Anlässe anstehen, wie Geburtstage, Familienfeiern usw., und ich nicht dabei sein kann.
Letztes Jahr verstarb mein Großvater. Ich habe es tatsächlich geschafft, ihn ein- bis zweimal im Krankenhaus zu besuchen und war auch bei seiner Beerdigung. Nach der Beerdigung wurde schrittweise sein Haus ausgeräumt. Es war nicht irgendein Haus: Über Jahrzehnte hinweg war es der zentrale Treffpunkt der Großfamilie. Familienfeiern wurden hier gefeiert, und mein Bruder und ich waren nach der Schule häufig bei unseren Großeltern.
Doch es hatte sich nicht ergeben, dass jemand aus der Familie das Haus übernehmen würde, sodass es nun nach und nach ausgeräumt werden musste, um es zu verkaufen. Von dieser großen Aktion bekam ich zunächst kaum etwas mit. Erst zu dem Zeitpunkt, als ich vor ein paar Tagen wieder einmal in meiner Heimatstadt Hamburg war und durch das nun leere Haus meiner Großeltern lief, wurde mir die Situation wirklich bewusst. Das Haus war bereits verkauft und sollte zwei Tage später an die Käufer übergeben werden.
Der letzte Apfel als Symbol für die schönen Erfahrungen
Ich war erstaunt darüber, was die ganze Familie geleistet hatte, um dieses Haus so vollständig leer zu räumen – inklusive Wegschmeißen, Sortieren und Behalten. So ganz hatte ich diesen Prozess nicht miterlebt, da ich ja nicht vor Ort war, sondern hier an meinem Vikariatsort in Rosenheim. Nur gelegentlich erzählten mir meine Eltern am Telefon, wie es mit dem Haus voranging.
Nun realisierte ich erstmals richtig für mich, dass sich mit diesem Haus ein Kapitel meiner Familiengeschichte schließt. Und als ich durch den Garten des Hauses ging, kam mir der Gedanke – und das ist auch okay und vielleicht sogar gut –, dass dieses Kapitel nun beendet ist, nachdem mein Großvater nicht mehr lebt. Viele Erinnerungen verbinde ich mit diesem Haus: Feste, die schöne Zeit im Garten, die Apfelernte. Und mitten in diesen Gedanken sah ich ihn: an dem Baum hing noch der letzte Apfel, der bis in den Dezember hinein durchgehalten hatte.
Ich pflückte ihn und schenkte ihn meiner Mutter. Für mich steht dieser letzte Apfel als Symbol für all die schönen Erfahrungen, die ich mit diesem Haus machen durfte. Ich blicke dankbar zurück.
Der ganze Prozess rund um das Haus hat mir aber auch gezeigt, dass es nicht immer einfach ist, das Vikariat so weit entfernt von meiner Großfamilie zu absolvieren. Doch so, wie ich die Erinnerung an das Haus meiner Großeltern immer in mir trage, so trage ich auch die Erinnerung an meine Familie stets in mir.