4.08.2019
Klimaschutz

"Fridays for Future"-Aktivistin Voss: Klimanotstand in Erlangen soll Bewusstsein der Bürger ändern

Vor zwei Monaten hat Erlangen als erste Stadt in Bayern den Klimanotstand ausgerufen - ein großer Erfolg für die örtliche "Fridays for Future"-Bewegung. Seither arbeiten die Jugendlichen mit der Stadt zusammen, um Veränderung zu schaffen. Welche Schwierigkeiten es dabei gibt und wie sich jeder Einzelne für den Klimaschutz einsetzen kann, verrät die 19-jährige Abiturientin Hannah Voss, Mitglied der Erlanger Ortsgruppe.
Hannah Voss, Klima-Aktivistin der "Fridays for Future"-Gruppe Erlangen, über Klimaschutz

Ende Mai hat Erlangens Stadtrat als erste bayrische Stadt den Klimanotstand ausgerufen. Was kann man sich darunter vorstellen uns wie genau kam es dazu?

Hannah Voss: Die Initiative dafür ging tatsächlich von unserer Ortsgruppe von "Fridays for Future" aus. Wir haben in einer Bürgerversammlung schon Ende März den Antrag zum Ausrufen des Klimanotstands eingereicht, der schlussendlich im Mai vom Stadtrat angenommen wurde. Erlangen ist zwar die erste Stadt in Bayern, die den Klimanotstand ausgerufen hat; in Deutschland gibt es aber Städte, die damit schon etwas früher als wir dran waren.

Der Klimanotstand an sich hat eher symbolische Bedeutung. Er sagt aus, dass die Stadt oder die Kommune die Dringlichkeit des Klimawandels anerkennt und sich bereiterklärt, sich konsequent für den Klimaschutz einzusetzen. Außerdem bewirkt dieser Aufruf auch eine gewisse Sensibilisierung in der Bevölkerung, da das Problem Klimawandel hier noch mal offiziell angesprochen wird.

Bei der "Fridays for Future"-Bewegung geht es aber doch hauptsächlich darum, konkret etwas für den Klimaschutz zu tun. Inwieweit hilft da eine "symbolische Bedeutung" weiter?

Voss: Uns ist ein stärkeres Bewusstsein der Bevölkerung sehr wichtig. Der Klimaschutz kann ja nur funktionieren, wenn er von allen mitgetragen wird. Außerdem stellt dieser Ausruf ja auch ein politisches Versprechen dar, sich mit dem Problem tatsächlich auseinanderzusetzen. Um das Versprechen aber auch an konkrete Maßnahmen zu koppeln, hat unsere Gruppe schon einen zweiten Antrag eingereicht. Den Antrag haben wir in ständigen Gesprächen mit der Stadt Erlangen erarbeitet. Es werden dabei ganz konkrete Vorschläge gebracht, die dabei helfen sollen, noch klimafreundlicher zu werden.

Welche wären das?

Voss: Wir konnten uns mit der Stadt darauf festlegen, dass eine Kurzzeitstudie durchgeführt wird. Die soll erste Abschätzungen bis Mitte 2020 über die Schritte liefern, die für die Einhaltung der 1,5 Grad Grenze des Pariser Klimaabkommens nötig sein werden. Außerdem fordern wir die Einrichtung eines Stadtklimarats. Der soll noch mal überprüfen, ob Erlangen alle Klimaziele erfüllt. Aber den Klimarat will die Stadt vielleicht mit einem bestehenden Agenda 21 Beirat zusammenlegen.  

Gibt es auch etwas, das jeder Einzelne tun kann, um seinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten?  

Voss: Wir wünschen uns, dass sich jeder persönlich einfach mit dem Thema auseinandersetzt und möchten die Gesellschaft dazu motivieren, sich für den Erhalt des Klimas einzusetzen. Wie das konkret aussieht, kann sich ganz individuell unterscheiden. Eine Maßnahme, die zurzeit sehr stark in Angriff genommen wird, ist das Vermeiden von Plastikmüll. Das hilft insofern weiter, da unsere Meere aktuell durch Plastikmüll stark verschmutzt sind. Was vielen oft gar nicht bewusst ist: die Meere sind für einen Großteil der Sauerstoffproduktion verantwortlich und spielen eine wichtige Rolle bei der Erhaltung unserer Atmosphäre. Wird dieses Ökosystem zerstört, hat das natürlich negative Auswirkungen auf das Klima.

Auch das Ausweichen auf alternativen Transportmöglichkeiten wie Carsharing oder das Fahrrad trägt zum Klimaschutz bei. Die Einschränkung des Fleischkonsums ist noch ein Beispiel für einen konkreten Schritt zu einem klimafreundlicheren Lebensstil. Solange man sich Gedanken macht und bereit ist, seine Gewohnheiten neu zu überdenken, sehen wir das aber schon als einen Erfolg an.

Die Ortsgruppe von "Fridays for Future" setzt sich ja ganz lokal für das Anliegen Klimaschutz ein. Wo spürt ihr hier das größte Problem, an dem man noch zu arbeiten hat?

Voss: Was uns besonders beim Stellen der Anträge aufgefallen ist, ist, dass man sich in der Politik viel mit formalen Dingen aufhält. Dadurch dauert es oft lange, bis man wirklich etwas umsetzen kann. Zum Beispiel hat die CSU auf unseren ersten Antrag zur Ausrufung des Klimanotstandes die Forderung gestellt, den Antragstext von dem Titel "Klimanotstand" zu trennen. Für sie ist der Begriff "Notstand" zu problematisch. Der Antrag muss jetzt auch noch behandelt werden und das Ganze nimmt einfach viel Zeit in Anspruch.

Bei Erstellen von Antrag 2 ist uns aufgefallen, dass Erlangen im städtischen Vergleich zum Thema Klimafreundlichkeit ein Vorbild ist und bereits einige Maßnahmen durchgesetzt hat. Das Problem war allein, dass man für diese Aktionen zu wenig Werbung gemacht hat und deshalb haben nur wenige Leute dort dann mitgemacht. Die Stadt stellt beispielsweise schon Lastenfahrräder zur Nutzung bereit, mit denen man sperrigere Gegenstände leicht transportieren kann. Doch selbst wir von "Fridays for Future" wussten teilweise nichts von diese Möglichkeit. Das Thema "Werbung machen" bei solchen Projekten wird daher auf jeden Fall mit aufgenommen in unseren Maßnahmenkatalog vom zweiten Antrag.

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