Rudelstetten (epd). Blickt man von Matthias Kofflers Hof nach Westen, sieht man Wiesen und Felder, so weit das Auge reicht, allein der 461 Meter hohe Wennenberg unterbricht die Landschaft. "Das Ries ist die Kornkammer Bayerns", sagt Bauer Koffler. Und mit einer Portion Sarkasmus in der Stimme fügt er hinzu: "Aber nicht mehr lange - wenn bald alles aus China kommt."

Schon die alten Römer

Als Kornkammer galt das Nördlinger Ries schon zu Zeiten der Römer. Die Böden gehören zu den besten in Bayern, sie sind tonhaltig und können Wasser speichern - Schwemmland auf dem Boden des ehemaligen Kratersees, der hier nach einem Meteoriteneinschlag vor rund 14,5 Millionen Jahren entstand. Ab der jüngeren Steinzeit vor rund 6.000 Jahren legten hier Bauern ihre Felder an.

Seit zwölf Generationen leben die Kofflers in der Region. Ihre Vorfahren kamen als protestantische Exulanten aus Schwanenstadt in Oberösterreich. Die gegenreformatorische Politik der Habsburger im 17. Jahrhundert führte zur Vertreibung und Flucht Tausender evangelischer Bürger. 1642 tauchte der Name erstmals in Alerheim auf. Hans Koffler fand im Ries eine neue Heimat. Teile Frankens und das nördliche Schwaben waren vom Dreißigjährigen Krieg (1618-48) entvölkert, viele Höfe standen leer. Kofflers Nachkommen kamen über Wörnitzostheim und Bühl nach Rudelstetten.

Landwirt in 5. Generation

Koffler bewirtschaftet den Hof in dem 300-Seelen-Dorf seit 22 Jahren, er ist hier Landwirt in fünfter Generation. Vor sechs Jahren hat er den Hof auf Bioqualität umgestellt. Dafür hat er seinen Stall grundlegend erneuert und umgebaut. "Jetzt ist mehr Raum und mehr Licht", sagt Koffler und zeigt mit Stolz den Freiluftstall. 60 Milchkühe haben hier Platz, dazu hält er 60 Jungtiere in der Aufzucht. Jede Kuh hat einen eigenen Namen. Und die Kälber? "Meine Kinder nennen die weiblichen Susi, und die männlichen heißen Hannes", erzählt Koffler und lacht.

Seine Kühe hält Koffler orientiert am "Tierwohl", eine Haltungsform, die über die gesetzlich vorgeschriebenen Tierschutzvorgaben hinausgeht und die es den Tieren erlaubt, sich möglichst natürlich zu verhalten. In einem Offenfrontstall blicken die Tiere in den Himmel und auf die Wiesen der schönen Rieslandschaft. Außenklima heißt der Fachbegriff für diese Art der Haltung. Neben dem Offenfrontstall verbringen die Kühe auch Zeit auf der Weide, oder sie gehen zum Melken selbstständig in den Innenbereich. Manche zweimal am Tag, manche viermal.

Bioqualität hat ihren Preis

Alle zwei Tage kommt abends um halb sieben der Milchsammellaster einer großen Bio-Molkerei. Kofflers Milch wird dort aufbereitet und abgepackt, die Molkerei macht daraus Käse, Sahne, Joghurt und Smoothies. 54 Cent bekommt Koffler für einen Liter Bio-Milch: "Auf Dauer ist das zu wenig für den Erzeuger, der die ganze Arbeit damit hat." Bei der Lebensmittelindustrie und den Verbrauchern sieht er noch Luft nach oben:

"Wer Regionales in Bioqualität will, sollte bereit sein, einen Preis zu zahlen, der den Erzeugern das Überleben ermöglicht."

Früher hatten die Kofflers auch ein paar Schweine und Hühner. Aber sie haben sich auf die Milchviehhaltung und -zucht spezialisiert. "Nicht ganz freiwillig", merkt Koffler an. Wegen der Seuchengefahr werden die Bauern gedrängt, nur eine Tierart auf dem Hof zu halten. Vogelgrippe und afrikanische Schweinepest grassieren vor allem dort, wo verschiedene Tierarten zusammenleben.

Vorschriften von Leuten ohne Praxiserfahrung

Der Hof ist also in einem Top-Zustand und bestens gerüstet, wird er aber auch in zehn Jahren noch existieren? "In der Landwirtschaft kann man momentan nicht weiter planen als fünf Jahre", sagt Koffler. Gründe aufzuhören, gebe es genug:

"Die ständigen neuen Verordnungen machen die kleinen Höfe kaputt."

Das seien oft Vorschriften von Leuten, die keine Praxiserfahrung haben, findet er. Einmal im Jahr wird sein Hof penibel kontrolliert.

Und dann ist nicht sicher, ob eines seiner fünf Kinder einmal den Hof übernimmt. Im Vergleich zu anderen Branchen sind die Zukunftsaussichten schlecht. Eigentlich müsste er seinen Hof erweitern, um überleben zu können, doch ein Altwasser der Wörnitz begrenzt das Anwesen im Westen. Auszusiedeln wurde ihm nicht genehmigt. "Die Perspektive ist schlecht, die Auflagen der Politik sind ein Problem", sagt Koffler. Er hat schon öfter als einmal daran gedacht, den Hof aufzugeben.

Behörden sorgen für persönlichen Tiefpunkt

Köfflers persönlicher Tiefpunkt war, als das Landratsamt ihm die Genehmigung für seinen tierwohlgerechten Umbau verweigerte. Die Behörden machen es einem nicht leicht: Baugesetzbuch, Bundesimmissionsschutzgesetz, Bundesnaturschutzgesetz, Umweltverträglichkeitsprüfung und die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft sind unter einen Hut zu bringen - für bereits bestehende Höfe wird da der Umbau oft zur Quadratur des Kreises.

"Momentan stehen viele Landwirte vor der Entscheidung, ob sich die Investitionen lohnen und es überhaupt noch weitergeht", sagt Walter Engeler, Leiter der evangelischen landwirtschaftlichen Familienberatung auf dem Hesselberg. Die offizielle Linie der bayerischen Politik sei, die kleinbäuerliche Struktur im Freistaat zu erhalten. Doch auch er habe manchmal den Eindruck, die tatsächliche Lage der kleineren Höfe sei nicht immer im Blick der Agrarpolitik.

Markt honoriert Tierwohl nicht

Gerade weil das Tierwohl wichtig und in aller Munde sei, würden auch schnell Entscheidungen getroffen, die von kleinen Familienbetrieben mit erheblichem Aufwand umgesetzt werden müssten: "Da wünschen wir uns eine bessere Kommunikation." Günther Felßner, der Milchpräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV), sieht den "enormen Druck", der auf den Höfen lastet:

"In den letzten Jahren sind die Anforderungen an das Tierwohl stark gestiegen."

Einer der Haupttreiber sei neben der Verschärfung von Verordnungen vor allem der Markt. "Gleichzeitig sinkt die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Tierhalter, denn sie müssen sich auf dem Markt gegen ausländische Produkte behaupten, die zu niedrigeren Standards und Kosten produziert und zu Billigpreisen angeboten werden." Sein Fazit:

"Tierhalter sind bereit, die höheren Anforderungen an das Tierwohl zu erfüllen."

Doch der Markt honoriere Tierwohl nicht ausreichend.

Koffler hängt an seinem Hof, und er hängt an seiner Arbeit. Er ist gerne draußen in der Natur und liebt den Umgang mit seinen Tieren. Auch wenn es schwierig ist, den Hof gibt man nicht so einfach auf: "Das ist ein Erbstück, anvertraut von den Vorfahren." Koffler sieht deshalb eine Verpflichtung, das Land zu bewirtschaften. Er hat als zweitjüngstes von elf Kindern den elterlichen Hof übernommen, da war er 21. "Da gab es viel Zuspruch, alle haben gesagt, du kannst das", erinnert sich Koffler. Jetzt ist er 43 und lebt mit seiner gleichaltrigen Frau Annette, fünf Kindern und drei Katzen auf dem Hof.

Zu 100 Prozent von der Witterung abhängig

"Es gab Höhen und Tiefen", erzählt Matthias Koffler. Manchmal geht es auf dem beschaulichen Hof drunter und drüber: "Das sind so Tage, wenn man zum Ernten auf dem Feld ist, gleichzeitig kalbt dann eine Kuh und der Melkroboter geht kaputt." Doch das selbstständige Arbeiten gefällt ihm. "I bin mei oigener Herr", sagt er in seinem typischen Rieser Schwäbisch. "Aber wir sind bei unserer Arbeit zu 100 Prozent von der Witterung abhängig", weiß er und blickt zum Himmel.

Ein Winter mit geschlossener Schneedecke, um die Saat zu schützen, ein feuchtes und warmes Frühjahr und zur Ernte ein langes trockenes Zeitfenster sind die Basis für eine gute Ernte. So leben und arbeiten die Kofflers - wie unzählige Generationen vor ihnen - mit den Jahreszeiten. Sie säen und ernten, sie pflügen und dreschen. Immer in Sorge, dass Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen.

Mit Freude Erntedank feiern

Im Frühjahr und Sommer sind sie viel draußen auf den Feldern. Das Futter für die Milchkühe stellen sie komplett selbst her, von den 60 Hektar Nutzfläche sind 65 Prozent Grünland. Auf den restlichen 35 Prozent bauen sie Gerste, Weizen und Mais nach dem uralten Prinzip der Dreifelderwirtschaft an. Im Juli wird die Gerste geerntet, Ende August der Weizen und Anfang Oktober der Mais. Das Grünland mähen sie von Mai bis Oktober viermal ab.

Auf dem Hof gibt es viele gute Tage und Zeiten - für Altbäuerin Ingelore Koffler sind die schönsten Tage auf dem Hof diejenigen, die etwas abschließen: "Wenn die Saat ausgebracht oder die Ernte eingebracht werden konnte." Dann kann mit Freude Erntedank gefeiert werden.