4.04.2018
Poesie als Familiensache

Literarisches Zeugnis der Waldarbeiterin Johanna Fröba

Johanna Fröba schrieb einst Gedichte – ebenso wie heute ihre Ururenkelin Silke Rösch. Diese brachte jetzt das Büchlein »Und der Himmel drängt in mein Herz« heraus: mit eigenen Gedichten und Bildern sowie Gedichten und Gebeten ihrer Ururgroßmutter.
Die 88-jährige Johanna Fröba im Jahr 1960.
Die 88-jährige Johanna Fröba im Jahr 1960.

 

Eine Waldarbeiterin als Dichterin ist schon etwas Besonderes: Johanna Fröba (1872-1960) war eine außergewöhnliche Frau, bescheiden und tiefgläubig. Sie stammte aus dem heutigen Bad Berneck im Fichtelgebirge und lebte mit ihrem Mann und neun Kindern in Buchbach im Frankenwald, wo sie ein hartes, karges Leben führten. Silke Rösch (Jahrgang 1969) scheint das dichterische Talent ihrer Ahnin, von deren Existenz sie erst durch eine Veröffentlichung erfuhr, in die Wiege gelegt worden zu sein. Sie war von den Gedichten und dem schweren Leben ihrer Ururgroßmutter sehr ergriffen. So reifte in ihr der Gedanke, deren Gedichte, die oftmals schlichte Gebete und Glaubenszeugnisse sind, mit ihren eigenen zeitgenössischen lyrischen Texten in einem Gedichtbändchen zu vereinen. Heraus kam die tief berührende Familienangelegenheit "Und der Himmel drängt in mein Herz – Die Wiederentdeckung einer Frankenwaldpoetin".

"Ich schreibe seit mehr als drei Jahrzehnten; seit 2012 – nach einer Pause nach der Geburt meiner drei Kinder – wieder regelmäßig. Es hilft mir in schweren Zeiten – und an guten Tagen mache ich damit meiner Freude weiten Raum", sagt die gebürtige Buchbacherin Silke Rösch, die heute als Leiterin eines Kindergartens sowie als kreative Kinder- und Familientherapeutin in Ansbach wirkt. Als die 48-Jährige vor vier Jahren das erste Mal das Gedicht ihrer Ururgroßmutter "Nur das Eine" las – verbunden mit einer Publikation des Bayreuther Pfarrers Klaus Loscher über Johanna Fröba im Heimatkundlichen Jahrbuch des Landkreises Kronach –, sei sie so ergriffen gewesen, dass sie geweint habe. Den Artikel zeigte ihr zur Jahreswende 2013/14 ihr Vater bei einem ihrer Besuche in der Heimat. "Ich wusste bis zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nichts von ihr. Dann las ich diese Zeilen, und sie trafen mich mitten ins Herz. Da war jemand in meiner Familie, der mir sehr ähnlich, seelenverwandt war", meint sie gerührt.

Größte Wertschätzung

Von ihr zu erfahren und zu lesen habe sie ein großes Stück nach Hause gebracht – in dem Wissen, dass sie in ihrer Geschichte, auf ihrer Ahnentafel eine Gleichgesinnte habe. Obwohl sie sie nicht persönlich kennenlernen durfte, fühle sie sich ihr nah. "Ich bin immer wieder aufs Neue zutiefst berührt von ihrem Lebensweg. Ihre große Demut, Weisheit und die lebendige Weite ihrer Seele werden in ihren Gedichten und Gebeten sichtbar und hörbar", meint Rösch, die ihr mit ihrem Buch größte Wertschätzung schenken möchte – verbunden mit dem Wunsch, dass deren Sprache den Weg in viele Herzen finde, sie ermutige, versöhne und mit der Hoffnung des Glaubens in Berührung bringe.

Das Wissen um diese Seelenverwandte habe viel zu ihrer Selbstfindung beigetragen. Weil ihre Ahnin ihre Begabung gefunden habe, finde nun auch sie den Mut, sich zu zeigen. Daher verbinde sie in diesem Buch die wundervollen Gedichte und Gebete ihrer Ururgroßmutter mit der Veröffentlichung eigener zwischen 2012 und 2016 entstandener Gedichte – als einen die Generationen überspannenden Bogen der Worte.

Volksdichterin aus dem Frankenwalde

Klaus Loscher, promovierter studierter Evangelischer Theologe und inzwischen im Ruhestand, forscht zu kirchengeschichtlichen und oberfränkischen Themen. Bei seinen Recherchen stieß er in einem Gemeindeblatt aus dem Jahr 1932 auf einen kleinen Beitrag mit dem Titel "Eine Volksdichterin aus dem Frankenwalde". Die wenigen Zeilen über die so gottesgläubige Frau und deren abgedrucktes Gedicht "Nur das Eine" beschäftigten ihn fortan.

"Ich suchte, mehr über ihre Verfasserin in Erfahrung zu bringen", so Klaus Loscher. Dabei erfuhr er, dass diese mit dem Buchbacher Schuhmachermeister und Musiker Johann Fröba, den sie als Mädchen in Stellung in Bayreuth kennenlernte, verheiratet war. Johann Richter, damals Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Langenau, erkannte ihre dichterischen Fähigkeiten und schenkte ihr ein schönes Poesiealbum. Diesem vertraute sie fortan ihre Seelenlage in einer oftmals notvollen Zeit an. Dieses Album fand sich in ihrem Nachlass ebenso wie ein kleines Schwarz-Weiß-Foto der Dichterin.

Poetin wird der Vergessenheit entrissen

Für das jetzt erschienene Büchlein steuerte Loscher einen Text mit zusätzlichen Rechercheergebnissen über Johanna Fröba bei, hinzu kommen historische Fotos aus dem Bezirk Teuschnitz, die von der Kreisheimatpflege zur Verfügung gestellt wurden. "Es ist ein sehr schönes Gesamtwerk entstanden – bildhaft als auch sprachlich", würdigte Bernd Graf, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und Kreisheimatpflege im Landratsamt Kronach. Die Kreisheimatpflege begrüße es sehr, dass die Frankenwaldpoetin Johanna Fröba der Vergessenheit entrissen worden sei.

Die Herausgeber zeigen sich fasziniert von der Persönlichkeit dieser willensstarken, mutigen und tapferen Frau, die ihrem protestantischen Glauben immer treu geblieben war. So sieht es auch Regionalbischöfin Dorothea Greiner: "Man kann bei der Lektüre des Büchleins ahnen, wie viel Segen Johanna Fröba in ihr Lebensumfeld gebracht hat."

Buchtipp

"Und der Himmel drängt in mein Herz", Verlag Books on Demand. 80 Seiten, 12,99 Euro. ISBN 13: 9783746011790.

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