25.02.2017
Lichtenfelser Pfarrerin Anne Salzbrenner

Mit Zivilcourage gegen den Hass

Anne Salzbrenner bekommt immer öfter Drohbriefe. Denn die Lichtenfelser Pfarrerin bezieht offen Stellung gegen rechte Hetze und setzt sich für Flüchtlinge ein. Einschüchtern lässt sie sich aber nicht.
Die Lichtenfelser Pfarrerin Anne Salzbrenner.
Sie will wissen, wer vor der Tür steht: Für die Kamera am Lichtenfelser Pfarrhaus hat Pfarrerin Anne Salzbrenner gute Gründe – aber keine Angst vor Rechtsextremisten.

»Lieber Besucher, bitte stellen Sie sich vor die Kamera nach dem Klingeln.« Seit fast einem Vierteljahr ist neben der Tür des evangelischen Pfarramts im oberfränkischen Lichtenfels eine Gegensprechanlage mit einem Kameraauge hinter einer gewölbten Glasscheibe installiert. Das Gerät überträgt ein Abbild des Besuchers in die Wohnung von Pfarrerin Anne Salzbrenner. Als sie immer mehr Drohbriefe, Postkarten mit Beschimpfungen und Zettel mit Beleidigungen im Briefkasten des Pfarramts fand, ließ sie die Anlage montieren.

»Nein, diese Drohungen erhalte ich nicht erst seit meiner Arbeit in der Flüchtlingshilfe und als Sprecherin der Initiative ›Lichtenfels ist bunt‹«, stellt die Pfarrerin fest. Anfeindungen habe es schon immer gegeben. Schließlich weiß die stellvertretende Dekanin des evangelischen Dekanats Michelau stets Klartext zu reden und hat aus ihren Ansichten noch nie einen Hehl gemacht: sei es bei ihrer Position zur Abschiebung abgelehnter Asylbewerber in das vom Bürgerkrieg geplagte Afghanistan oder bei ihrem eindeutigen Bekenntnis gegen rechtsextreme Hetzer und Rattenfänger.

Stets Klartext reden

Seit dem vergangenen Herbst fanden sich vermehrt Drohbriefe und beleidigende Nachrichten im Briefkasten des Pfarrhauses. Zwei Dutzend werden es wohl gewesen sein. »Hau ab« war da zu lesen, oder »Pass auf, wenn wir dir nachts begegnen«. Selbstverständlich fehlten auch sexuell beleidigende Sätze nicht, berichtet die Kirchenfrau. Weiter sind es Artikel und Zeitungsausschnitte aus ultrarechten Publikationen. Am Telefon und auf dem Anrufbeantworter waren immer wieder Beleidigungen zu hören. Die Pöbelbriefe schmeißt Anne Salzbrenner weg. »Das will ich nicht im Haus haben.« Schlimm genug sei es schon, dass die Beleidigungen ins Haus kommen, nachts in den Briefkasten gesteckt werden.

Angst hat Anne Salzbrenner keine. Schon in ihrer Jugend bezieht sie gegen rechtsextreme Positionen Stellung. »Damit ruft man auch immer Reaktionen hervor. Aber es ist wichtig, solche Dinge öffentlich zu machen und den Menschen in der vermeintlich beschaulichen Provinz zu zeigen, dass solcher Hass auch hier vorhanden ist.« Selbstverständlich hat sich Salzbrenner an die Polizei gewandt. Doch die Chancen sind schlecht, die Urheber zu ermitteln. Nachdem sie mit der Lokalzeitung über die Beleidigungen und Bedrohung gesprochen hatte, erfuhr sie aber auch ermutigenden Zuspruch. »Das waren mitunter sehr anrührende Briefe, E-Mails und Postkarten.« Bundestagsabgeordnete bis hin zum Stadtrat haben der Pfarrerin Rückhalt gegeben.

Offensiver Umgang

Die Zeiten, in denen Polizisten, Rettungssanitäter, Feuerwehrleute und Pfarrer unantastbare Autoritäten waren, sind vorbei. Pfarrerin Anne Salzbrenner geht offensiv damit um. In der letzten Adventszeit war sie zu einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit zu diesem Thema nach Hamburg gefahren. Mit drei anderen Pfarrern, die Morddrohungen ausgesetzt waren und sogar zusammengeschlagen worden, erzählte sie von den Anfeindungen.

Von Deutschrussen am Obermain ist da die Rede, die sich »von den Afrikanern überrollt fühlen« und deren Ausweisung fordern. Die gleichen Menschen hatte Anne Salzbrenner vor 15 Jahren im Konfirmandenunterricht. »Ich weiß noch gut, welche Probleme die damals mit den Nazis hatten. Heute sitzen diese Menschen bei mir im Büro und schimpfen darüber, dass ich für diese Scheißkanaken einmal im Monat ein Begrüßungscafé organisiere. Da bleibt mir echt die Spucke weg«, wird die Pfarrerin von der Wochenzeitung zitiert.

Stellung beziehen

Schon in ihrer Jugend bezog Anne Salzbrenner Stellung gegen rechte Hasstiraden. In der Geschichte ihrer Familie liegen dafür die Wurzeln: Der Großvater sprach sich als Pfarrer von Schney und Mitglied der bekennenden Kirche gegen die Nationalsozialisten aus, der Vater konnte die Kriegserlebnisse nie vergessen. Schon während des Theologiestudiums engagierte sich Anne Salzbrenner in antifaschistischen Gruppen und bei den Jusos. Und jetzt bei »Lichtenfels ist bunt«: In der Stadt ist sie seit 21 Jahren Pfarrerin.

»Menschenverachtung und Hetze machen mich wahnsinnig«, bekennt Anne Salzbrenner. »Weil ich den christlichen Glauben ernst nehme, bin auch ein politischer Mensch.« Angst machen lässt sie sich nicht. »Aber ich öffne nur die Tür des Pfarrhauses, wenn sich jemand vor die Kamera stellt.«

Dossier Flucht und Asyl

Weltweit sind etwa 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Auch in Bayern suchen viele Schutz. Wie geht es den Flüchtlingen hier? Welche Erfahrungen machen Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit? Lesen Sie das und mehr in unserem Dossier "Flucht und Asyl" .

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Sonntagsblatt