16.03.2019
Kirche & Diakonie

Seit 100 Jahren sind Gemeindediakone Profis für alle Fälle

Diakoninnen und Diakone sind aus vielen bayerischen Kirchengemeinden nicht mehr wegzudenken. Die Allroundtalente beherrschen Jugendarbeit genauso wie Seniorenkreis, Gottesdienst oder Verwaltung. Die Geburtsstunde des Gemeindediakonats feiert das Dekanat München diesen Sonntag.
Aarp65 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]
Diakonat feiern: In der Kirche St. Markus in München und der Philippuskirche in Rummelsberg.

Vor 100 Jahren, am 17. März 1919, wurde in der Münchner Dekanatskirche St. Markus der 28-jährige Diakon Heinrich Schlötterer in sein Amt eingeführt. Seine Dienstverständnis wurde in den Folgejahren eine Art Blaupause für das Amt des bayerischen Gemeindediakons.

Dabei war Schlötterer keineswegs der erste Gemeindediakon der bayerischen Landeskirche. Bereits 1897 stellte der Diakonieverein der Nürnberger Christuskirche Wilhelm Hübsch als Gemeindehelfer an. Auch in München war vor Schlötterer bereits ein anderer Diakon tätig: Friedrich Mielke vom Rauhen Haus in Hamburg wurde 1884 als Stadtmissionar nach München entsandt.

Wertschätzung und theologische Kompetenz für Diakone

Dennoch konzentrieren sich in der Person Heinrich Schlötterers mehrere wegweisende Neuerungen: Erstmals wurde mit ihm ein Diakon während des Gottesdiensts vom Dekan in sein Amt eingeführt, anstatt nur schnöde seine Anstellungspapiere zu bekommen. Eine neue Form der Wertschätzung für jene, die von den Pfarrherren zuvor eher "als Hausmeister in sozialen Angelegenheiten" betrachtet wurden, wie es Thomas Greif, Leiter des Diakoniemuseums in Rummelsberg, formuliert.

Außerdem bekam "Bruder Heinrich" die Erlaubnis, neben der Armenfürsorge, den Hausbesuchen und Behördengängen auch Religionsunterricht an der Hilfsschule zu erteilen und die von jeweils rund 500 Mädchen und Jungen besuchten Kindergottesdienste abzuhalten. Dass ein Diakon geistliche Aufgaben wahrnimmt, war ein Novum.

Gemeindediakon für Armenfürsorge und Kindergottesdienst

Und schließlich wurde die Dienstordnung Schlötterers fleißig weiterkopiert für alle nachfolgenden Gemeindediakone. Neben Glaubenstreue, Gehorsam und Taktgefühl beschrieb diese "Dienstes-Anweisung" klar, welche Aufgaben Schlötterer an der 18.000-Seelen-Gemeinde zu erfüllen hatte: Armenfürsorge, Hausbesuche bei Kranken, Einsamen und Neuzugezogenen, Jugendarbeit, Verwaltungstätigkeit und Organisation der Gemeindebibliothek.

Ein Fulltime-Job für 200 Reichsmark im Monat. Weil das in München kaum zum Überleben reichte, steckte der damalige Münchner Dekan Lembert seinem Diakon hin und wieder einen Geldschein aus dem Stehpult zu, mit der Aufforderung: "Wenn Sie Geld brauchen, kommen Sie getrost zu mir."

Bruder Heinrich

Erster Verwaltungsdiakon vor 90 Jahren

Noch eine Neuerung folgte zehn Jahre nach Schlötterers Amtsantritt: 1929 wurde er ins gerade gegründete Münchner Kirchengemeindamt geholt, um die Verwaltungsstelle mit aufzubauen - von 1942 bis 1958 leitete er das Amt schließlich als Direktor. Aus Schlötterers Feder stammt ein Memorandum, "das die Entlastung der Pfarrer von allen Verwaltungsangelegenheiten, die nicht die Seelsorge berühren, durch die Zentrale vorschlug", heißt es in einem Bericht im "Evangelischen Sonntagsblatt" von 1977.

Heute ist diese Forderung an vielen Orten durch gemeinsame Kirchenverwaltungsstellen, in denen häufig Diakone tätig sind, umgesetzt. Deshalb feiert die Markuskirche am Sonntag nicht nur das Jubiläum "100 Jahre Gemeindediakonat", sondern auch "90 Jahre Verwaltungsdiakon".

Diakonat heute: Stadtgesellschaft begleiten

Rund 300 Frauen und 500 Männer sind nach Auskunft der Rummelsberger Diakonie derzeit für die bayerische Kirche und Diakonie im Einsatz. Einer von ihnen ist Dietmar Frey, Referent der Münchner Stadtdekanin. Zusammen mit seinem Kollegen Harald Braun ist er im Dekanat und in der Markuskirche tätig, quasi als "Nachfolger" des Pioniers Heinrich Schlötterer.

An der Grundhaltung des Gemeindediakons habe sich in den letzten 100 Jahren nicht viel geändert, sagt Frey: "Wir versuchen, auf die Herausforderungen der veränderten Stadtgesellschaft Antworten zu finden und Menschen in Ausnahmesituationen zu begleiten." Solidarität, Vernetzung und spirituelle Angebote seien Stichworte in der aktuellen Arbeit.

Diakon gründete 2001 Notfallseelsorge München

Dazu gehören die von Dietmar Frey gegründete Notfallseelsorge, die Trauma-Arbeit in der Partnerkirche El Salvador oder die Mitarbeit im Kuratorium der Gedenkstättenarbeit der Versöhnungskirche Dachau. Auch Harald Braun jongliert zahlreiche Themen: Familiengottesdienste, Diakoniewerk, Verwaltungsarbeit - und der Einsatz als Seelsorger in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung in und um München.

Auch wenn die Aufgaben sich in den letzten 100 Jahren gewandelt hätten, bleibe doch "der Auftrag des Evangeliums" das verbindende Element zwischen allen Diakonen.

Festakt 100 Jahre Gemeindediakon

Der Jubiläumsgottesdienst zu "100 Jahre Gemeindediakon" in St. Markus (Gabelsberger Str. 6) mit Stadtdekanin Barbara Kittelberger und den Diakonen Dietmar Frey und Harald Braun beginnt am Sonntag, 17. März, um 11.15 Uhr.

Beim anschließenden Festakt sprechen der Rektor der Rummelsberger Anstalten, Günter Breitenbach, sowie die Oberkirchenräte Stefan Reimers und Hans-Peter Hübner.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Abschied in den Ruhestand

Freundlicher Menschenverbinder: Diakon Peter Klentzan.
Von Zeltlagern und lutherischen Apfelbäumchen: Am 12. März wird der Diakon, Traumatherapeut und "Wings of Hope"-Gründer Peter Klentzan in den Ruhestand verabschiedet – in der Dachauer Versöhnungskirche, dort, wo vieles in seinem Leben zusammenkommt: berufliche Stationen, Zeltlager, die Schrecken dessen, was Menschen einander antun können, von der christlichen Hoffnung getragene Flügelschläge auf dem Weg zu Heilung und Frieden.

Jugendarbeit

Diakon Thorsten Badewitz
Autor
"Dreigemeindliche Jugendarbeit" – das klingt nach einer Menge Arbeit an mehreren Fronten. Doch Diakon Thorsten Badewitz zuständig für St. Lorenz, St. Markus und St. Stephanus in Oberasbach stellt sich dieser Aufgabe seit einigen Monaten. Und stünden dem 41-Jährigen drei voll funktionstüchtige Gemeindehäuser statt derzeit nur eines zur Verfügung, wäre die Arbeit um einiges leichter. Trotz solcher Einschränkungen stellt er so manches auf die Beine.
Sonntagsblatt