Wenn Felizitas Kühhorn das aktuelle Sonntagsblatt in die Hand nimmt, blickt sie auf eine Beziehung zurück, die länger währt als die Bundesrepublik Deutschland. Schon ihr Vater hatte die evangelische Wochenzeitung im Haus. Seit mehr als 75 Jahren liest sie sie selbst. "Mein Mann hat es gelesen, und ich habe es weitergelesen", erzählt sie. Noch heute verfolgt sie aufmerksam, was in Kirche und Gesellschaft geschieht, diskutiert über Themen und Entwicklungen – und spart dabei auch nicht mit Kritik, wenn ihr das Kirchliche zu kurz kommt.
Vermutlich gibt es nur wenige Menschen, die das Sonntagsblatt so lange begleiten wie sie. Vielleicht ist Felizitas Kühhorn sogar dessen älteste Leserin. Dass sie die Hundert noch nicht ganz erreicht hat, korrigiert sie übrigens selbst mit einem Augenzwinkern. "Noch bin ich 99", sagt sie. Doch nicht mehr lange: Am 27. Juni 2026 feiert die Münchnerin ihren 100. Geburtstag.
Wer ihr begegnet, erlebt eine Frau, die ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte überblickt und sich dabei eine bemerkenswerte geistige Wachheit bewahrt hat. Ihre Erinnerungen reichen von der Weimarer Republik über Krieg und Wiederaufbau bis in die Gegenwart. Vor allem aber erzählen sie von einem Leben für andere Menschen. Als Pfarrersfrau, Mutter, Lehrerin und Ehrenamtliche hat sie über Jahrzehnte hinweg Gemeinschaft gestiftet und Generationen begleitet.
Kindheit in Unterfranken
Geboren wurde Felizitas Kühhorn am 27. Juni 1926 in München. Noch als Baby zog sie mit ihren Eltern nach Euerdorf bei Schweinfurt, wo ihr Vater als Tierarzt arbeitete. Erst 1933 kehrte die Familie wieder in die bayerische Landeshauptstadt zurück.
Die Jugendjahre standen im Schatten des Krieges. Früh lernte sie, Verantwortung zu übernehmen. 1942 begann sie an der Landfrauenschule in Miesbach ihre Ausbildung in Hauswirtschaft und Landwirtschaft. Weil sie sich bei einem Kriegseinsatz beim Hopfenzupfen eine Sehnenscheidenentzündung zuzog, konnte sie ihr Praktikum zunächst nicht fortsetzen und wurde stattdessen zur Kinderlandverschickung nach Kühbach geschickt.
Mit gerade einmal 17 Jahren betreute sie dort gemeinsam mit einer Hilfskraft rund 40 Kinder aus München. "Da waren wir mit zwei Lehrkräften und den Kindern auf uns gestellt", erinnert sie sich. Die junge Frau unterrichtete, organisierte den Alltag und übernahm Verantwortung in einer Zeit, in der vieles zusammenbrach.
Es folgten Arbeitsdienste in Bad Tölz und Waldmünchen. Schließlich wurde sie nach Regensburg versetzt, wo sie am Bahnhof im Kriegseinsatz stand. Als das Ende des Krieges nahte, machte sie sich am 19. April 1945 mit dem Fahrrad auf den Weg zurück nach München. Ein Erlebnis, das sie bis heute bewegt. "Da flogen die Bomber über meinem Kopf", erzählt sie. "Das war scheußlich."
Nach Kriegsende setzte sie ihre Ausbildung fort. Wieder zog es sie nach Miesbach, wo sie ihre landwirtschaftliche Ausbildung abschloss und sich anschließend zur Lehrerin weiterqualifizierte. Als junge Hauswirtschaftslehrerin begann sie in Dachau zu arbeiten. Dort nahm ihr Leben eine entscheidende Wendung.
Sie lernte den jungen Vikar Gottfried Kühhorn kennen. Aus einer Bekanntschaft wurde Liebe. 1951 heirateten die beiden. Es sollte eine Ehe werden, die mehr als sechs Jahrzehnte hielt. Fünf Söhne wurden geboren: Friedrich, Georg, Arnold, Wolfgang und Johannes. Heute gehören zehn Enkel und bald dreizehn Urenkel zur Familie.
Mit der Hochzeit begann für Felizitas Kühhorn das Leben einer Pfarrersfrau, wie es über Generationen selbstverständlich war. Sie war nicht nur Ehefrau eines Pfarrers, sondern zugleich Mutter, Hausfrau, Lehrerin, Organisatorin und oft auch erste Ansprechpartnerin für die Menschen der Gemeinde.
Von Weisendorf über Stammbach wieder nach München
1956 zog die Familie nach Weisendorf bei Erlangen. Dort kamen die jüngeren drei Söhne zur Welt. Zehn Jahre später, 1966, wechselte ihr Mann auf eine Pfarrstelle nach Stammbach im Dekanat Münchberg. Zwanzig Jahre lang blieb die Familie dort verwurzelt.
Die Jahre in Oberfranken wurden prägend. Neben der Erziehung ihrer fünf Söhne unterrichtete Felizitas Kühhorn weiterhin Hauswirtschaft und Kinderpflege. Gleichzeitig engagierte sie sich in der Evangelischen Landjugend, organisierte Begegnungen mit Menschen aus Ostdeutschland und kümmerte sich um Seniorenarbeit.
"Man hat halt das gemacht, was nötig war", sagt sie rückblickend. Tatsächlich war ihr Einsatz weit mehr als selbstverständlich. Seniorennachmittage, Gemeindefeste, Ausflüge, Besuche und Begegnungen gehörten zu ihrem Alltag. Gemeinschaft entstand für sie nicht von allein, sondern musste gepflegt werden.
So leitete sie über viele Jahre Seniorenkreise, organisierte Ausflüge und brachte Menschen zusammen. "Da hat man zusammengesessen, gesungen, Geschichten vorgelesen und miteinander geredet", erinnert sie sich. Was heute oft als soziale Arbeit bezeichnet wird, war für sie gelebte Nachbarschaft und christliche Gemeinschaft.
1986 begann ein neuer Lebensabschnitt. Nach dem Ruhestand ihres Mannes zog das Ehepaar zurück nach München. Ein geerbter Anteil am Haus einer Tante machte die Rückkehr möglich. Doch wer dachte, damit beginne ein ruhiger Lebensabend, kannte Felizitas Kühhorn schlecht.
Aktiv in der Passionskirchengemeinde München
In der Passionskirchengemeinde wurde sie schnell zu einer festen Größe. Vierzig Jahre lang engagierte sie sich dort ehrenamtlich. Sie leitete Seniorenkreise, organisierte Ausflüge, gestaltete den Weltgebetstag mit und war für unzählige Menschen Ansprechpartnerin. Viele Gemeindemitglieder kennen sie bis heute.
Besonders wichtig war ihr immer der persönliche Kontakt. Wer neu in die Kirche kam, wurde von ihr angesprochen. Wer längere Zeit fehlte, wurde vermisst. Wer Hilfe brauchte, konnte auf sie zählen.
Eine kleine Begebenheit erzählt viel über ihre Haltung. Eines Tages sprach sie ein blinder Mann an. "Sie wissen, wo ich geboren bin", sagte er erfreut zu ihr. Sie hatte sich seine Geschichte gemerkt und ihn danach gefragt. Für sie war das selbstverständlich. Für den Mann bedeutete es, wahrgenommen zu werden.
Überhaupt scheint genau darin ihr besonderes Talent zu liegen. Sie interessiert sich für Menschen. Nicht oberflächlich, sondern ernsthaft. Namen, Lebensgeschichten und Schicksale merkt sie sich. "Mir ist wichtig, dass man die Menschen wahrnimmt", sagt sie. Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.
Heute ist sie geistig beeindruckend wach. Über Kirche, Gesellschaft und Politik kann sie lebhaft diskutieren. Der Körper macht nicht mehr alles mit, doch an Unterstützung mangelt es nicht. Nachbarn, Freunde, Gemeindemitglieder und Angehörige helfen ihr im Alltag.
Dabei sieht sie auch die guten Entwicklungen der Gegenwart. "Die freiwillige Hilfe ist gewachsen", sagt sie dankbar. Mehrere Familien kümmern sich regelmäßig um sie. Das Netz der Gemeinschaft, das sie selbst jahrzehntelang geknüpft hat, trägt sie nun selbst.
Am 27. Juni feiert Felizitas Kühhorn ihren 100. Geburtstag. Einen Tag später, am Samstag, 28. Juni, um 9.30 Uhr, lädt die Münchner Passionskirche zu einem Dankgottesdienst unter dem Motto "100 Jahre und ein Tag" ein. Dort wird eine Frau geehrt, die über Jahrzehnte hinweg vorgemacht hat, was christliche Gemeinschaft bedeuten kann: Interesse am anderen, Verlässlichkeit im Alltag und die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen.