21.07.2019
Geschichte der Judenverfolgung

Vor 200 Jahren begannen in Würzburg die antijüdischen Hep-Hep-Unruhen

Die "Hep-Hep-Unruhen" zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelten als erster antijüdischer Pogrom der Neueren Geschichte. Von Würzburg aus breiteten sich die Krawalle - angeheizt von neidischen christlichen Kaufleuten - im Deutschen Bund wie ein Lauffeuer aus.
Historische Zeichnung zu Hepp-hepp-Pogromen

Die Stimmung ist schon seit Monaten aufgeheizt, als am 2. August Steine fliegen. Ausrückende Soldaten können die Situation beruhigen, allerdings nur kurz. Am nächsten Abend rotten sich wieder Grüppchen zusammen, wieder fliegen Steine, Fensterscheiben jüdischer Geschäfte und Wohnhäuser zerbrechen. Zwischen dem Gegröle hört man den Ruf "Hep! Hep!" heraus. Vier Tage lang wütet der Mob, bis die bayerische Regierung gewaltsam für Ordnung sorgt. Viele Juden haben Würzburg im August 1819 fluchtartig verlassen. Die Krawalle verbreiten sich wie ein Lauffeuer, sie brechen fast überall im Deutschen Bund aus.

Das erste "bundesweite" antijüdische Pogrom der Neueren Geschichte

Die "Hep-Hep-Unruhen" sind das erste "bundesweite" antijüdische Pogrom der Neueren Geschichte. Besonders schlimm wüten sie zum Beispiel in Frankfurt am Main, aber auch in Kopenhagen, Amsterdam, Graz, Wien und Prag, sagt der Würzburger Historiker Roland Flade. Die Ausschreitungen in ganz Europa ziehen sich über mehrere Monate. Ziel der Angriffe sind neben den jüdischen Mitbürgern selbst, vor allem auch deren Besitz und teilweise auch die Synagogen. Sie richten sich gegen die fortschreitende Gleichberechtigung der Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts - sie sind also getrieben von Neid und Missgunst.

Warum Würzburg?

Weshalb die Übergriffe gerade in Würzburg ihren Ausgang nahmen, versucht Historiker Roland Flade zu erklären. Würzburg war bis 1814 ein souveräner Staat - zunächst bis zur Säkularisation ein Hochstift mit Fürstbischof, später dann sogar zeitweise Großherzogtum, bis es dann nach dem Wiener Kongress schließlich ganz ans Königreich Bayern fiel. "Würzburg hatte einen eigenen Hofstaat, es war Regierungssitz, mit all dem Glanz und den Privilegien, die das eben mit sich brachte", erklärt Flade. Steinernes Zeugnis dieser Zeit sei die Residenz als Bischofs- und Regierungssitz, die mittlerweile zum Unesco-Weltkulturebe zählt.

Aus Kränkung wird Hass

Für die Würzburger war die Degradierung zur bayerischen "Provinz" eine arge Kränkung. Für die stramm katholische Region sei es absolut demütigend gewesen, dass die Kirche von einem katholischen König aus München enteignet und der Besitz meistbietend verkauft wurde. "Das ist die Folie, vor der sich alle Ereignisse der Folgejahre abspielt", sagt Flade. Es sei geradezu ein regionales Trauma, das bei manchen Würzburgern und Unterfranken bis heute nachwirkt: "Die in München" gegen "Wir in Würzburg". Und dann seien es eben auch reiche Juden gewesen, die Filet-Stücke aus dem einst kirchlichen Besitz erwarben.

In Würzburg war das zum Beispiel der Ebracher Hof. Einst prachtvolle Niederlassung des Klosters Ebrach. Der bayerische König ließ derartige Gebäude zu Höchstpreisen verkaufen - sein Staat war durch die Kriege des Verbündeten Napoleon so verschuldet, dass ihm offenbar egal war, woher das Geld kam. Bis zum Jahr 1802 hatten in Würzburg nach der Vertreibung durch Bischof Johann Philipp von Schönborn im Jahr 1643 keine Juden mehr in Würzburg gelebt - sie durften sich nur tagsüber dort zum Handeln aufhalten. Nun kaufte der jüdische Bankier Jakob von Hirsch, der später auch Hofbankier wurde, das Prunkgebäude.

Die wohlhabenden Konkurrenten

"Manche Juden waren so reich, dass sie die vom König geforderten Preise aus der Portokasse bezahlen konnten - man muss aber auch klar sagen, dass das nicht die Mehrheit der fränkischen Juden war", sagt Historiker und Journalist Flade, der unter anderem das Standardwerk "Die Würzburger Juden" mitverfasst und herausgegeben hat. Hirschs Immobilien-Erwerb war für viele Würzburger "ein Dammbruch", denn danach durften sich einzelne - wohlhabende - jüdische Familien wieder in der Stadt ansiedeln. Die neuen Machthaber in München sahen darin auch eine Form der regionalen Wirtschaftsförderung, erläutert Flade.

"Der Region ging es damals nach Verlust der eigenen Staatlichkeit wirtschaftlich nicht gut", schildert der Historiker. Die Kaufleute und die Bankiers der Stadt hatten Quasi-Monopolstellungen, viele Waren oder Dienstleistungen waren überteuert. Die wirtschaftlich meist umtriebigen und erfolgreichen Juden krempelten deshalb den Markt um - sehr zum Missfallen der alteingesessenen christlichen Kaufleute und Banker. Die Stimmungsmache gegen die jüdische Konkurrenz war enorm, es gab in den Jahren zwischen 1802 und 1819 Hunderte Flugblätter, in denen sie unter anderem als "orientalische Fremdlinge" geschmäht wurden.

"Die neuen jüdischen Würzburger waren - weil eben zunächst nur erfolgreiche Juden die Niederlassung erlaubte - auch tatsächlich eine wirtschaftliche Bedrohung für die Alteingesessenen", sagt Flade. "Das ist der zentrale Unterschied zu heute: Die Flüchtlinge heutzutage sind für die Einheimischen keine wirtschaftliche Konkurrenz - im Gegenteil: Sie kurbeln die Wirtschaft eher durch Konsum und Mitarbeit an." Die Würzburger Händler anno dazumal wollten die jüdischen Konkurrenten lieber wieder "einfach aus der Stadt jagen" anstatt vielleicht das eigene Angebot zu verbessern und sich der Konkurrenz dadurch zu stellen.

"Hep-Hep-Unruhen"

Inzwischen gilt historisch als gesichert, dass christliche Kaufleute und alteingesessene Würzburger die "Hep-Hep-Unruhen" nicht nur durch antijüdische Stimmungsmache vorbereitet haben - sondern auch, dass zumindest ein Teil des prügelnden und schändenden Mobs direkt von den Kaufleuten angestachelt und dafür bezahlt wurde. Die Regierung in München schaute dem Treiben in Würzburg aber nicht einfach zu. Sie stellte mit Militär- und Polizeigewalt bis zum 5. August die öffentliche Ordnung wieder her - viele Juden kehren zurück, 16 Haupträdelsführer werden verhaftet. Doch die Unruhen ziehen in andere Städte weiter.

Beinahe überall in den Städten des Deutschen Bundes ist in den Wochen nach den Würzburger Unruhen die Losung "Hep! Hep!" zu hören. Unstrittig ist unter Historikern, das es seinen Ursprung in den Ausschreitungen in Würzburg hat - unklar ist aber, was es bedeutet. Die allgemeine Erklärung lautet, dass es ein Akronym des lateinischen Ausspruchs "Hierosolyma est perdita" ist, zu Deutsch: "Jerusalem ist verloren!" Bleibt die Frage, weshalb sich ausgerechnet gescheiterte Existenzen, die zum Krawall angestiftet wurden, eine mittelalterliche lateinische Kreuzfahrerformel zu eigen machten...

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