Corona-Pandemie
Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven im Gespräch mit dem Sonntagsblatt über die Corona Pandemie.
Fläschchen mit Impfstoff (Symbolbild)

Damals wie heute: Impfen gilt nach Ansicht von Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven als wichtiges Mittel der Gesundheitsvorsorge. "Corona kann nur durch Impfen bewältigt werden", sagte der Professor der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg im Gespräch mit dem Sonntagsblatt.

Und dieses Vorgehen hat eine lange Tradition: Schon im 19. Jahrhundert etwa gab es eine Impf-Pflicht, bei dem gesetzlich vorgeschriebenen Pieks gegen die Pocken. Bayern führte ihn 1807 ein, das deutsche Kaiserreich folgte 1874, wie andere europäischen Staaten auch. Der Medizinhistoriker über ein Mittel der staatlichen Gefahrenabwehr zwischen Zwang und Freiwilligkeit.

Herr Leven, gab es damals im 19. Jahrhundert schon eine Kontroverse um die Massenimpfpflicht gegen Pocken oder war die medizinische Leistung für die Menschen so überzeugend, dass sie von allen befürwortet wurde?

Karl-Heinz Leven: Die Wirkung der Impfung war großartig, das muss man einfach so sagen. Es gibt keine zweite Impfung, auch nicht in unserer modernen Zeit, die so vortrefflich gewirkt hat wie die Jennersche Pockenimpfung. Wenn so eine gefährliche Krankheit kontrollierbar und sogar ausgeschaltet wird, dann müssen alle heilfroh sein. Und in der Tat war das damals so.

Trotzdem gab und gibt es im ganzen 19. Jahrhundert und bis heute eine Impfgegner-Bewegung, die recht einflussreich und lautstark gegen Staatsmedizin, Impfungen und Ärzte polemisierte, mit Argumenten, die man auch aus der gegenwärtigen Impfgegnerbewegung kennt. Aber diese Impfgegner haben letztlich nichts bewirkt. Der Erfolg der staatlichen Maßnahmen war evident.

In den 1930er-Jahren wurde dann die Diphtherie-Schutzimpfung eingeführt - als freiwillige und nicht als Pflichtimpfung. Wie erklärt sich das in einem totalitären Regime wie dem Nationalsozialismus?

Leven: Im NS-Regime, das rückschauend in der Forschung zutreffend als "Biokratie" bezeichnet wird, waren das Biologische, Gesundheit und Stärke Leitbilder für die "Volksgesundheit". Daher würde man durchaus erwarten, dass in diesem Regime andere zwangsweise Impfungen eingeführt worden wären - das ist aber nicht der Fall gewesen. Man muss das auch im Kontext der NS-Führungsspitzen sehen: Hitler, Hess, auch Himmler waren Anhänger einer Alternativmedizin, die der naturwissenschaftlichen Medizin misstraute. Die Impfungen wurden gleichwohl propagiert, aber nicht verpflichtend eingeführt. Bei der Wehrmacht war es etwas anderes, da wurde durchgeimpft.

Die Impferfolgsquote bei Diphtherie lag in den 1930er-Jahren bei 95 Prozent. Wie war das möglich ohne Impfpflicht?

Leven: Die Gefahr der Diphtherie, eine häufig tödliche Kinderkrankheit, war weit bekannt, und die staatliche Gesundheitspolitik propagierte die Impfung als Dienst an der "Volksgesundheit". Und die Impfung wirkte, das war das beste Argument.

Welche Rolle spielt in der Impfpolitik die Angst?

Leven:Aufklärung über die Gefahren von Seuchen ist stets auch mit Angstgefühlen verbunden. Zugleich erscheint die Impfung als sicherer Ausweg. Es gibt Handlungsfelder der Medizin, die auch in totalitären Staaten rational betrieben werden, und dazu gehört die Impfung. Das gilt auch für die DDR. Sie war ein totalitärer Staat, aber in ihrer Impfpolitik sehr rational.

Im Fernsehen kann man zurzeit die dritte Staffel von "Charité" sehen. Da wird im Westen das Impfen gegen Kinderlähmung als Propaganda der Kommunisten abgetan. Geriet das Impfen zwischen die Fronten des Kalten Krieges?

Leven: Anfang der 1950er-Jahre gab es weltweit Polio-Epidemien. Der russische Impfstoff, das war die später auch im Westen übliche Schluckimpfung, übrigens ein in den USA entwickelter Impfstoff, war in der DDR bereits im Einsatz, als man im Westen noch andere Impfstoffe verwendete. Das führte dazu, dass es in Westberlin mehr Poliofälle gab als im Osten. Daraufhin bot Willi Stoph im Juni 1961, wie im Film gezeigt, Adenauer "Entwicklungshilfe" an. Dieser lehnte ab. Ob das Angebot mehr als Propaganda war, ist bis heute unklar.

Die Pocken-Impfpflicht wurde erst 1983 komplett abgeschafft. Gibt es heute überhaupt noch eine staatlich verordnete Impfpflicht?

Leven: Es gibt eine indirekte Impfpflicht seit März 2020, durch das Masern-Impfgesetz geregelt. Sie besagt, dass man sein Kind nur in Kita oder Schule geben darf, wenn es geimpft ist. Das ist vertretbar. Masern sind eine gefährliche Krankheit, die Impfung ist medizinisch wohlbegründet. Dazu muss man auch wissen: Die Durchimpfungsrate lag bereits vor der Einführung bei 94 Prozent. Aber Deutschland hatte sich im Rahmen des WHO-Programms verpflichtet zu verschärfen.

Seit einem Jahr leben wir nun mit dem Coronavirus, das neue Paradigma der Seuchenbekämpfung. Welche Abwehrstrategien verfolgt die Bundesregierung?

Leven: Die erste Abwehrlinie sind die Absperrmaßnahmen wie Ausgangssperre, Quarantäne, Kontaktsperre. Das sind bewährte Maßnahmen der frühen Neuzeit, die man damals gegen die Pest ergriffen hat, die wirken auch gegen andere ansteckende Krankheiten. Sie haben dazu geführt, dass wir jetzt, gemessen an der Ansteckungskraft der Krankheit, erstaunlich niedrige Inzidenzen haben. Das ist ein großer Erfolg.

Die zweite Abwehrlinie ist eine Therapie. Wenn man eine Krankheit hat, dann möchte man sie spezifisch behandeln. Bei neu auftretenden Seuchen funktioniert das selten, weil man nichts hat, um den ersten Ansturm der Krankheit zu bekämpfen, das war bei der Cholera so, bei der Pest im Mittelalter und heute bei Corona. Ich muss gestehen, als Medizinhistoriker wundert mich das am meisten. Denn wir haben so viele Viruskrankheiten, die man effektiv kausal behandeln kann, also mit Medikamenten. Es ist eine Frage der Zeit. Zur Therapie gehört natürlich auch die Intensivtherapie.

Die dritte, die Hauptlinie der Abwehr und Überwindung, ist die Impfung: Daran wird gerade gearbeitet, und insofern stehen wir nicht schlecht da.

Kann die Pandemie ausschließlich durch Impfungen bewältigt werden?

Leven: Sie kann nur durch die Impfung bewältigt werden. Alles andere wäre ein Fiasko. Denn diese Krankheit wird nie wieder verschwinden. Das wird endemisch werden, so wie bei anderen Krankheiten, aber durch die Impfung wird man es kontrollieren können. Ausrotten kann man es nicht, weil es eine Krankheit ist, die ein Tierreservoir hat.

Ist aus Ihrer Sicht eine Impfpflicht angebracht?

Leven: Unser Gesundheitsminister hat mehrfach gesagt, dass es keine gesetzliche Impfpflicht geben wird. Die wird es auch nicht brauchen.

Die Menschen warten doch nur auf die Impfung.

Allerdings muss die Impfung ihre nachhaltige Wirkung erst noch erweisen. Experten weisen darauf hin, dass wir nicht wissen, wie lange der Impfschutz hält. Wir gehen davon aus, dass er wirkt. Wenn im Herbst 60 bis 80 Prozent der Menschen geimpft sind, wird die Krankheit nur noch in kleinen Herden auftreten. Dann ist die Lage so entspannt, dass man vielleicht sagen kann, nur Geimpfte dürfen ins Flugzeug steigen oder auf das Traumschiff, solche Vorstellungen sind nicht abwegig.

Grundsätzlich ist es vorstellbar, dass man gewisse Freiheitsrechte nur wahrnehmen kann, wenn man geimpft ist?

Leven: Die Pandemiekrise erhöht das Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft. Der Aufwand, den wir für die Überwindung des uns bedrohenden Risikos leisten, ist gewaltig. Einmal geschaffene Strukturen und neue Verhaltensmuster werden sich halten. Das ist eine ganz banale Erfahrung. Wie das im Einzelnen abläuft, weiß niemand. Aber eine Rückkehr zur alten Normalität ist eine Illusion, es wird eine "neue Normalität" sein, aber eine Normalität.

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