29.08.2020
Neuerwerbung in Wolfenbüttel

Ein historisches Freundschaftsbuch für 2,8 Millionen Euro: Herzog August Bibliothek präsentiert neuen Kauf

Lange galt das reich illustrierte historische "Große Stammbuch" eines Augsburger Kaufmanns als verschollen. Eliten aus ganz Europa haben sich vor mehr als 400 Jahren darin verewigt. Nun ist der Herzog August Bibliothek der Ankauf gelungen.
Album Amicorum Buch
Doppelseitige Darstellung von Blumen, Muscheln und Insekten, innerhalb eines Muschelrandes aus dem Album Amicorum.

Der Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek (HAB) ist mit dem "Großen Stammbuch" von Philipp Hainhofer der bedeutendste Ankauf seit Jahrzehnten gelungen. Bei der Neuerwerbung für rund 2,8 Millionen Euro handele es sich um ein mehr als 400 Jahre altes sogenanntes Album Amicorum, sagte Direktor Peter Burschel am Dienstag bei der Präsentation in Hannover. Das reich illustrierte Werk sei eine Art Freundschaftsbuch des Augsburger Kunstvermittlers Hainhofer (1578- 1647).

Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler (CDU) sagte, das Buch sei ein Kulturgut von nationalem Rang, das nun auf Dauer für die Allgemeinheit zugänglich sein werde. Es sei "die Königin" unter den weltweit etwa 25.000 existierenden Stammbüchern. In das 227 Seiten dicke Buch haben sich zwischen 1596 und 1647 Kaiser, Könige und Fürsten, Diplomaten und Militärs handschriftlich verewigt. Von ihnen beauftragte Künstler gestalteten Schmuckseiten.

Album Amicorum: Buch entstand kurz vor dem 30-jährigen Krieg

Das Album Amicorum gilt als eine frühe Form des Poesiealbums und entstand während der Reformation, als vermehrt Niederschriften berühmter Reformatoren gesammelt wurden. Später wurden die Bücher ein beliebtes Medium der Studenten.

Burschel sagte, ein Stammbuch habe zur frühen Neuzeit sowohl Freundschaften und Verwandschaften als auch Geschäftsbeziehungen abgebildet. Hainhofer habe dies als Kaufmann weiterentwickelt und die Eliten des Reichs und Europas überzeugt, in sein Buch zu schreiben. Eine weitere Besonderheit sei, dass das Buch kurz vor oder während des 30-jährigen Kriegs entstanden sei, ergänzte der Bibliotheksdirektor.

"Leute, die sich auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen, sind in diesem Stammbuch verewigt und begegnen sich in einer ausgeprägten Briefkultur über das Medium der Kunst und Kultur."

Bereits nach dem Tod Hainhofers im Jahr 1647 habe Herzog August der Jüngere (1579-1666) erfolglos versucht, das "Große Stammbuch" zu erwerben. Der Kaufmann sei Makler für Buchkäufe des Herzogs gewesen. In der Bibliothek befinde sich der fast vollständige Nachlass Hainhofers, darunter zwei weitere Stammbücher.

Bis 2006 galt das Amicorum den Angaben zufolge als verschollen und tauchte dann auf einer New Yorker Auktion wieder auf. Damals scheiterte die Bibliothek am Verkaufspreis. Diesmal sei der Verkauf exklusiv an die Bibliothek herangetragen worden.

Das Stammbuch werde in Wolfenbüttel zunächst restauriert und digitalisiert, sagte der Leiter der HAB-Handschriftenabteilung, Christian Heitzmann. Anschließend seien die Buchseiten im Detail Online für die Öffentlichkeit zu sehen und sollten auch in Ausstellungen gezeigt werden.

Noch sind nicht alle Geheimnisse des Album Amicorums entschlüsselt

Zudem solle das Buch weiter erforscht werden, denn noch längst seien nicht alle Geheimnisse entschlüsselt. Das Buch wurde mithilfe des Landes Niedersachsen, des Bundes, der Kulturstiftung der Länder und weiterer namhafter Stiftungen erworben.

Die im 16. Jahrhundert von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg gegründete Bibliothek in Wolfenbüttel galt zeitweise als größte Bibliothek nördlich der Alpen und als "Achtes Weltwunder".

Wegen ihres bedeutenden Altbestands aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit ist sie eine wichtige Forschungsstätte für die Kultur dieser Zeit. Ein herausragendes Einzelwerk ihres Bestandes ist das vor 37 Jahren erworbene Evangeliar Heinrichs des Löwen, das zwischen 1174 und 1189 entstand und lange als teuerstes Buch der Welt galt.

Album Amicorum Lateinisches Gedicht
Lateinische Gedichte, die an das Buch und den Leser gerichtet sind, in einer gemalten Umrandung aus tanzenden Tieren, die über Obst- und Blumenranken springen, oben Vögel und unten Fische.
ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Ausstellungstipp

Wie entstehen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Rechtsextremismus? Um das zu verstehen, lohnt es sich, in die Vergangenheit zu schauen. Die Gemeinde Murnau im Bayerischen Oberland hat eine Historikerin beauftragt, diese Fragen zu klären. Nach vier Jahren Arbeit in den Archiven gibt es ein Ergebnis. Zu sehen im Schlossmuseum Murnau unter dem Titel "Es kommen kalte Zeiten".