24.08.2020
Ausstellungstipp

Schlossmuseum Murnau: Ausstellung zur Geschichte von 1919 bis 1950

Wie entstehen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Rechtsextremismus? Um das zu verstehen, lohnt es sich, in die Vergangenheit zu schauen. Die Gemeinde Murnau im Bayerischen Oberland hat eine Historikerin beauftragt, diese Fragen zu klären. Nach vier Jahren Arbeit in den Archiven gibt es ein Ergebnis. Zu sehen im Schlossmuseum Murnau unter dem Titel "Es kommen kalte Zeiten".
Die Gemeinde Murnau hat eine Studie in Auftrag gegeben, in der die Zeit zwischen 1919 und 1950 aufgearbeitet werden sollte. Herausgekommen sind zwei Ausstellungen im Schloßmuseum Murnau: eine historische und eine künstlerische. Autorin Elke Zimmermann hat beide besucht und ist auch der Rolle nachgegangen, die die evangelischen Pfarrer in dieser Zeit gespielt haben.

Umgeben von Hörnle, Heimgarten und Herzogstand liegt Murnau verträumt am Staffelsee. Beschaulich war es hier schon immer, was schon vor über 100 Jahren Naturhungrige vor allem aus dem siebzig Kilometer entfernten München anzog. Hier wurde Weltmusik komponiert, Weltliteratur geschrieben und – besonders von der Künstlergruppe der Blaue Reiter – weltberühmte  Bilder gemalt. Aber die Bevölkerung  war nicht besonders weltoffen, hatten doch die Nationalsozialisten von Anfang an viele Unterstützer hier im Ort.

Die Historikerin Edith Raim hat in Archiven gestöbert, Zeitungen und Bilder ausgewertet. Daraus entstand das brikettdicke Buch "Es kommen kalte Zeiten", das als Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Schlossmuseum Murnau dient. Mit dem Zitat aus Ödön von Horvaths Roman "Jugend ohne Gott" spielt die Historikerin auf die entscheidenden Fragen der Zeit an: warum war ab 1924 hier der Boden für völkisches und nationalsozialistisches Gedankengut so fruchtbar? Und warum konnte ausgerechnet in diesem verschlafenen Dorf, das vom Fremdenverkehr lebte Rassismus und Fremdenfeindlichkeit so groß sein?

Ausstellung Schlossmuseum Murnau

Die zweite Ausstellung "Schattenzeiten"  beleuchtet  Gewalt, Krieg und Rassismus aus künstlerischer Sicht. Wie gingen Künstlerinnen und Künstler wie Franz Marc, Käthe Kollwitz oder Otto Dix mit der politischen Situation um, wie groß war der Spagat zwischen Anpassung und Widerstand?

Auch die Kirchen sind im Blick der Untersuchungen. Hier stellt Dr. Edith Raim fest, dass das komplette Vereinsleben und damit auch Kinder-, Jugend- oder Frauengruppen von den Nationalsozialisten schlicht gekapert wurden. Auch Feste wie die Fronleichnamsprozession wurden durch dichte Hakenkreuzbeflaggung mehr zu einer politischen, als einer kirchlichen Veranstaltung. Auch vor der Mariensäule mitten am Untermarkt machten die Nazis nicht halt. Angeblich aus verkehrstechnischen Gründen wurde sie abgerissen. Doch konnte die Statue samt Säule sicher verwahrt werden. Mitte der 70er Jahre kam sie wieder an ihren alten Platz

Evangelische Kirche in Murnau


Was die Rolle der evangelischen Pfarrer in Murnau während der NS-Zeit anbelangt, hat die Gemeinde der Christuskirche schon selbst vor einigen Jahren geforscht. Dieter Kirsch war damals im Kirchenvorstand und hat am Projekt mitgearbeitet. Er erinnert sich daran, dass manche befürchteten, schlecht wegzukommen. Doch im Fall der drei Murnauer evangelischen Pfarrer während der NS-Herrschaft – können sich die Ergebnisse sehen lassen. Alle waren auf ihre Art im Widerstand, haben Freiräume genutzt, obwohl diese immer enger wurden. Und alle wurden bespitzelt, denunziert und unter Druck gesetzt.

Die Ergebnisse der Ausstellungen zeigen wieder einmal, dass es sich lohnt, Fragen an die Vergangenheit zu stellen. Ungeklärtes ans Licht zu bringen. Nur so können wir heute für die Zukunft lernen.

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efs