Nürnberg, Augsburg (epd). Seit zehn Monaten befindet sich die Antidiskriminierungsarbeit in Bayern in der Krise. Anfang des Jahres fiel eine Projektförderung des Bundes weg, die bis dahin vier regional und teils digital arbeitende Beratungsstellen finanziert hatte. "Sieben Beraterinnen und Berater fehlen seitdem", erzählt Sindy Winkler, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Antidiskriminierung Bayern, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das treffe besonders den ländlichen Raum, "wo riesige Versorgungslücken entstanden sind".
Die projektfinanzierten Beratungsstellen seien für Menschen da gewesen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Diskriminierung erfahren haben. Sowohl in Bereichen, die durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genannt werden, wie sexuelle Orientierung, Geschlecht, Herkunft oder Alter, als auch in Bereichen, die in Deutschland noch nicht im Gesetz stehen, wie Armut oder Aussehen.
Beratungsstellen nur noch in großen Städten
Übrig geblieben sind die sieben kommunalen Antidiskriminierungsstellen. "Die sind aber nur in großen Kommunen wie München oder Nürnberg und können keine Menschen außerhalb ihrer Kommunen beraten", sagt Winkler. Die ganz konkrete Folge: Menschen, besonders im ländlichen Raum, die diskriminiert werden, bekämen aktuell keine Unterstützung vor Ort. Und das, obwohl ihnen eine kostenlose, vertrauliche und unabhängige Beratung gesetzlich nach dem AGG zusteht.
Kurz vor dem Auslaufen der Projektförderung haben Initiativen und Organisationen der Antidiskriminierungsarbeit sowie die kommunalen Stellen im September 2025 die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Antidiskriminierung Bayern gegründet. "Das war der Versuch, zumindest eine gemeinsame Interessengemeinschaft zu schaffen", so deren Sprecherin Winkler, die auch Leiterin der Fachstelle Demokratie und Partizipation beim Bayerischen Bündnis für Toleranz ist. Die LAG sehe sich als fachpolitische Vertretung, die den Austausch zum Thema fördern und Akteure vernetzen will. Dennoch sei durch die fehlende Anschlussfinanzierung der Projekte viel zu Bruch gegangen, vor allem was Expertise und Strukturen angehe.
Ein weiteres Problem: Die LAG habe keine Ressourcen, um selbst Beratungen anzubieten. Es gebe zwar die Möglichkeit, Diskriminierungserfahrungen über die Homepage zu melden, "aber damit können wir nur einen Überblick über die Bedarfe bekommen und Zahlen sammeln, wir können den Bedarf nicht decken". Nur in einzelnen Fällen könnten Menschen an die kommunalen Stellen oder kleinere lokale Angebote weitervermittelt werden.
Ministerien fühlen sich nicht zuständig
Am Freitag (16. Oktober) findet der erste Fachtag der LAG Antidiskriminierung Bayern in Augsburg statt. Eingeladen sind neben Fachkräften auch Vertreterinnen und Vertreter der Politik. Ziel sei, konkret über die zukünftige Ausgestaltung der Antidiskriminierungsberatung in Bayern ins Gespräch zu kommen. "Aktuell fühlt sich keines der Ministerien in Bayern zuständig. Es wäre für uns schon hilfreich, wenn wir eine Stelle hätten, mit der wir in weitere Überlegungen gehen können", wünscht sich Winkler.
"Gerade in Zeiten, in denen Menschen verunsichert sind und antidemokratische Akteure erstarken, wäre es fatal, wenn Menschen das Vertrauen in den Rechtsstaat und seine Institutionen verlieren", sagt sie. Gerade Minderheiten und Betroffene von Diskriminierung bräuchten dringend das Wissen, dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie sie brauchen.