Diakone Herzogsägmühle
Das Diakoniedorf Herzogsägmühle verwirklicht einige ungewöhnliche Projekte: Ganz neu ist ein eigener kleiner Weinberg. Weinanbau im Alpenvorland erweist sich jedoch als schwieriger als gedacht.
Michael Schmid und John Edward-Schulz beim Rebschnitt.
Michael Schmid (l.) und John Edward-Schulz vom Fachbereich Menschen in besonderen Lebenslagen beim Rebschnitt.

Illusionen haben sie sich keine gemacht im Diakoniedorf Herzogsägmühle (Landkreis Weilheim-Schongau). "Man muss mit vielen Rückschlägen rechnen", seufzt Michael Schmid vom Fachbereich Menschen in besonderen Lebenslagen. "Vor allem, wenn man blutiger Anfänger ist." Doch von vorn: Ein kleines Team aus Herzogsägmühle versucht sich seit drei Jahren als Hobbywinzer, ein durchaus sportliches Unternehmen im oberbayerischen Voralpenland, wo Weinberge eher rar gesät sind. Die erste große Weinernte soll 2023 stattfinden, bis dahin ist das Team also am "Üben".

Erste Weinernte von Erfolg gekrönt

Die Weinbau-Idee ist am Lagerfeuer zusammen mit Kolleginnen und Kollegen einer griechischen Partnereinrichtung entstanden, erzählt Schmid. Gesagt, getan: Im Mai 2018 haben die Hobbywinzer 120 Reben gepflanzt. Die erste kleinere Weinernte im Herbst 2019 war gleich von Erfolg gekrönt: 40 Liter Wein habe man zusammenbekommen, erzählt Schmid stolz. Im folgenden Jahr seien es dann nur noch 20 Liter gewesen.

"Aber immerhin, der Wein ist trinkbar und wird in den nächsten Jahren an Qualität und Quantität zunehmen, davon sind wir Optimisten einfach überzeugt."

Und damit liegt Schmid offenbar gar nicht so falsch. Beraten werden die oberbayerischen Hobbywinzer von Wolfgang Patzwahl, Weinbauberater beim Verband für ökologischen Landbau, "Naturland". Er findet, dass das Team seine Sache richtig gut macht. Er freue sich, dass es weininteressierte Menschen gebe, die einfach mal ausprobieren, ob es von der Traubenerzeugung bis zum endgültigen Wein klappt.

"Natürlich passieren Fehler, es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen."

Doch sei das Alpenvorland kein klassischer "Weinstandort" und werde es auf absehbare Zeit auch nicht sein - trotz des Klimawandels, sagt er. Daher brauche es die richtige Rebsorte, die widerstandsfähig und robust gegen Pilzkrankheiten sei. Und die ist im Fall von Herzogsägmühle: Cabaret noir. Der Herzogsägmühle-Wein werde geprägt sein von den Aromen dunkler Kirsche, Wachholderbeere und Veilchen und der Würze von Nelken und Pfeffer - also durchaus geschmacksintensiv.

Pleiten, Pech und Pannen beim Weinbau

Doch vor allem in diesem Jahr ist nicht alles rundgelaufen beim Weinprojekt, bedauert Michael Schmid nach der Ernte Ende Oktober und nach der Maischeproduktion. Eigentlich hätte man die Trauben im September ernten wollen. "Aber wir haben den optimalen Zuckergehalt nicht erwischt. Wir hätten eine Woche mehr Sonne gebraucht." Letztlich mussten die Trauben dann aber runter, weil sie langsam trocken geworden seien. Dann sei aber bei der Maischeproduktion und dem Gärprozess zu viel Sauerstoff reingekommen, daraufhin habe sich ein Pilz entwickelt. 15 Liter habe man mithilfe von Wolfgang Patzwahl noch retten können.

"Aber zumindest hatten wir heuer kein Problem mit den Fliegen", sieht Michael Schmid die Sache mit Humor. Im vergangenen Jahr hätten die Angus-Rinder in Herzogsägmühle zu nahe an den Rebstöcken geweidet. Die Tiere habe Fliegen angelockt, die wiederum haben die Trauben angeknabbert, daraufhin sind auch noch Wespen gekommen. "Jedes Jahr ein anderes Spektakel", sagt Schmid mit einem Augenzwinkern. Den Spaß und die gute Laune lassen sich die Hobbywinzer aber nicht nehmen:

"Natürlich ärgern wir uns, aber aus den Fehlern lernen wir ja."

Schmid: Wollen noch professioneller werden

Fürs kommende Jahr wollen sie übrigens die Hilfe aus dem Weinbau-erfahrenen unterfränkischen Veitshöchheim annehmen und ein Online-Seminar besuchen. "Professioneller müssen wir schon noch werden, da haben wir schon einen gewissen Ehrgeiz", sagt Schmid.

Irgendwann könnte aus dem Weinbauprojekt vielleicht auch ein Mitmach-Angebot für die Hilfeberechtigten im Diakoniedorf werden, das bundesweit in seiner Art einmalig ist. Doch bislang müsse das Team ja noch selbst angeleitet werden, sagt Schmid. Im Diakoniedorf Herzogsägmühle leben 900 Menschen, davon etwa 700 Hilfeberechtige in schwierigen Lebenssituationen, für die es zahlreiche Therapie- und Mitmachangebote gibt.

Der Direktor von Herzogsägmühle, Wilfried Knorr, freut sich jedenfalls über das Projekt.

"Wenn man sich vorstellt, dass wir hier bei einem Erntedankfest auch selbst gekelterten Rotwein ausschenken können - das hätte schon was."

Das Diakoniedorf Herzogsägmühle

Der grüne Weinberg des Diakoniedorfs Herzogsägmühle.

Das Diakoniedorf Herzogsägmühle im oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau ist eine deutschlandweite Besonderheit. Herzogsägmühle ist eine Einrichtung der Diakonie, ist aber zugleich auch Ortsteil der Gemeinde Peiting. 900 Menschen leben derzeit in dem Dorf, 700 davon sind Hilfeberechtigte, weil sie sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Die übrigen Einwohner sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diakonie Herzogsägmühle, inzwischen gibt es auch einige Dutzend Zugezogene ohne engen Bezug zur Arbeit des Sozialunternehmens.

In Herzogsägmühle gibt es eine Fülle von Angeboten: etwa für Wohnungslose, für Menschen mit Behinderung, für Menschen mit Sucht- oder seelischen Erkrankungen, für Jugendliche oder für Migranten. Die Ursprünge gehen auf das Jahr 1894 zurück, als dort eine Arbeiterkolonie für heimat- und wohnungslose Männer entstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Herzogsägmühle eine Einrichtung der Diakonie. Herzogsägmühler Einrichtungen gibt es auch in den Landkreisen Weilheim-Schongau, Garmisch-Partenkirchen, Ostallgäu und Landsberg am Lech.

Das Besondere an Herzogsägmühle: Hier stehen nicht Einrichtung an Einrichtung oder Werkstatt an Werkstatt, sondern der Ort hat einen Dorfkern mit Maibaum, Kirche, Gaststätte und einem Kulturzentrum. Außerdem kommen viele Menschen aus den umliegenden Gemeinden hierher. Unter anderem wird in Herzogsägmühle Gemüse aus eigenem Anbau verkauft oder Fleisch der hauseigenen Angus-Rinder. Das Diakoniedorf öffnet sich also bewusst nach außen - inzwischen ziehen auch Menschen von außerhalb hierher. Vor wenigen Jahren wurde erstmals extra Bauplätze für Externe ausgewiesen.

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