Würzburg (epd). Der Sozialwissenschaftler Harald Welzer hat dafür geworben, im politischen Diskurs nicht nur die gesellschaftlichen Bruchstellen wahrzunehmen. Die Erzählung, die politisch und medial über die Gesellschaft kursiere, sei falsch, sagte Welzer am Samstag vor den 128 Delegierten des evangelischen Kirchenparlaments in Würzburg. Die Wirklichkeit bestehe aus Menschen, die etwa in der Bahn Platz machen, die sich zu großen Teilen ehrenamtlich engagierten. Diese Menschen seien nicht alle dauererregt oder stritten permanent. "Diese Menschen sind echt okay", sagte Welzer.
Diese guten Leute seien die stärkste Ressource für die freiheitliche Demokratie. Doch würden sie oft nicht von der Politik zur Kenntnis genommen oder sogar verächtlich gemacht, weil sie zu wenig arbeiteten, sagte Welzer mit Blick auf die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angestoßene Debatte über Arbeitszeit und Krankheitstage.
"Wohnzimmer der Gesellschaft"
Man könne die Demokratie nur bewahren, wenn man diesen "okayen" Menschen Räume offeriere, sagte der Sozialpsychologe. "Demokratie ist analog. Demokratie ist nicht digital", so Welzer. "Wir brauchen diese analogen Orte. Wir brauchen Wohnzimmer der Gesellschaft." Seine Stiftung "FuturZwei" kartiert sogenannte "Wohnzimmer der Gesellschaft" seit Beginn des Jahres deutschlandweit und macht sie online sichtbar.
"Wenn wir Gesellschaft als einladende Form des sozialen Gemeinwesens verstehen, brauchen wir Räume, in die Menschen sich eingeladen fühlen", sagte er. Die Kirche habe ebenfalls solche Räume. Das sei wirksamer als komplexe Bildungs- und Aufklärungsprogramme aufzulegen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) tagt noch bis Mittwoch in Würzburg. Schwerpunktthema ist in diesem Jahr Demokratie. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier soll am Dienstag dazu vor der Synode sprechen.