Wer aufmerksam durch deutsche Städte läuft, entdeckt sie immer wieder: kleine quadratische Messingplatten im Gehweg. Darauf stehen Namen, Geburtsdaten und Informationen über das Schicksal eines Menschen. Viele Inschriften beginnen mit den Worten „Hier wohnte…“.
Es folgen Angaben zu Deportation und Ermordung. Die Stolpersteine erinnern an Menschen, die während der NS-Diktatur verfolgt und ermordet wurden.
Am 9. November wird an die Novemberpogrome von 1938 erinnert, bei denen die Nationalsozialisten jüdische Menschen, ihre Geschäfte und Synagogen angriffen. Doch die Stolpersteine zeigen, warum das Gedenken an die NS-Verbrechen auch im Alltag seinen Platz haben sollte.
Wie aus einer Idee ein europaweites Erinnerungsprojekt wurde
Hinter dem Projekt steckt der 1947 in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig. Anfang der 1990er-Jahre beschäftigte er sich mit der Deportation und Ermordung von Sinti und Roma während der NS-Zeit. 1990 erinnerte er mit einer Kunstaktion in Köln an die Deportation von 1000 Sinti und Roma. Wenige Jahre später entwickelte er daraus die Idee der Stolpersteine. Demnig wollte den Verfolgten ihre Namen zurückgeben. Die Nationalsozialisten hatten Menschen entrechtet, aus ihren Wohnungen vertrieben und in vielen Fällen nur noch als Nummern behandelt. Mit den Stolpersteinen sollte an sie als einzelne Personen erinnert werden. Deshalb werden die Platten vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer verlegt.
Die ersten Stolpersteine setzte Demnig 1995 in Köln ein, zunächst ohne behördliche Genehmigung. 1996 folgten weitere in Berlin-Kreuzberg. Inzwischen ist daraus das größte dezentrale Mahnmal der Welt geworden. Mehr als 100.000 Stolpersteine erinnern in zahlreichen europäischen Ländern an die Opfer des Nationalsozialismus. Jeder Stein steht für einen einzelnen Menschen. Die Inschriften nennen den Namen und, soweit bekannt, wichtige Stationen seines Lebens und das Schicksal während der NS-Zeit. Der Name des Projekts ist dabei bewusst gewählt, aber stolpern soll man nicht mit den Füßen, sondern beim Lesen und Nachdenken.
Über Jahrzehnte hat Gunter Demnig die Stolpersteine selbst hergestellt und in ganz Europa verlegt. Inzwischen wird der mittlerweile 79-Jährige von einem Team unterstützt. Der Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer schlägt die Buchstaben weiterhin von Hand in die Messingplatten ein.
Finanziert wird das Projekt durch Spenden und Patenschaften. Einzelpersonen, Schulklassen, Unternehmen und Vereine können die Kosten für einen Stolperstein übernehmen. Auch die Recherche zu den Biografien gehört zur Arbeit. Angehörige, lokale Initiativen und Menschen aus den jeweiligen Gemeinden helfen dabei, Informationen über die Verfolgten zusammenzutragen.
Heidenau erntet mit Verbot von Stolpersteinen Kritik
Dass die Stolpersteine nicht überall auf Zustimmung stoßen, zeigt ein Beschluss aus dem sächsischen Heidenau. Ende September 2026 entschied der Stadtrat, künftig keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich zuzulassen. Der gemeinsame Antrag kam von CDU, AfD und der Bürgerinitiative Oberelbe. 13 Stadträt:innen stimmten dafür, sechs dagegen, eine Person enthielt sich.
Als Begründung wurde angeführt, dass Stolpersteine keine würdige Form des Gedenkens seien. Schließlich würden Menschen auf den Namen der Ermordeten herumlaufen. Stattdessen soll ein zentraler Gedenkort entstehen, vorzugsweise auf dem Nordfriedhof. Das würde die Erinnerung an die Opfer allerdings aus dem alltäglichen öffentlichen Raum verdrängen.
Der Beschluss löste bundesweit Kritik aus. Das Internationale Auschwitz Komitee, jüdische Gemeinden in Sachsen und Bundesbildungsministerin Karin Prien äußerten sich ablehnend. Prien bezeichnete das Verbot als Skandal. Auch fünf Petitionen gegen die Entscheidung wurden Ende Oktober vom Stadtrat abgelehnt. Bürgermeisterin Conny Oertel hält bislang an dem Beschluss fest.
Auch in anderen Städten wird über die Form des Gedenkens gestritten. In München gibt es seit Jahren Streit um die Verlegung von Stolpersteinen. Der Stadtrat lehnte 2004 Messingplatten auf öffentlichem Grund ab. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Haltung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Deren Präsidentin Charlotte Knobloch kritisiert, dass Menschen auf die Namen der Ermordeten treten.
Dahinter steht eine grundsätzliche Frage: Ist es eine würdige Form des Gedenkens, wenn die Namen der Opfer buchstäblich mit Füßen getreten werden? Die Befürworter:innen des Projekts sehen gerade in der Verlegung vor den früheren Wohnhäusern eine besondere Stärke: Die Erinnerung an die Verfolgten bleibt so mitten im Alltag präsent.
Durch das Engagement der Initiative Stolpersteine für München wurden später zumindest Verlegungen auf Privatgrundstücken möglich. 2018 wurden dort die ersten Steine verlegt. Auf öffentlichem Grund setzt die Stadt weiterhin auf andere Formen des Gedenkens.
Über die passende Form der Erinnerung lässt sich diskutieren. Ein Verbot weiterer Stolpersteine verhindert allerdings, dass die Geschichten der Verfolgten an ihren früheren Wohnorten sichtbar werden. Gerade das ist ein wichtiger Gedanke hinter dem Projekt: Die Menschen sollen dort in Erinnerung bleiben, wo sie einmal gelebt haben. Denn die Verbrechen der Nationalsozialisten geschahen auch mitten in deutschen Städten, in Gemeinden, in unmittelbarer Nachbarschaft.
Stolpersteine pflegen und ihre Geschichten weitergeben
Immer weniger Zeitzeug:innen können selbst von ihren Erlebnissen berichten. Umso wichtiger wird es, die Erinner.ung an die NS-Verbrechen an jüngere Generationen weiterzugeben.
Stolpersteine bieten dafür einen konkreten Anknüpfungspunkt. Hinter jedem Namen steht ein Mensch mit einer eigenen Lebensgeschichte: Wer war diese Person? Wie hat sie gelebt? Was geschah mit ihrer Familie?
Wie sich die Erinnerung weitergeben lässt, zeigt auch die Webseite des Projekts. Dort finden Schulen und pädagogische Einrichtungen Unterrichtsmaterialien. Auch Vereine und Jugendverbände können sich mit den Biografien der Verfolgten beschäftigen. Wer selbst aktiv werden möchte, kann eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen oder sich um die Reinigung der Messingplatte kümmern.