12.10.2019
Familie

Wissenschaftlerin Carolin Seilbeck: Warum der neue bayerische "Großelterntag" so wichtig ist

Als erstes Bundesland hat Bayern einen "Großelterntag" eingeführt. Er findet erstmals am 13. Oktober 2019 und fortan immer am zweiten Sonntag im Oktober statt. Damit will die Staatsregierung die "besonderen Verdienste von Großeltern für Familie und Gesellschaft würdigen", heißt es im Kabinettsbeschluss. Oma und Opa hätten im Familienleben "eine ganz entscheidende Rolle inne". Warum das so ist, erläutert Wissenschaftlerin Carolin Seilbeck vom Deutschen Jugendinstitut in München.
Großeltern verbringen gerne Zeit mit ihren Enkeln.

Frau Seilbeck, auf Initiative von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gibt es jetzt den bayerischen Großelterntag - ist das gut so?

Seilbeck: Ich finde es ganz spannend, dass Bayern hier wieder mal Vorreiter ist. Ich halte das für eine schöne Idee.

Was zeichnet eine typische Beziehung von Großeltern und Enkeln heute aus?

Seilbeck: Jede Beziehung ist individuell gestaltet - und auch die allermeisten Enkel schätzen die Beziehung zu ihren Großeltern positiv ein: Das zeigt unsere jüngste Forschung. Wir haben in den vergangenen Jahren eine Studie durchgeführt zum Thema Kontakthäufigkeit und Beziehungsqualität von Großeltern und Enkeln. Außerdem haben wir Interviews mit Großeltern aus Bayern durchgeführt und unter anderem gefragt, was diese mit ihren Enkeln unternehmen.

Und was unternehmen die Großeltern? Wie hat sich ihre Rolle verändert?

Seilbeck: Die gestiegene Lebenserwartung hat vieles verändert. Sie haben mehr Zeit und können oft eine größere Lebensspanne mit den Enkeln teilen.

Im Schnitt werden die Deutschen mit 53 Jahren Großeltern - wo die allermeisten noch berufstätig und gesundheitlich fit sind. Darum können sie oft aktivere Sachen mit ihren Enkeln machen.

Das Bild von Großeltern hat sich stark gewandelt...

Seilbeck: ...weg von grauhaarigen Leuten mit Krückstock und Lesebrille. Mit der Fitness geht einher, dass sie ihre Autonomie sehr schätzen.

Großeltern wollen - vor allem im Rentenalter - gerne selbstbestimmt sein?

Seilbeck: Ja, und in dieser Autonomie lassen sich viele ungern einschränken, etwa indem sie zu stark bei der Kinderbetreuung eingespannt werden. Viele wollen ein paar Ziele verwirklichen, machen etwa gerne Reisen, teilweise auch mit den Enkeln, weil sie so mal eine längere Zeit am Stück gemeinsam haben. Aber viele wollen eben selbst bestimmen, wie sie ihre Zeit verbringen, und nicht vor dem Telefon sitzen und warten, dass sie einspringen sollen.

Gibt es Warnsignale, dass Großeltern überfordert sind?

Seilbeck:

Für eine gute Beziehung ist es nötig, dass Eltern den Großeltern nicht zuviel zumuten.

Für manche Familien hat sich ein fester Tag in der Woche bewährt, an dem die Großeltern ihre Enkel sehen. In anderen Familien spielen sie lieber den Retter in der Not. Das hängt immer von den jeweiligen Lebensbedingungen ab. Überfordert sind eher die Großeltern, die täglich Kontakt mit den Enkeln haben, also sehr engagiert sind - und die, deren Beziehung zu den Eltern konfliktbelastet ist.

Welche Rolle für die Beziehungsqualität spielt die räumliche Entfernung?

Seilbeck: Die Wohnentfernung hat großen Einfluss darauf, wie gut die Beziehung ist. Zwar bieten die modernen Kommunikationsmittel mehr Möglichkeiten, am Leben der anderen teilzunehmen. Doch es bleibt so: Je weiter voneinander weg man wohnt, umso schwieriger ist die Kontaktaufnahme. Es gibt natürlich auch das Phänomen, dass eine Familie bewusst in die Nähe der Großeltern zieht, um so die Vereinbarkeit von Job und Familie besser zu meistern.

Carolin Seilbeck Wissenschaftlerin
Wissenschaftlerin Carolin Seilbeck

Mit der Volljährigkeit drängt es viele junge Leute aus dem Elternhaus...

Seilbeck: ...und oft verbessert sich der Kontakt zu den Eltern wieder durch die Geburt der Enkel. Die meisten Großeltern sind das ja sehr gerne und bieten den Eltern ihre Hilfe an.

Reizthema Erziehung - wer hat da das Sagen?

Seilbeck:

Viele Großeltern finden es ganz schön, dass die Haupt-Erziehungsaufgabe bei den Eltern liegt. Meist braucht es einen Mittelweg: etwa dass die Großeltern ein bisschen großzügiger sind, wann zu Bett gegangen wird oder wie viele Süßigkeiten erlaubt sind - aber dass sie nicht gegen die Erziehung der Eltern arbeiten.

Das kann herausfordernd sein: Manche Großeltern rebellieren etwa, wenn ihnen die Eltern bestimmte Geschenke untersagen, weil sie sich diese Freiheit eben herausnehmen wollen. Doch meistens sind sie einsichtig. Und manchmal gibt es auch strenge Großeltern, bei denen die Enkel daheim Regeln befolgen sollen, etwa am Essenstisch anständig zu sein.

Wie verändert sich die Großeltern-Enkel-Beziehung mit dem Heranwachsen?

Seilbeck: Oft wird der Kontakt weniger mit dem Größerwerden, aber die Qualität der Beziehung bleibt recht hoch. Die Großeltern sind auch in der Pubertät wichtig. Enkelkinder schätzen ganz besonders, dass die Großeltern Zeit und Gelassenheit bieten - im Gegensatz zum alltäglichen Schul- und Berufsstress.

Werden Großeltern Geheimnisse erzählt?

Seilbeck: Es ist meist nicht so, dass ihnen Probleme anvertraut werden.

Viele Enkel genießen es, dass sie eben mal nicht von Schwierigkeiten in der Schule erzählen müssen, sondern dass es mit den Großeltern vor allem um Freizeitgestaltung geht.

Heutzutage gehen diese mit ihren Enkeln ja sogar zum Klettern oder Schwimmen.

Sehr viele ältere Menschen sind heute ehrenamtlich engagiert - bleibt da überhaupt Raum für die Enkel?

Seilbeck: Die Statistik sagt: Tatsächlich haben ehrenamtlich engagierte Großeltern tendenziell sogar eine bessere Beziehung zu ihren Enkeln. Beides schließt sich also nicht aus.

Was wird durch die Großeltern bisweilen besser vermittelt als durch die Eltern?

Seilbeck: Großeltern erzählen häufig Geschichten von früher, was die Kinder spannend finden. Viele Kinder kommen auch erstmals durch sie mit dem Thema Tod in Berührung und mit der Frage, was es bedeutet, älter zu werden. Und viele Großeltern unterstützen ihre Enkel natürlich durch Geschenke.

Übernehmen Großeltern auch Bildungsaufgaben?

Seilbeck: Das ist unterschiedlich. Manche besuchen mit ihren Enkeln Kulturveranstaltungen, andere pauken mit ihnen sogar Latein-Hausaufgaben. Aber viele unternehmen eher Dinge, die nichts mit Schule zu tun haben.

Heute haben Familien im Schnitt weniger Kinder als früher, dafür gibt es mehr Patchwork - wie macht sich das bemerkbar?

Seilbeck: Früher hatten Großeltern oft sehr viele Enkel - meine eigenen haben 21. Heute kann es bisweilen zu Konkurrenz unter Großeltern um die wenigen Enkel kommen. Aber meist profitieren die Enkel natürlich von dem Plus an Aufmerksamkeit.

Durch die Patchwork-Modelle gibt es heute immer mehr soziale Großeltern - also von Enkeln, die nicht leiblich mit ihnen verwandt sind.

Die Staatsregierung will die gesellschaftliche Funktion der Großeltern würdigen - was für eine ist das?

Seilbeck: In sehr vielen Familien unterstützen die Großeltern bei der Kinderbetreuung. Das erleichtert es vor allem Müttern, alles unter einen Hut zu bekommen. Viele pflegen sogar flexibel ihr Enkelkind, wenn es krank wird. Wer sonst könnte das so gut leisten? Großeltern sind eine enorme Stütze für die Gesellschaft. Mehr als 90 Prozent fühlen sich ihren Enkeln eng oder sogar sehr eng verbunden.

Ein Tipp, wie sich Knatsch in dieser Konstellation vermeiden lässt?

Seilbeck: Es ist ja immer eine Drei-Generationen-Beziehung, und gegenseitiger Respekt ist sehr wichtig. Als Psychologin bin ich ein Fan davon, Probleme anzusprechen und sich offen auszutauschen darüber, wie sich jeder einzelne die Beziehung vorstellt. Es hilft, wenn man die eigenen Bedürfnisse klar kommuniziert und seine Grenzen aufzeigt. Zu hoch sollten die Erwartungen an die Großeltern nicht sein - diese sollten sich vor allem aus Freude mit ihren Enkeln beschäftigen.

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