Ob im Sportverein, bei der Feuerwehr oder im Elternbeirat: Millionen Menschen in Bayern engagieren sich freiwillig für andere. Trotzdem fehlt es vielerorts an Ehrenamtlichen. Nürnbergs Sozialreferentin Elisabeth Ries erklärt, warum freiwilliges Engagement mehr ist als Hilfe für andere – und weshalb es gerade in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielt.
Warum ist der Einsatz für andere überhaupt so wichtig?
Elisabeth Ries: Ich halte das Ehrenamt für eine wesentliche Säule der Demokratie. Wer ehrenamtlich arbeitet und sich für andere engagiert, zeigt: Es ist mir nicht egal, was in meinem Gemeinwesen vor sich geht. Ich bin nicht deshalb tätig, um meine eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen, sondern weil ich am Gemeinwohl orientiert bin. Dieses selbstlose Handeln ist eine ganz wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft und der Demokratie.
Kann ehrenamtliches Engagement in einer Gesellschaft, die zunehmend gespalten ist, wirklich Brücken bauen?
Ja klar, ob in Sportvereinen, Feuerwehren oder Elternbeiräten - überall haben die Menschen natürlich unterschiedliche politische und weltanschauliche Haltungen. In vielen Vereinen, gerade im Sport, engagieren sich aber sehr viele Menschen für Vielfalt und Offenheit. Denn ein Ehrenamt weckt immer das Verständnis für die Verschiedenheit der Menschen. Weil man Dinge tut, die weit über das eigene Ego und die eigene Betroffenheit hinausgehen. Ehrenamt ist überdies ein echter Integrationsbooster. Menschen aus anderen Teilen der Welt, die vielleicht hierzulande Vorbehalte erfahren oder Ausgrenzung, sind meist sofort in die Gemeinschaft integriert, weil man zusammen etwas tut.
Ehrenamt stärkt Demokratie und Gemeinsinn
Was hat ein Ehrenamtlicher - abgesehen von einer finanziellen Pauschale - eigentlich von seinem Engagement?
Langjährig ehrenamtliche Tätige fühlen oft eine enorme Dankbarkeit und Wohlbefinden. Weil sie feststellen: Mensch, da gibt es ganz andere Lebenswelten und schwere Schicksale. Und ich kann dazu beitragen, dass sich etwas verbessert. Denn wenn ich mich als Ehrenamtliche auf die Lebensrealitäten anderer einlasse, merke ich oft erst, wie gut es mir geht, ob gesundheitlich, finanziell oder sozial. Gleichzeitig bauen diese Menschen oft gute Beziehungen auf. Ein Ehrenamt hat also ganz viele positive Effekte.
Welcher Ehrenamtliche hat Sie zuletzt so richtig beeindruckt?
Kürzlich durfte ich eine Frau mit einem Preis auszeichnen, die seit fast 50 Jahren eine Pilzberatung anbietet. Bei ihr rufen Menschen an, auch am Wochenende, wenn zum Beispiel der Hund einen giftigen Pilz gefressen hat. Mich hat beeindruckt, mit welchem Wissen und mit welcher Hingabe diese Frau ihr Ehrenamt ausfüllt. Aber es gibt wirklich zig Menschen in Nürnberg und darüber hinaus, die unseren Respekt verdienen, ob der Freiwillige, der am Seeufer Müll aufsammelt oder die Lese-Oma, die im Kindergarten zum Buch greift.
"Der Staat ist kein Servicedienstleister"
Zieht sich der Staat nicht zu weit zurück, wenn er auf freiwillige Hilfe setzt?
Ehrenamt darf natürlich nie Stellen mit staatlichen oder städtischen Aufgaben ersetzen. Ehrenamt ist eine zusätzliche Ressource und eine gesellschaftliche Stärke. Aber, und das muss ich in der heutigen Zeit vielleicht betonen: Der Staat kann nicht alles leisten, wir sind - um es mal salopp zu sagen - kein Lieferando-Staat und auch kein Servicedienstleister. Das war auch noch nie so. Vielleicht ist das Ehrenamt deshalb heutzutage wichtiger denn je. Schließlich war es früher selbstverständlich, dass man seinem Nachbarn hilft.
Hat sich das ehrenamtliche Engagement über die Jahre verändert?
Tendenziell nimmt die Verbindlichkeit ein bisschen ab. Längerfristige Bindungen gehen zurück, das zeigen Studien. Dass jemand mit zehn Jahren in einen Verein eintritt und mit 80 immer noch dabei ist, ist inzwischen eher selten, bedingt auch durch unsere Mobilität. Manches passiert jetzt dafür eher spontan. Menschen machen einfach kurz entschlossen bei einer Aktion mit. Die Bereitschaft, sich selbstorganisiert zu engagieren, nimmt definitiv zu.