Gholamreza Sadeghinejad musste den Iran verlassen, weil er als zum Christentum konvertierter Ex-Muslim verfolgt wurde. Nach seiner Flucht kam er über mehrere Stationen nach Deutschland und arbeitet heute in der bayerischen evangelischen Landeskirche als Ansprechpartner für getaufte Geflüchtete aus dem Iran. Im Gespräch berichtet er von der Verzweiflung vieler Exiliraner – und von der Hoffnung, dass sich im Iran etwas verändern könnte.
"Dieses Gefühl, dass man seine Menschen irgendwie zurückgelassen hat und selbst hier sicher lebt – das lässt sich kaum beschreiben"
Wie erleben Sie im Moment die Situation im Iran und in der Region? Welche Gedanken und Gefühle beschäftigen Sie?
Gholamreza Sadeghinejad: Es sind extrem viele Gefühle. Vor allem Angst. Sorge um unsere Menschen im Iran. Und Angst vor dem, was gerade passiert.
Wir haben gestern noch Kontakt zu Verwandten in Teheran gehabt. Ganz kurz nur. Sie haben gesagt: Uns geht es gut – und wir hoffen, dass bald etwas geschieht. Diese Hoffnung hört man immer wieder. Natürlich haben die Menschen Angst. Es gibt Bombardierungen. Aber viele sagen trotzdem: Vielleicht ist das jetzt die Chance. Die Hoffnung auf Freiheit, auf Menschenwürde.
Für uns im Exil ist das sehr schwer. Wir leben hier in Sicherheit. Wir müssen keine Angst um unser eigenes Leben haben. Und gleichzeitig wissen wir: Unsere Familien sind dort. Dieses Gefühl, dass man seine Menschen irgendwie zurückgelassen hat und selbst hier sicher lebt – das lässt sich kaum beschreiben.
Aber da ist auch Hoffnung. Viele von uns würden sich sehr wünschen, dass dieses Mullah-Regime endlich überwunden wird – vielleicht auch mit Hilfe von außen – und dass die Menschen wieder in Freiheit leben können.
Sehen Sie Anzeichen dafür, dass so etwas tatsächlich passieren könnte?
Ich glaube, dafür ist es noch zu früh. Im Moment ist es vor allem Hoffnung.
Die Menschen im Iran leisten seit Jahrzehnten Widerstand. Sie gehen immer wieder auf die Straße – jedes Jahr. Und jedes Mal werden sie brutal unterdrückt: mit Repressionen, Folter, mit Toten. Sie haben wirklich alles versucht.
Die Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" hat auch in Deutschland große Aufmerksamkeit bekommen. Tausende Menschen sind damals getötet worden. Und am 7. und 8. Januar wurden – nach allem, was wir wissen – Zehntausende Menschen vom Regime getötet. Das Internet wurde abgeschaltet, und im Schutz der Dunkelheit wurde auf Menschen geschossen.
Viele von uns haben solche Situationen selbst erlebt. Ich auch. Vor etwa 15 Jahren war ich auf Demonstrationen. Ich habe dort selbst Gewalt erlebt.
Die Menschen wissen inzwischen: Allein durch Proteste auf der Straße ist es fast unmöglich, dieses Regime zu besiegen. Die Machthaber sind ideologisch so überzeugt, dass sie sogar bereit sind zu sterben – als Märtyrer, wie sie glauben. Sie kämpfen bis zum letzten Blutstropfen. Deshalb hoffen viele Menschen jetzt, dass durch die aktuellen Angriffe vielleicht etwas möglich wird, was sie allein nicht erreichen konnten.
"Wir haben auch protestiert, aber diese jungen Menschen heute – sie haben eine ganz andere Haltung"
Gibt es auch die Sorge, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllt? Zumal die Ziele der USA sehr widersprüchlich erscheinen.
Ja, natürlich. Donald Trump ist ein sehr unberechenbarer Mensch. Das merkt jeder. Aber was ich besonders oft höre – von Menschen hier und von Menschen im Iran – ist eine andere Angst. Sie sagen: Bitte lasst uns nicht allein mit den Mullahs.
Viele haben große Sorge, dass der Krieg irgendwann endet, ohne dass sich etwas verändert. Und dann wird das Regime Rache nehmen. Dann werden sie diejenigen bestrafen, die protestiert haben. Ich bekomme Nachrichten von Menschen, die sagen: Bitte geht weiter auf die Straße. Bitte macht weiter Druck. Wir können nicht wieder unter diesen Bedingungen leben.
Das ist eine sehr komplexe Situation. Ich selbst bin seit etwa 15 Jahren nicht mehr im Iran. Es fällt mir schwer, im Namen der Menschen dort zu sprechen. Ich weiß nicht genau, was sie in diesen Jahren alles erlebt haben.
Diese neue Generation ist anders. Viel mutiger als wir damals. Ich bin selbst als Christ verfolgt worden und deshalb geflohen. Viele aus meiner Generation sind geflohen. Wir haben auch protestiert, aber diese jungen Menschen heute – sie haben eine ganz andere Haltung. Sie akzeptieren keine autoritären Führer mehr, auch keine religiösen Autoritäten. Sie wollen Freiheit und Demokratie.
Und wir hier stehen oft ratlos davor. Wir haben keine einfache Lösung. Aber wir wissen: Dieses Regime kann so nicht bleiben.
Man hört oft, die iranische Opposition sei stark gespalten. Spüren Sie trotzdem so etwas wie mehr Zusammenhalt?
Ein Stück weit, ja. Bei der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit" hat man gesehen, dass viele Menschen zusammenstehen können. Und nach den Aufrufen von Reza Pahlavi rund um die Ereignisse vom 8. und 9. Januar hat sich das noch einmal verstärkt. Auch bei seiner weltweiten Aktionsinitiative gab es am 14. Februar in München eine große Demonstration. Man hatte mit etwa 100.000 bis 150.000 Menschen gerechnet am Ende waren es nach Angaben der Polizei über 250.000, vielleicht sogar mehr. Für mich zeigt das: Viele sagen jetzt, dass es keine Zeit mehr für Spaltung ist, sondern dass man zusammenstehen muss.
Natürlich gibt es trotzdem Unterschiede. Manche lehnen bestimmte Figuren der Opposition ab. Andere haben ideologische Differenzen. Das ist normal – in welchem Land sind sich hundert Prozent der Menschen einig? Aber ich glaube schon, dass viele inzwischen sagen: Erst muss dieses Regime weg. Alles andere kann man danach klären.
"Für mich persönlich ist das im Moment die einzige realistische Möglichkeit für einen Übergang"
Der Sohn des letzten Schahs wird von manchen als mögliche Übergangsfigur gesehen. Wie sehen Sie das?
Lange war unklar, wie groß seine Unterstützung wirklich ist. Viele Oppositionelle haben gesagt: Wenn er wirklich so viel Rückhalt hat, soll er einen Aufruf machen. Dann werden wir sehen, wie viele Menschen ihm folgen.
Er hat einen solchen Aufruf gemacht. Das Video wurde millionenfach gesehen. Und danach sind tatsächlich sehr viele Menschen auf die Straße gegangen. Ich glaube, das hat das Regime überrascht – und vielleicht auch erklärt, warum die Repression so brutal war.
Ich höre von vielen Iranerinnen und Iranern, auch hier in meinem Umfeld, dass sie ihn als mögliche Übergangsfigur sehen. Mir ist wichtig: Er sagt selbst, dass er keine Monarchie wiederherstellen will. Er spricht von einer Übergangsphase, nach der die Menschen frei wählen sollen, welche Staatsform sie wollen. Für mich persönlich ist das im Moment die einzige realistische Möglichkeit für einen Übergang. Vielleicht, weil ich auch keine andere Alternative sehe.
Fühlen sich iranische Christen von den Kirchen in Deutschland ausreichend unterstützt?
Wenn man eine Umfrage unter iranischen Christen machen würde, würden wahrscheinlich viele sagen: Nein, es könnte mehr sein. Viele wünschen sich klarere Positionierungen.
Ich arbeite selbst in der Landeskirche und sehe auch die andere Seite. Die Kirchen äußern sich bei vielen internationalen Konflikten sehr vorsichtig. Das gilt nicht nur für den Iran. Deshalb kann ich diese Zurückhaltung teilweise auch verstehen.
Was würden Sie sich von evangelischen Christ:innen in Bayern wünschen?
Vor allem, dass sie zuhören. Viele Iraner im Exil wollen, dass ihre Stimmen gehört werden. Sie versuchen ständig, mit Deutschen ins Gespräch zu kommen – über soziale Medien, über Veranstaltungen, über Demonstrationen.
Sie sagen: Bitte redet über den Iran. Bitte haltet das Thema in der Öffentlichkeit. Sprecht mit Politikerinnen und Politikern. Schaut nicht weg. Es geht darum, dass die Welt nicht vergisst, was dort passiert.
Gibt es noch etwas, das Ihnen besonders wichtig ist?
Ja. Viele Menschen im Iran sehen das, was gerade passiert, nicht als Krieg gegen das iranische Volk. Viele sehen es als eine Art Befreiungsaktion. Ob man Trump oder Netanjahu mag oder nicht – das ist für sie nicht entscheidend. Für sie geht es um Freiheit und Menschenwürde.
Ich habe Videos gesehen, in denen Menschen auf den Dächern stehen, wenn Stützpunkte der Revolutionsgarden bombardiert werden. Sie filmen das und rufen: Danke, Trump. Danke, Netanjahu. Bitte macht weiter, bis sie weg sind. Das klingt unglaublich. Aber solche Szenen gibt es wirklich.
"Die Situation ist einfach schlimm"
Sie haben vorhin von widersprüchlichen Gefühlen gesprochen.
Ja. Genau. Mir ist wichtig, dass auch meine Verzweiflung deutlich wird. Ich bin wie gesagt seit 15 Jahren nicht mehr im Iran. Ich kann nicht so tun, als könnte ich alles erklären. Eigentlich müssten Menschen im Iran selbst darüber sprechen. Aber sie können es oft nicht. Deshalb versuchen wir hier, ihre Stimmen weiterzugeben. Die Situation ist einfach schlimm. Hoffen wir, dass sie sich irgendwann zum Besseren wendet.