Pizza, Burger, Gugelhupf oder auch nur Avocado: All das hätte Leonora K. vor drei Jahren niemals gegessen. Ständig rechnete die heute 21-Jährige im Kopf Kalorien aus. Wenn sie aß, dann nur Sachen, die fast keine Kalorien hatten.
Wie stark Leonora abgemagert war, möchte ihre Mutter Anna K. nicht sagen, weil sie weiß: Im Internet gibt es einen Unterbietungswettbewerb in Sachen Anorexie. Nur so viel: Sie war so krank, dass sie einen Rollstuhl brauchte. Sechs Wochen musste Leonora in einer Spezialklinik dreimal am Tag über eine Sonde ernährt werden.
Gemeinsamer Essensplan
Selbst durch die Sondennahrung wurde der Zweck des Klinikaufenthalts nur zum Teil erreicht. Leonora nahm wenig zu. Nach der Entlassung sorgte ihre Mutter durch eine große Anzahl von selbst organisierten Interventionen dafür, dass ihre Tochter die Magersucht Schritt für Schritt überwand. Gemeinsam tüftelten Mutter und Tochter einen täglichen Essensplan aus.
Das Statistische Bundesamt teilte im August mit, dass sich die Zahl der stationären Behandlungen essgestörter 10- bis 17-Jähriger zwischen 2003 und 2023 von 3.000 auf 6.000 Patientinnen verdoppelt hat. Dies betrifft aber alle Essstörungen, also auch das Gegenteil von Magersucht, das Überessen. Die Ursachen des Anstiegs sind unklar. Soziale Medien könnten eine Rolle spielen. Eine Studie aus Kanada zog 2022 einen Zusammenhang zwischen mehr stationären Aufnahmen wegen Anorexie und Corona-Pandemie.
Eine niederländische Studie Anfang dieses Jahres hingegen fand heraus, dass während Corona die Magersucht-Fälle kaum mehr geworden waren. Eine Untersuchung aus Deutschland stellte während der Pandemie sogar einen Rückgang der Magersucht-Fälle fest. Allerdings, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie, könnte es sein, dass in der angespannten Versorgungslage während der Pandemie schlicht weniger Fälle registriert wurden. Die Studien lassen Aussagen über Ursachen des Anstiegs der Fallzahlen nicht zu.
Gewichtsabnahme trotz Therapie
Der Bamberger Verein Elternnetzwerk Magersucht, der seit fünf Jahren Gruppen für betroffene Eltern anbietet, berichtet von Kindern, die trotz Therapie weiter abnehmen. 900 Mitglieder gehören dem Netzwerk inzwischen an. "Pro Woche führen unsere ehrenamtlich Aktiven derzeit im Schnitt 20 Erstgespräche", berichtet die Organisation dem Evangelischen Pressedienst (epd). Meist häuften sich die Kontakte nach den Weihnachtsferien.
Anorexie sei die psychische Erkrankung mit der höchsten Letalität, erläutert Beate Herpertz-Dahlmann, Seniorprofessorin an der Aachener Klinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters: "Es hat aber keinen Sinn, Panik zu schüren." Aktuell koordiniert sie die Überarbeitung der Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Essstörungen. 2026 sollen sie erscheinen. Unter anderem soll darin noch stärker betont werden, wie wichtig es ist, die ganze Familie in die Behandlung einzubeziehen.
Für Herpertz-Dahlmann wäre es bedeutsam, in der Tiefe zu verstehen, warum derart viele junge Menschen an einer Essstörung erkranken: "Doch wir haben fast keine Forschungsmittel, um herausfinden zu können, woran das liegt." Es fließe auch zu wenig Geld in Prävention. In anderen Ländern hätten magersüchtige Jugendliche bessere Chancen, von Chronifizierung verschont zu bleiben. In England erhielten sie zum Beispiel binnen vier Wochen einen Therapieplatz. In Deutschland sei man hiervon Lichtjahre entfernt.
Wiederholte stationäre Aufenthalte sinnvoll
Laut Steffen Jütting, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Hamburg, sind bei der Behandlung von Magersucht die therapeutische Beziehung sowie die Mitwirkung der Patientinnen und Patienten von großer Bedeutung. Niedergelassene Therapeuten haben seinen Worten zufolge aber oft wenig Erfahrung bei der Behandlung von Essstörungen.
Jedes Therapiekonzept, appelliert auch er, müsse die gesamte Familie einbeziehen, zum Beispiel in Form von Familiengesprächen. Häufig, erklärt er, sei bei schwerer Magersucht eine Intervallbehandlung sinnvoll: "Also wiederholte stationäre Aufenthalte, die im Verlauf kürzer werden können und einen geschützten Rahmen bieten."
Um anderen Eltern zu helfen, schreibt Anne K. gerade ihre eigenen Erlebnisse in einem Buch nieder. Leonora geht seit Jahresbeginn in ihr altes Gymnasium, um über Essstörungen aufzuklären. Inzwischen geht es ihr wieder so gut, dass sie im Sommer ihr Abitur ablegte. Ab nächstem Jahr möchte sie Psychologie studieren.