Im Vikariat sind wir dazu angehalten, neue Sachen auszuprobieren. Was heißt angehalten? Wir dürfen und bekommen die Zeit, ganz Neues auszuprobieren. Natürlich müssen wir auch bestimmte Abläufe und Strukturen lernen, aber uns wird immer wieder Mut gemacht, Dinge neu und anders zu machen. Gerne nehme ich diesen Freiraum und diese Möglichkeit wahr.

So auch in einem Gottesdienst. Ich strich das Eingangs- und das Fürbittengebet und eigentlich auch die Predigt, um den Gottesdienst mit interaktiven Angeboten zu füllen, die die Gottesdienstbesucher nicht nur zu Zuschauern, sondern zu aktiven Teilnehmern machen, die ihren eigenen Anteil am Gottesdienst übernehmen.

Eigentlich wollte ich keine Predigt halten

Die Predigt ergab sich dann doch irgendwie von selbst. Eigentlich wollte ich in diesem Gottesdienst keine Predigt halten, sondern die Gemeinde sich interaktiv mit einem Bibeltext auseinandersetzen lassen. Allerdings nahm ich ein paar Tage vor dem Gottesdienst jemanden in meinem Auto mit, und er erzählte mir von seinen Glaubenszweifeln. Die Predigt schrieb sich danach wie von selbst. Der Heilige Geist legte sie mir sozusagen in den Schoß.

Das Eingangs- und das Fürbittengebet blieben gestrichen. Stattdessen baute ich Gebetsstationen mit Gebetsheften und Gebetswürfeln auf, und hinten im Kirchenschiff stand ich und bot persönliches Gebet an. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher konnten sich dabei frei durch die Kirche bewegen.

Kirche – lebendig und in Bewegung

Als ich dann hinten im Kirchenschiff stand und sah, wie die Leute sich frei durch die Kirche bewegten und auch im Altarraum andächtig für Gebet anhielten, während nebenbei die Gebetsholzwürfel sogar von der Generation Ü70 geworfen wurden, dachte ich mir: Sollte Kirche nicht genau so sein – lebendig und in Bewegung, und jede*r macht mit, so wie es für seine oder ihre Beziehung zu Gott am besten ist?

Ich habe aus diesem Gottesdienst gelernt, dass wir in unserer Kirche mehr Platz und Bewegungsfreiheit brauchen – für die Menschen in ihrer Vielfältigkeit und für den Geist Gottes. Dann kann vieles Überraschende und Schöne entstehen.