Mit einem Festakt erinnert die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern am 9. November an den 20. Jahrestag der Eröffnung der Ohel-Jakob-Synagoge. Das Gotteshaus am St.-Jakobs-Platz wurde am 9. November 2006 eingeweiht und markierte die Rückkehr jüdischen Lebens ins Zentrum Münchens. Das Bayerische Fernsehen überträgt den Festakt von 16 bis 18 Uhr live. Neben prominenten Rednerinnen und Rednern tritt der argentinische Klarinettist Giora Feidman auf, der als "King of Klezmer" bekannt ist.
Ein schroffer Kalksteinquader, hoch wie die Jerusalemer Klagemauer, trägt einen filigranen, goldschimmernden Kubus: So präsentiert sich die Synagoge, die das Saarbrücker Architekturbüro Wandel Hoefer Lorch entworfen hat. Auf dem Eingangsportal stehen zehn hebräische Buchstaben, die für die Zehn Gebote stehen. Während das Äußere monumental wirkt, ist der Innenraum mit viel Holz gestaltet. Mit dem Neubau endete das Provisorium der jüdischen Gemeinde in der Reichenbachstraße.
Ein Gotteshaus als Zeichen der Rückkehr
Die Wahl des Datums war bewusst: Am 9. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten in München die beiden damals verbliebenen Synagogen in der Reichenbach- und der Herzog-Rudolf-Straße. Die prächtige Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße am heutigen Lenbachplatz hatten die Nationalsozialisten bereits im Juni 1938 auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers abreißen lassen.
Mit der Eröffnung von Ohel Jakob kehrte die jüdische Gemeinde 2006 sichtbar in die Innenstadt zurück. Die Israelitische Kultusgemeinde München war am 15. Juli 1945, nur zwei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wiedergegründet worden. Heute zählt sie nach eigenen Angaben rund 9.500 Mitglieder und gehört damit zu den größten jüdischen Gemeinden Deutschlands.
Die Synagoge ist Teil des Jüdischen Zentrums am Jakobsplatz. Dazu gehören das Jüdische Museum und ein Gemeindezentrum mit weiteren Einrichtungen. Der Bau des Zentrums kostete rund 57 Millionen Euro. Für die damalige Präsidentin der Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, ging damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Sie habe zeitweise erwogen, das Vorhaben aufzugeben, sagte sie einmal dem Evangelischen Pressedienst (epd). Doch: "Ich wollte dieses Projekt durchsetzen." Die Eröffnung sei für sie die Verwirklichung eines Traums gewesen.
Knobloch, die am 29. Oktober 2026 ihren 94. Geburtstag feiert, steht seit 1985 an der Spitze der Kultusgemeinde. Die Holocaust-Überlebende zählt zu den bekanntesten jüdischen Repräsentantinnen Deutschlands. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Weitere Spitzenämter hatte sie im Jüdischen Weltkongress und im Europäischen Jüdischen Kongress inne. Ihrer Heimatstadt München fühlte sie sich stets besonders verbunden: Sie habe sich immer als "Münchner Kindl" verstanden, sagte sie dem epd.
Erinnerung an die Ermordeten
Auch im Inneren des Jüdischen Zentrums ist die Geschichte der Verfolgung präsent. Im unterirdischen Verbindungsgang zum Gemeindezentrum erinnern beleuchtete Glasplatten an mehr als 4.500 Münchner Jüdinnen und Juden, die während der NS-Zeit ermordet wurden.
Die Geschichte jüdischen Lebens in München reicht weit zurück. Bereits im Mittelalter lebten Jüdinnen und Juden in der Stadt. Im 13. Jahrhundert ist eine jüdische Gemeinde belegt, im Laufe der folgenden Jahrhunderte wechselten sich Phasen der Ansiedlung und Vertreibung ab. 1442 wurden jüdische Menschen dauerhaft aus München und Oberbayern vertrieben. Erst im 18. Jahrhundert kamen wieder Jüdinnen und Juden in die Stadt. 1815 wurde die Israelitische Kultusgemeinde München gegründet, 1824 durfte sie eine Synagoge errichten.
Mit der Einweihung der Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße 1887 erhielt die Gemeinde ein repräsentatives Gotteshaus. Der Bau galt als einer der bedeutendsten Synagogenbauten Deutschlands. 1938 wurde er auf Anordnung der Nationalsozialisten abgerissen. Die Novemberpogrome zerstörten auch die beiden anderen Synagogen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebten weniger als 100 jüdische Menschen in München, die die Verfolgung überlebt hatten.
Nach dem Krieg wurde die Synagoge in der Reichenbachstraße wiederhergestellt und 1947 eingeweiht. Sie diente bis zur Eröffnung von Ohel Jakob als Hauptsynagoge und Sitz der Kultusgemeinde. Das Gotteshaus im Glockenbachviertel, eine der wenigen Synagogen im Bauhaus-Stil, verfiel nach dem Umzug zunächst. Nach jahrelanger Sanierung wurde es im September 2025 wiedereröffnet. An der Feier nahmen unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) teil.
Antisemitismus bleibt eine Bedrohung
Die Rückkehr jüdischen Lebens in die Münchner Innenstadt bedeutet nicht, dass jüdische Menschen in Deutschland ohne Angst leben können. Der St.-Jakobs-Platz gehört zu den besonders stark gesicherten Orten der Stadt. Auch Charlotte Knobloch steht seit Jahren unter besonderem Personenschutz.
Wie real die Bedrohung ist, zeigte sich bereits während des Baus des Jüdischen Zentrums: Kurz vor dem Festakt zur Grundsteinlegung 2003 mit dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau vereitelte die Polizei einen Sprengstoffanschlag von Rechtsextremen. Die Eröffnung drei Jahre später wurde zu einem bundesweiten Ereignis. Die Thora-Rollen wurden in einem festlichen Umzug von der bisherigen Synagoge in der Reichenbachstraße zum neuen Gotteshaus gebracht. Der Festakt mit Bundespräsident Horst Köhler wurde live in der ARD übertragen.
Köhler verwies damals auf die fortbestehende Gefahr des Antisemitismus. Es sei "alles andere als selbstverständlich" gewesen, dass nach der Schoah wieder Juden in Deutschland heimisch geworden seien. Zugleich prallten die Hoffnungen auf Normalität auf eine Wirklichkeit, in der es offenen und latenten Antisemitismus gebe und rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten zunähmen, sagte er.
Zu den schweren antisemitischen Gewalttaten der Nachkriegszeit zählt der Brandanschlag auf ein jüdisches Seniorenheim in der Reichenbachstraße am 13. Februar 1970. Sieben Menschen starben, die meisten von ihnen Holocaust-Überlebende. Der oder die Täter wurden jahrzehntelang nicht ermittelt. Anfang 2026 teilte die Generalstaatsanwaltschaft München mit, einen 2020 gestorbenen Rechtsextremisten als Verdächtigen identifiziert zu haben. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, weil der Verdächtige nicht mehr angeklagt werden kann.
In den vergangenen Jahren hat sich das jüdische Leben in München zugleich weiterentwickelt. 2023 verlegte die Konferenz der Europäischen Rabbiner ihren Hauptsitz von London nach München. Mit der Wiedereröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße 2025 kam ein weiterer Ort jüdischen Lebens hinzu.
Die Ohel-Jakob-Synagoge steht damit für den Wiederaufbau jüdischer Gemeinschaft nach der Shoah und ihre Präsenz im Zentrum Münchens. Zugleich erinnert ihre Geschichte daran, dass diese Rückkehr nicht selbstverständlich war – und dass die Sicherheit jüdischen Lebens bis heute keine Selbstverständlichkeit ist.