Frauen haben die evangelische Kirche über Jahrzehnte verändert – oft ohne große Bühne und ohne die Anerkennung, die ihre Arbeit verdient hätte. Während es über Pfarrerinnen Personalakten und Dokumentationen gibt, droht das Wissen über engagierte Ehrenamtliche verloren zu gehen. 

Das Projekt #FrauenGestaltenKirche will das ändern: Es stellt historische Pionierinnen und Frauen vor, die Kirche heute prägen. Andrea König, zuständig für die kirchliche Frauenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und Referentin für das "forum frauen" in der "Wirkstatt evangelisch", erklärt, wie das Projekt arbeitet, nach welchen Kriterien es Frauen auswählt und warum kirchliche Geschichte neu erzählt werden muss.

Frau König, wie ist die Idee zum Projekt "#FrauenGestaltenKirche" entstanden? Was war der konkrete Auslöser dafür?

Andrea König: Das Projekt hat eine längere Vorgeschichte. Der wesentliche Impuls geht auf ein Zeitzeuginnen-Projekt des Arbeitskreises Frauenkirchengeschichte unserer Landeskirche zurück. Dort wurden in intensiver Arbeit 42 Interviews geführt. Als die Frauen dieses Arbeitskreises – viele von ihnen inzwischen hochbetagt – das Projekt als Schenkung an das landeskirchliche Archiv übergaben, verbanden sie dies mit dem dringenden Wunsch, dass diese Zeugnisse nicht schlicht in den Regalen verschwinden, sondern aktiv weiterwirken. Den ausschlaggebenden Anstoß gab schließlich das Jubiläum "50 Jahre Frauenordination". In diesem Kontext lag der Fokus naturgemäß stark auf den hauptamtlichen Pfarrerinnen. Uns wurde jedoch schlagartig klar: Was ist mit den unzähligen ehrenamtlichen Frauen, die ohne Ordination mit enormer Tatkraft für Veränderungen gekämpft haben und die Kirche auch heute noch tragen? Für Hauptamtliche gibt es Personalakten und Dokumentationssysteme, für Ehrenamtliche hingegen nicht. Wenn hier Netzwerke wegbrechen, geht wertvolles Wissen unwiederbringlich verloren. Dieses Bewusstsein gab den Ausschlag, aus dem bestehenden Arbeitskreis heraus neue Wege zu suchen.

Warum haben Sie sich entschieden, das bisherige Zeitzeuginnen-Projekt nicht fortzuführen, sondern ein völlig neues Konzept zu wählen?

Wir wollten neue, zeitgemäße Arbeitsformen erproben, die auch heutigen ehrenamtlichen Frauen – die meist beruflich gefordert und zeitlich stark eingebunden sind – eine Beteiligung ermöglichen. Langwierige Sitzungen über Jahre hinweg oder aufwendige Interviewreihen, die erst nach Jahren in einem dicken Publikationsband mühsam dokumentiert werden, passen oft nicht mehr in die heutige Lebenswirklichkeit. Zudem war uns inhaltlich wichtig, nicht ausschließlich rückwärtsgewandt zu arbeiten. Es gibt heute ebenso viele faszinierende Frauen, die im Verborgenen Kirche gestalten. Auch ihr Handeln und ihr Erfahrungsschatz müssen sichtbar gemacht werden. Wir wollten ein Format schaffen, das schneller, kontinuierlicher und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich ist.

Wie sieht die konkrete Umsetzung des Projekts im Alltag aus?

Wir nutzen soziale Medien wie Instagram als moderne und sehr zugängliche Plattform. Jeden Monat präsentieren wir eine "Frau des Monats" in einem prägnanten Porträt. Dabei wechseln wir systematisch ab: Einmal stellen wir eine Persönlichkeit aus der Kirchengeschichte vor, im darauffolgenden Monat eine engagierte Frau aus der Gegenwart. So verbinden wir historische Tiefe mit aktueller Relevanz. Gleichzeitig arbeiten wir im Hintergrund als Netzwerk kontinuierlich an Recherchen, der Aufarbeitung historischer Quellen und der Archivierung weiter.

Angesichts der vielen engagierten Frauen in der Landeskirche: Nach welchen Kriterien wählen Sie die jeweiligen Porträtierten aus?

Das war in der Tat eine der schwierigsten Aufgaben. Als wir im Netzwerk erstmals Namensvorschläge sammelten, landeten wir rasch bei einer Liste von über 250 Frauen. Um hier fair und fundiert auszuwählen, haben wir einen wissenschaftlichen Kriterienkatalog erarbeitet. Zentrale Fragen dabei sind: Hat sich die Frau in besonderer Weise für Frauenanliegen, geschlechtergerechte Perspektiven oder die kirchliche Frauenarbeit eingesetzt? Welchen Beitrag hat sie zur Entwicklung von Kirche und Gesellschaft geleistet? Über diesen Katalog stellen wir sicher, dass wir eine ausgewogene und inhaltlich begründete Auswahl treffen.

#FrauenGestaltenKirche
So sieht das Erkennungsbild zu #FrauenGestaltenKirche aus.

Können Sie uns konkrete Beispiele aus dem ersten Projektjahr nennen?

Sehr gerne. Zum Auftakt haben wir Tanja Keller porträtiert. Sie ist die neue Landessynodalpräsidentin der ELKB, engagiert sich seit vielen Jahren im Hintergrund für Frauenanliegen und war maßgeblich an der Erarbeitung des neuen Gesetzes für Frauen in Führungspositionen sowie der Verankerung von Quoten beteiligt. Ein prägnantes historisches Beispiel ist Herta Atzkern, die wir als "Frau des Monats" für Januar auswählen – passend zu ihrem zehnten Todestag und nach ihrem 100. Geburtsjahr in diesem Jahr. Sie war eine der ersten ehrenamtlichen Synodalen überhaupt und über 25 Jahre lang in kirchenleitenden Funktionen aktiv. Sie setzte Wegweisendes wie die ersten Theologinnengesetze durch. Wenn man bedenkt, dass sie in ihren Anfangsjahren in der Synode noch fälschlicherweise als "Herr Atzkern" angesprochen wurde, weil eine Frau in diesem Gremium schlicht unvorstellbar war, wird deutlich, welche Pionierarbeit sie leisten musste – etwa auch bei der Einführung geschlechtergerechter Sprache.

Gibt es weitere Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart, die Sie besonders hervorheben möchten?

Ein faszinierendes geschichtliches Beispiel ist Charlotte von Kirschbaum. Viele kennen sie nur als die "Frau an der Seite" des berühmten Theologen Karl Barth. Kaum jemand weiß jedoch, dass sie gebürtige Ingolstädterin war und eigenständige theologische Publikationen verfasst hat. Sie beschäftigte sich als eine der ersten intensiv mit der Stellung der Frau in der Theologie und gilt damit als wichtige Wegbereiterin. Aus der Gegenwart stellen wir unter anderem eine aktive Kommunalpolitikerin vor, die im Hauptberuf Bäckermeisterin ist und sich ehrenamtlich als Kirchenvorsteherin engagiert. Sie versteht sich als Brückenbauerin und Visionärin an der Schnittstelle von Kirchengemeinde und Stadtgesellschaft. Solche Beispiele weiten den Blick darauf, welches vielfältige Know-how Frauen aus ihren zivilberuflichen Erfahrungen in die Kirche einbringen.

Das Projekt ist zunächst auf 12 Monate angelegt. Was soll nach diesem ersten Jahr idealerweise hängenbleiben?

Idealerweise nehmen die Menschen ein differenziertes, vielschichtiges Bild davon mit, wer Kirche tatsächlich prägt und gestaltet. Wir möchten Vorbilder aufzeigen, Inspiration schenken und Lust machen, sich selbst einzubringen. Am 16. Oktober 2027 veranstalten wir eine große Netzwerktagung im Evangelischen Campus Nürnberg, bei der wir unter anderem das Format einer "Living Library" erproben. Dort kommen die engagierten Frauen zusammen, tauschen Wissen aus und knüpfen neue Kontakte. An diesem Tag werden wir im Netzwerk auch gemeinsam entscheiden, wie wir das Projekt in Zukunft weiterführen.