Wie können die Menschen in der Ukraine mit Kriegstraumata umgehen? Die Stiftung "Wings of Hope" ist seit Jahrzehnten auf die Traumaarbeit spezialisiert. Zusammen mit dem Kolpingwerk Ukraine hat sie eine Weiterbildung in Psychotraumatologie aufgesetzt, die ukrainischen Fachkräften helfen soll, die Menschen vor Ort besser unterstützen zu können.
Die Teilnehmenden begleiten Menschen mit Kriegserfahrungen und nutzen auch nach Abschluss der Ausbildung regelmäßige Supervisionen, um fachliche und persönliche Belastungen gemeinsam zu reflektieren. Der erste Jahrgang mit 31 Fachkräften ist inzwischen abgeschlossen, eine weitere Ausbildungsrunde im November geplant. Die Projektkoordinatorin Julia Borchardt erzählt im Gastbeitrag, was die Menschen erlebt haben und wie sie damit umgehen.
Was die Menschen aus der Ukraine erzählen
Wenn sich ukrainische Fachkräfte zur monatlichen Online-Supervision treffen, geht es schnell um mehr als nur fachliche Fragen. Sie sprechen über die Menschen, die sie begleiten, und über ihre eigene Situation. Denn die Frauen und Männer, die anderen durch traumatische Erfahrungen helfen, leben selbst mitten im Krieg.
Eine Teilnehmerin erzählt von einer 23-jährigen Klientin, die zu Beginn des russischen Angriffskrieges nach Deutschland geflohen ist. Die junge Frau leidet unter starken Traumasymptomen. In den Sitzungen war sie so emotional überwältigt, dass die Teilnehmerin den Eindruck hatte, die Patientin "klammere sich an sie wie an einen Rettungsring". Eine andere Teilnehmerin beschreibt, welche Auswirkungen solche Begegnungen auf sie selbst haben: "Manchmal komme ich aus Sitzungen und habe Kopfschmerzen, als wäre ein großer Ballast über mir ausgeschüttet worden."
Doch wie kann man Menschen Halt geben, wenn man selbst in einer Gesellschaft lebt, die täglich von Krieg, Verlust und Unsicherheit geprägt ist? Und wie bleibt man handlungsfähig, ohne die Not der anderen mit nach Hause zu nehmen?
Arbeiten unter Kriegsbedingungen
Mit diesen Fragen setzten sich ukrainische Fachkräfte in einer zweijährigen Weiterbildung im Bereich Psychotraumatologie auseinander. Die Stiftung Wings of Hope Deutschland hat die Fortbildung gemeinsam mit dem Kolpingwerk Ukraine durchgeführt. Im Dezember 2025 schlossen 31 Fachkräfte die Ausbildung nach acht Modulen erfolgreich ab.
In der Weiterbildung lernten die Fachkräfte, wie sich traumatische Erfahrungen auf Körper, Gefühle und Beziehungen auswirken und wie Betroffene professionell begleitet und stabilisiert werden können. Gleichzeitig ging es um eine Frage, die unter normalen Bedingungen schon anspruchsvoll ist und im Krieg eine besondere Bedeutung erhält: Wie können Fachkräfte anderen helfen, ohne dabei ihre eigenen Grenzen aus den Augen zu verlieren?
Viele der Teilnehmenden arbeiten mit Menschen, die unmittelbar von den Folgen des Krieges betroffen sind, beispielsweise mit Geflüchteten, Kindern und Jugendlichen, älteren Menschen oder Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig haben die Fachkräfte selbst Angehörige verloren, sind von Trennungen betroffen oder leben mit der ständigen Sorge um Menschen, die ihnen nahestehen. Berufliche und persönliche Realität lassen sich dabei oft nicht voneinander trennen.
Die Weiterbildung bot deshalb nicht nur fachliche Unterstützung, sondern auch Raum, die eigene Arbeit und Haltung zu reflektieren. Eine Teilnehmerin beschreibt, welche Veränderungen dieser Prozess bei ihr ausgelöst hat:
"Ich habe mich verändert, und das ist ein Verdienst der Gruppe. Ich habe die Prinzipien meiner Arbeit überdacht und erkannt, wie wichtig es ist, nicht nur Techniken anzuwenden, sondern auch Bindung, Gedanken, Emotionen und den Körper einzubeziehen."
Supervision in der Gruppe
Mit der Zeit wurde die Gruppe selbst zu einem wichtigen Bestandteil der Weiterbildung. Hier konnten die Teilnehmenden Erfahrungen teilen, für die im normalen Arbeitsalltag häufig kein Raum bleibt. Sie mussten ihre Belastung nicht erklären oder rechtfertigen. Alle im Raum wussten, wovon sie sprachen.
Diese Verbindung blieb auch nach dem Ende der Weiterbildung bestehen. Seit März 2026 treffen sich die Fachkräfte monatlich zur Online-Supervision. Die Gespräche beginnen häufig mit persönlichen Erfahrungen, bevor es um konkrete Fälle und fachliche Fragen geht. Dabei wird deutlich, wie schwierig die Arbeit unter den gegenwärtigen Bedingungen ist.
Eine Teilnehmerin sagt:
"Es gibt zu viel Arbeit und zu wenig Unterstützungsangebote."
Ein Teilnehmer berichtet von einem ehemaligen Veteranen, der seinem Umfeld und auch ihm als Therapeut mit großem Misstrauen begegnet. Eine Kollegin empfiehlt für diesen Fall ein Projekt für Veteranen, bei dem die Arbeit mit Pferden einen anderen Zugang zur Stabilisierung ermöglicht.
Eine andere Kollegin berichtet von einer Klientin, deren Therapie endete, nachdem sie nach Deutschland gezogen war und ihre Therapiestunden aufgebraucht waren. Trotzdem meldet sich die Frau weiterhin. "Es fällt mir schwer, den Kontakt abzubrechen, weil ich ihre Not sehe."
Solche Situationen werden gemeinsam reflektiert. Dabei geht es um professionelle Grenzen und Selbstschutz, aber auch um die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, wenn die eigenen Ressourcen oder die verfügbaren Hilfsangebote begrenzt sind.
In der Supervision werden auch sehr konkrete fachliche Fragen besprochen: Was tun, wenn ein innerer sicherer Ort nicht aufgebaut werden kann? Wie kann mit Dissoziation im Online-Setting gearbeitet werden? Wie begleitet man Menschen, deren Lebenssituation kaum Stabilisierung zulässt? Und wie kann man Veteranen unterstützen, die körperlich und psychisch schwer belastet sind?
Aus Weiterbildung wird Praxis
Die Wirkung der gemeinsamen Arbeit zeigt sich auch außerhalb der Supervision. Einige der Fachkräfte haben damit begonnen, eigene Gruppenangebote aufzubauen, unter anderem für Frauen, deren Söhne oder Ehemänner im Krieg gefallen sind. In diesen Gruppen geht es zunächst nicht darum, die Trauer möglichst schnell zu überwinden. Es geht vielmehr darum, einen Raum zu schaffen, in dem der Verlust ausgesprochen und gemeinsam ausgehalten werden kann.
Der Aufbau solcher Gruppen beginnt mit dem Aufbau von Vertrauen. Erst danach kommen fachliche Elemente hinzu, etwa psychoedukative Impulse zum Thema Trauer. Ergänzt werden diese durch kreative Methoden: Dazu gehören Briefe an Verstorbene, künstlerische Zugänge oder Übungen zur Atem- und Körperwahrnehmung.
Viele Teilnehmer:innen berichten, dass sie sich in diesen Gruppen zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr allein fühlen. Die Erfahrung, mit der eigenen Trauer gesehen zu werden, wird für sie zu einer wichtigen Stütze im Alltag. So entsteht Schritt für Schritt die Möglichkeit, Verluste in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren, ohne die innere Verbindung zu den Verstorbenen aufzugeben.
Gemeinsam Lösungen finden
Die Weiterbildung hat somit nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Verbindungen geschaffen, die über die einzelnen Module hinausreichen. Die Fachkräfte können auf die Erfahrungen und das Wissen der anderen zurückgreifen, um neue Ideen zu entwickeln und sich gegenseitig auf Angebote aufmerksam zu machen.
So wird aus fachlichem Austausch ein Netzwerk, das auch im Arbeitsalltag weiterwirkt. Nicht jede schwierige Situation muss allein gelöst werden. Erfahrungen können weitergegeben, Angebote vermittelt und neue Wege gemeinsam entwickelt werden.
Genau darin liegt für viele der Wert der Gruppe. Eine Teilnehmerin sagt:
"Es hilft zu wissen, dass es andere Menschen wie mich gibt, die an anderen Orten die gleiche Arbeit machen und sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit in Form von Traumatherapie einsetzen."
Die Weiterbildung ist inzwischen abgeschlossen, doch das entstandene Netzwerk besteht weiter. Und es soll weiter wachsen: Nach langer Suche ist es gelungen, eine Finanzierung für eine zweite Ausbildungsrunde zu sichern, die im November 2026 starten kann. Weitere 25 ukrainische Fachkräfte erhalten damit die Möglichkeit, ihr Wissen zu vertiefen, ihre Arbeit zu reflektieren und sich mit anderen zu vernetzen. Gerade angesichts der großen Nachfrage und des hohen Unterstützungsbedarfs ist es ein wichtiges Zeichen, dass die gemeinsame Arbeit weitergehen kann.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lehren aus diesem Projekt: Menschen können andere auch unter extremen Bedingungen stärken, wenn sie selbst nicht allein bleiben. Wo der Krieg viele Sicherheiten zerstört, kann Halt zunächst in etwas Einfachem entstehen: Menschen, die einander zuhören, ihre Erfahrungen teilen und sich gegenseitig daran erinnern, dass sie ihre Last nicht allein tragen müssen.