Im Januar ist es in unserer Kurstadt Bad Kissingen anders als sonst. Alles wirkt wie zurückgenommen oder auf Pause gesetzt. Es gibt viel weniger Kurgäste, weniger Veranstaltungen. Ob Kurgarten, Fußgängerzone oder Drogeriemarkt – man begegnet nur wenigen Menschen. Einige Hotels, Geschäfte oder Cafés haben in dieser Zeit traditionell geschlossen. Es scheint, als läge die ganze Stadt in diesem Monat im Winterschlaf. Weniger Geräusche, Stille. Brachzeit, wie in der Natur. Es blüht nichts, es ereignet sich wenig, Winterstarre, wohin man blickt.
Auch in unserer Kirche ist es in dieser Zeit nicht unbedingt gemütlich. Die alte Bankheizung schafft es bei klirrenden Temperaturen nicht besonders gut, für ausreichend Wärme zu sorgen. Kommt dann noch der berühmte Rhönnebel, dann hilft nur noch: warmer Tee, Kuchenbacken oder lange Telefonate mit liebenswürdigen Menschen.
Klar flüstert die innere Stimme einem schon mal zu: "Hab ein bisschen Geduld. Es wird auch wieder anders. Wenn erst einmal der 2. Februar da ist und die Sonne das Zepter übernimmt, dann geht es aufwärts: Die Tage werden sichtlich länger, es wird heller, wärmer, und auch die Stadt beginnt zu erwachen und wieder zu pulsieren.
Da sind wir im Januar aber noch nicht. Am heutigen Sonntag befinden wir uns eher in einem Zwischenzustand. Bald werden die Tage spürbar länger, aber der Winter hält noch etwas an. Manche Menschen entfliehen ganz bewusst im Januar in warme Regionen der Südhalbkugel, wo jetzt Sommer herrscht. Aber da gibt es auch die Brachzeit des Lebens, der man nicht so leicht entrinnen kann. Verlust, Enttäuschung, Schmerzen oder Krisen legen sich wie eine kalte Eisschicht um uns und bestimmen Tage, Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre. In der Bibel hat besonders der Prophet Jeremia damit seine Erfahrungen gemacht.
Von ihm möchte ich heute erzählen. Er hat mehr als einmal Dürrezeiten erlebt. Und doch hat er auch darin immer wieder einen verborgenen Horizont aufgedeckt.
Die amerikanische Sängerin Sandra McCracken gibt dieser Hoffnung in ihrem Song "In Feast Or Fallow" – "Beim Festmahl oder in der Brachzeit" einen Raum. Sie singt:
Wenn die Felder trocken sind und der Winter lang ist.
Selig die Sanftmütigen, die Hungrigen, die Armen.
Wenn meine Seele niedergeschlagen ist
und meine Stimme keinen Gesang hat für Gnade oder um Trost zu finden,
warte ich auf Gott.
Ob beim Erntefestmahl oder in der Brachzeit,
meine sichere Hoffnung liegt in Jesus
Jeremia und die Dürre: Gottes Wort in Krisenzeiten
Jeremia gehört im 1. Testament zu den sogenannten großen Propheten. Die Bibel erzählt, dass er als junger Mann von Gott als Prophet, als Sprachrohr göttlichen Willens, berufen wird. Seine Zeit, das 6. Jahrhundert vor Christus, ist geprägt von den Machenschaften der damaligen Großmächte. Assyrien, Babylon und Ägypten umkesseln und bedrohen abwechselnd das kleine Juda, mit der Hauptstadt Jerusalem. In dieser schwierigen Situation hat Jeremia die anspruchsvolle Aufgabe, seinen Zeitgenossen göttliche Botschaften zu überbringen.
Er soll sie erinnern an Nächstenliebe, Verantwortung für andere und friedliches Miteinander. Dass die Starken sich für die Schwachen einsetzen. Dass Unrecht benannt, Lüge, Betrug und Menschenverachtung nicht länger beschönigt werden. Und so sieht er genau hin, erkennt, was schiefläuft, spricht es an und kritisiert. Mehr als einmal fühlt er sich unsäglich hilflos. Die Wahrheit will niemand hören und noch weniger möchte man naheliegende Konsequenzen ziehen. Die Menschen damals fürchteten um ihr Überleben, sorgten sich um ihr Hab und Gut.
Da bleibt keine Kapazität für theologisch-philosophisches Nachdenken. Für Menschenfreundlichkeit oder Selbstkritik. Und was würde das schon helfen, fragen sie sich, wenn alles auf dem Spiel steht?
Dass Großmächte sich darin gefallen, zu nehmen, was sie wollen und davon träumen, die Welt unter sich aufzuteilen, zum eigenen Vorteil, scheint immer schon geläufig zu sein. Und natürlich fragt man sich angesichts solcher Situationen: Was kann man schon ausrichten mit Nachdenken, mit Worten und guten Absichten in den Kriegs- und Terrorgebieten dieser Welt, in den Machtkämpfen um Territorien und Bodenschätze? Was soll man heute tun, wenn Neonazis ihre Parolen durch Fußgängerzonen oder in Fußballstadien grölen?
Wenn Linksradikale einen Brandanschlag auf eine Strombrücke verüben und tausende in Haushalten, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern tagelang bei Minusgraden ohne Strom auskommen müssen? Was helfen Worte? Was hilft es zu wissen, dass dahinter Verblendung, Ideologien stehen, die mit Machtfantasien beginnen und im gewaltsamen Desaster enden?
Jeremia erlebt, wie seine Worte in seiner Zeit verhallen, und am Ende kommt, wie es kommen muss: Das ganze Land liegt brach und eine unglaubliche Dürre verwandelt alles in Staub. Da hinein ergeht das Wort Gottes an ihn über die große Dürre. Worte, die es, über Jahrtausende hinweg, bis zu uns geschafft haben. In vielen Gottesdiensten werden sie heute als Predigttext zu hören sein.
Die große Dürre: Leere Brunnen und trostlose Felder
Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück.
Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst.
Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. (Jer 14,1-9)
Apokalyptische Bilder. Wie aus einem Klimabericht unserer Zeit. Leere Brunnen und brachliegende, rissige Erdschollen, traurige Gesichter der Großgrundbesitzer und der Ackerleute blitzen auf, und selbst die Hirschkühe und Wildesel schnappen, wie benommen, nach Luft, weil sie kein Fitzelchen Grün mehr finden. Und kein Trinkwasser. Die Lage scheint aussichtslos. Die Stimmen verstummen.
Was soll man angesichts einer solch verheerender Situation noch sagen? Klar, es wurden Fehler gemacht in der Vergangenheit. Hätte man dies oder jenes anders gestaltet, es wäre vielleicht nicht so weit gekommen. Hätte man früher eingelenkt, auf die Ratschläge der Wissenschaft gehört, gewissenhaft und ehrlich gehandelt, auf das Wohl aller geschaut, ja dann… vielleicht oder ganz sicher, wäre manches einfacher. Jetzt aber geht nichts mehr, alles liegt darnieder.
"Du bist doch unter uns" (Jer 14,9) – Jeremias Vertrauen in der Not
Angesichts dieser krisengebeutelten Lage findet Jeremia erstaunlicherweise zu seiner Stärke zurück. Er spricht, er betet und sät, verborgen, Hoffnung aus:
Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.
Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?
Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Jeremia spricht genauso ehrlich mit Gott, wie vormals mit den Menschen. Selbstkritisch. Alles kommt ans Licht. Auch die gefühlte Gottesferne. Alle Gedanken, die in ihm rumoren, spricht er aus. Er unterdrückt nichts. Es ist ihm nicht peinlich, laut zu sagen, dass Gott ihm vorkommt wie ein Wanderer, der mal vorbeischaut, aber nie lange bleibt. Jesus steht 600 Jahre später genau in dieser ehrlichen prophetischen Tradition, wenn er klagt:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Mt 26,47) Und manche sagen: das ist das Ehrlichste und Glaubwürdigste, was in der Bibel steht.
Die Geschichte Jeremias und die Geschichte Jesu hätten beide mit diesen Worten und dem enttäuschten Gefühl über einen sich verflüchtigenden Gott enden können. Nach dem Motto: Letzte Worte der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit. Ende der Vorstellung. Abspann. Fertig. Aber so enden sie nicht. Jesus wird letztendlich seinen Geist vertrauensvoll in Gottes Hand befehlen (Lk 23,46) und ganz erstaunlich, ganz anders in ein gänzlich neues Leben gehen. Und Jeremia denkt, fühlt und spricht, trotz aller Dürre außen und innen, weiter. Man kann miterleben, wie ihm mitten in dieser Brachzeit etwas aufgeht.
Ein trotziger Gedanke. Jeremia hält an den großen Verheißungen der Nähe Gottes fest. Und endet in einer Bitte. In einem erstaunlichen Satz, der den Faden des Vertrauens auf Gott neu einfädelt:
"Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!"
Vertrauensfaden. Kleine Freuden. Helle Momente. Mich erinnert das an einen Besuch im Krankenhaus. Eine sehr engagierte ältere Dame aus der Gemeinde war demenziell erkrankt. Es war ein Abschied auf Raten. Was hatte diese Frau über Jahrzehnte in der Kirchengemeinde nicht alles gestemmt, andere besucht, ermutigt, für sie gebetet. Das ging seit einiger Zeit, alles nicht mehr, und nun musste sie auch noch wegen Herzproblemen ins Krankenhaus. Es dauerte ein wenig, aber sie schien mich in dieser veränderten Umgebung doch zu erkennen. Gespräche über frühere Ereignisse, Gemeindefeste oder Kirchenvorstandssitzungen waren noch möglich. Psalm 23 und das Vaterunser betete sie laut mit.
Beim Abschied sagte sie allerdings: "Es war schön, dass sie da waren, auch wenn ich mich später nicht mehr an ihren Besuch erinnern werde. Aber die Freude bleibt im Herzen." Am nächsten Tag treffe ich zufällig ihre Tochter. Sie erzählt, dass sie die Mutter am Vortag abends noch im Krankenhaus besucht hätte. Sie wäre so ausgeglichen, fast fröhlich gestimmt gewesen. Und zweimal hätte sie gesagt: "Heute war was richtig Schönes, aber ich kann dir nicht sagen was." Ich erzähle ihr von meinem Besuch. Wir schauen uns staunend an.
Und sie klärt mich auf: "Emotionen verschwinden bei Demenz nicht. Sie sind ganz tief in uns Menschen drin. Es ist wichtig, sie ernst zu nehmen. Besonders dann, wenn die Kommunikation durch Sprache einmal nicht mehr möglich ist. Und dann lächelt sie mich an und sagt: "Meine Mutter kann sich an vieles nicht mehr erinnern, aber sie hatte gestern einen guten Tag, und das allein zählt."
Unsere verborgene Winterseite: Stille, Verletzlichkeit, Wachstum
Brachzeiten, ob in der Natur oder im Leben, sind nicht einfach. Man muss sie aushalten, mit ihnen umgehen, Geduld aufbringen sich manchmal auch professionelle Hilfe suchen, um sie besser zu überstehen. Und erst im Nachhinein wird klar, dass sie uns formen, verändern und durchaus auch reifen und wachsen lassen. Besonders eindrücklich sichtbar wird das für mich in den Werken des Südtiroler Bildhauers Aron Demetz. Im Advent 2024 hat er in Münster in mehreren Kirchen und im Dom ausgestellt.
Seine lebensgroßen Skulpturen aus Holz zeigen den Menschen in besonderer Weise. Dazu hat er das Holz seiner Figuren gesandstrahlt, wodurch die weicheren Sommerringe entfernt und die härteren Winterjahresringe im Holz sichtbar werden. "Die Erzählungen der einzelnen Jahre werden herausgearbeitet," sagt der Künstler. Man könnte auch davon sprechen, dass dadurch das Innenleben des Menschen sichtbar wird. Es geht nicht um geglättete Oberflächen, die wir in der Regel lieber von uns zeigen, weil sie natürlich manches kaschieren und übertünchen.
Wir tun das manchmal auch zum Schutz anderer: Wer möchte schon mit unseren Wunden und Verletzlichkeiten konfrontiert werden? Indem Demetz ganz bewusst ruppige Linien mit Kanten und ausgeprägten Rillen zum Vorschein bringt, wird klar, diese eigentlich verborgene Winterseite in uns prägt unser Ich. Ich sehe darin Menschen, die das geschönte Sommerholz abgelegt und ihre starke, verletzliche Winterzeit in ihrer Ruppigkeit und Schönheit zeigen. Diese Skulpturen atmen das menschliche Sein und sie stehen dennoch aufrecht und trotzig in der Welt, die sie umgibt. So als hätten sie in ihrem Winterkleid durchaus schon eine Ahnung von zartem Frühlings- und Sommerholz, das sich auf alle Wunden legt und durchatmen lässt.
Initiative zeigen: Kleine Taten, große Wirkung
Es gibt keinen Stillstand, weder in den Gedanken noch in der Natur. Manchmal mag es uns natürlich so vorkommen. Eine Aufgabe, bei der wir denken: „Das wird nie fertig" oder eine Auseinandersetzung, die sich quälend hinzieht. Und dann kommt doch der rettende Gedanke, das klärende Gespräch oder das erste Schneeglöckchen im Garten, das uns ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Mich erstaunt das immer wieder, dass die ersten Frühlingsboten verborgen und stetig sich auf den Weg zum Licht machen. Ganz ohne unsere Hilfe. Neu aufkeimen, neu werden, das steckt elementar in dieser Welt und in uns. Gott hat es von Anfang an hineingegeben und hier und da entdecken wir, dass es weiterwirkt, auch in uns.
Das Neue, Schöpferische kommt nicht durch gewalttätige Herrscher oder sich selbst bereichernde Multimilliardäre in die Welt. Sie bringen immer nur das gleiche alte Lied in Dauerschleife. Das Neue, Schöpferische kommt durch den menschlichen Blick auf andere und die Erkenntnis, dass wir einander brauchen auf diesem Planeten. Miteinander und füreinander können wir, in den Fußstapfen von Jeremia und Jesus, Veränderung in diese Welt bringen. Achtsam, lösungsorientiert, anpackend und hoffnungsvoll.
Ich denke dabei an das soziale Projekt "Spende dein Pfand" am Hamburger Flughafen, das gerade 10-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Seit 2015 haben Reisende durch das einfache Spenden von Pfandflaschen nicht nur Müll vermieden, sondern fast 790 000 Euro für den guten Zweck zusammengebracht. Eine beeindruckende Bilanz, die zeigt, wie mit kleinen Gesten große Wirkung erzielt werden kann. Der Hamburger Flughafen stellt die Sammelbehälter an Terminals und Gates bereit. Hinz&Kunzt, Hamburgs größtes Beschäftigungsprojekt für Obdachlose, das von der Diakonie Hamburg unterstützt wird, organisiert die Leerung und Sortierung des Leerguts durch ein engagiertes Team.
Der Grüne Punkt kümmert sich um das Recycling der gesammelten Flaschen und Dosen. Das Besondere dabei: Mit dieser guten Kooperation wurden vier sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen. Für die Mitarbeitenden bedeutet das finanzielle Sicherheit, aber auch Tagesstruktur, Wertschätzung, Gespräche mit Menschen aus der ganzen Welt und die Erfahrung, dass man zusammen ganz schön was bewegen kann.
Inzwischen haben deutschlandweit andere Flughäfen, Unternehmen, Messestandorte und Privatleute die Idee aufgegriffen und ebenso erfolgreich umgesetzt.
Wo Menschen nach Lösungen suchen, Dinge anpacken und dabei auf positive Werte zurückgreifen, da kann Großartiges geschehen. Es erscheint vielleicht nicht auf den Titelseiten der Weltpresse, aber es blüht etwas auf. Der Hauch einer Welt, wie Gott sie erdacht hat. Ganz real, mitten unter uns.
Und wir spüren darin vielleicht auch: Gott, ist doch da und hat noch viel mit uns vor … Jesus ist in die Welt gekommen, um uns darin gewiss zu machen: nach Brachzeit kommt neues Leben und nach jedem Winter, der Hauch des Frühlings.