Herzlich begrüße ich Sie an diesem Sonntagmorgen am Beginn des neuen Jahres. Noch liegt es vor uns: ganz frisch und unverbraucht. Das ist ein schöner Moment, weil noch alles möglich ist...
Und doch sind schon drei Tage des neuen Jahres gelebt und ich habe das Gefühl, es lebt sich ganz ähnlich, wie das vergangene Jahr. Die Festtagskleidung ist verräumt. Liebend gern schlüpfe ich wieder in meine gewohnten Kleider hinein. Die Jeans, ein Langarmshirt, einen kuschligen Pullover drüber. Fertig und gut.
So geht es mir im Grunde auch mit meinen alltäglichen Leben. Auch wenn ein neues Jahr immer wieder damit lockt, dass alles anders werden könnte… ich ziehe dann doch wieder die alten bequemen Klamotten an. Einfach aus Gewohnheit und weil ich den Wunsch habe, dass manches eben beim Alten bleibt. Dass ich mich nicht ständig neu erfinden muss. Und dass ich mit Abnehmversuchen oder Sprachlern-Apps nicht wieder spätestens im Februar gescheitert sein will. Ich sehne mich nach Normalität.
Vielleicht liegt es auch an den letzten Jahren, in denen eine Katastrophe die nächste gejagt hat und immer noch jagt. "Kaputtismus" nennen das manche, wenn alles um einen herum kaputt zu gehen scheint. Die weichen Jahre sind vorbei, in denen ich mir Gedanken ums Gemeinwohl gemacht habe und im Großen und Ganzen das Gute überwog.
Deshalb zieh ich meine alten Sachen an, weil ich mich ein bisschen nach Gestern sehne. Ich zieh mir das Gestern an, und zieh mich darin auch zurück.
Eine Kleiderüberraschungsbox von Jesaja
Ein neues Krisenjahr möchte ich mir nicht anziehen. Aber weiß ich denn, was dieses Jahr so vorhat mit mir und mit dieser Welt? Eigentlich liegt es doch noch unausgepackt vor mir wie eine dieser Kleider-Überraschungsboxen. Die habe ich erst vor Kurzem im Internet entdeckt. Ich muss dafür lediglich ein Profil ausfüllen, also angeben, welche Größe ich trage, welche Farben ich mag, wieviel Geld ich dafür ausgeben will. Und dann überlegt eine Stylistin, welche Kleider zu mir passen würden. Sie kennt sich aus und will "das Beste in mir zum Vorschein bringen". - so jedenfalls verspricht es eine solche Webseite. Die Modeberaterin packt eine Box mit fünf ausgewählten Kleidungsstücken: das können Hosen sein oder Schuhe, Shirts oder Kleider… da muss ich mich überraschen lassen. Und wenn das Paket ankommt, dann heißt es: anprobieren, ob das zu mir passt.
Ein solches Überraschungskleiderpaket ist für mich auch ein Bibeltext aus dem Jesajabuch. Dieses Paket ist vor etwa 2500 Jahren losgeschickt worden. In Auftrag gegeben vom göttlichen Geist für uns heute. Prophetenworte:
Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden.
Sie werden die alten Trümmer wieder aufbauen und, was vorzeiten zerstört worden ist, wieder aufrichten; sie werden die verwüsteten Städte erneuern, die von Geschlecht zu Geschlecht zerstört gelegen haben.
Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. (Jes 61, 1-4+10)
Uh... sind die Kleider nicht ein bisschen groß für mich? Gerechtigkeit soll anbrechen. Alle Trauernden sollen getröstet werden. Gefangene werden freikommen. Jubel wie bei einer Hochzeit soll herrschen. Überall. Das ist vielleicht nicht nur mir zu groß – das ist auch für unsere Zeit zu weit, also zu weit weg.
Aber sie sind schön, diese Kleider, ich streiche mit meinen Gedanken darüber und will sie nicht weglegen und abtun. Ich will sie auch nicht umnähen und kleiner machen, bis nur noch ein lächerliches Fetzchen in Modefarbe davon übrig ist. Diese Kleider aus dem Jesajabuch sind groß und geheimnisvoll. Sie sind zeitlos und wie aus Ewigkeit gewoben. Sie ziehen mich an. Aber: darf ich sie anziehen?
Propheten teilen göttliches Bewusstsein
Da ist ein Volk, dass vor den Trümmern seiner Vergangenheit steht. Israel, oder was von diesem Volk übrigblieb, lebte Jahrzehnte in der Verbannung und kehrt nun zurück. Alles ist verwüstet und nur noch als Provisorium bewohnbar. Alles erinnert an eine Zeit, als es ihnen viel zu gut ging. Sie hatten sich achtlos bereichert und auf Kosten anderer gelebt. Als dann das starke babylonische Heer das Land belagerte und eroberte, da empfanden das viele als Strafe Gottes. Manch anderer hätte dazu "Schicksal" gesagt, weil das ja auch anderen Völkern widerfahren ist. Aber das Wort "Schicksal" gibt es für das Volk Israel nicht. Es lauscht nach einem Sinn in all den geschichtlichen Wogen, selbst in der Katastrophe, die über sie hereinbricht.
Dieses Volk lauscht durch seine Propheten ins Unendliche hinaus. Die Propheten sind vom Geist Gottes beseelt. Ihre Worte verunsichern immer dann, wenn Menschen sich ihrer selbst zu sicher sind. Aber in den Momenten, in denen alles wankt, wenn nichts mehr trägt und hält, da entwerfen Propheten mit ihren Worten eine ganz andere Welt. Sie waschen mit ihren Verheißungen den Menschen die Asche der Schuld ab und legen ihnen stattdessen einen leuchtenden Schmuck um. Das trauerverweinte Gesicht wischen sie vorsichtig sauber und streicheln Freudenöl darauf. Sie helfen dabei, die verschlissenen alten Kleider der Traurigkeit auszuziehen und holen die hellen Kleider des Neubeginns hervor.
"Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil mich der Herr gesalbt hat." so beginnt die Verheißung im Jesajabuch. Hier spricht also niemand aus sich selbst, sondern aus einem innigen Erleben mit Gott. Es ist der Prophet, "der in Gemeinschaft mit den Gefühlen Gottes steht, der göttliches Bewusstsein erfährt und daran teilnimmt", so schreibt es der Rabbiner Abraham Joshua Heschel. Ich habe seine Bücher erst im letzten Jahr entdeckt und bin jedesmal ergriffen, wenn ich darin lese. Aus ihnen spricht die ganze Weisheit von Rabbinern aus allen Jahrhunderten heraus – und gleichzeitig trifft das auf die Ereignisse und die Sprache unserer Zeit. Für mich ist Abraham Joshua Heschel ein moderner Prophet, ohne dass er das von sich selbst behauptet. Aber schon als 18-Jähriger hat er ein Gedicht geschrieben, das mir eine Ahnung davon gibt, was in einem Propheten vorgeht. Es ist ein Gespräch mit Gott:
Bin ich nicht – du? Bist du nicht - ich?
Meine Nerven sind in deine verschlungen.
deine Träume sind von meinen durchdrungen.
Sind wir nicht einer im Leib von Millionen?
Oft sehe ich mich selbst in jedermanns Gestalt,
höre das Weinen der Menschen,
meine Stimme ist immer noch stumm,
als ob mein Gesicht hinter Millionen von Masken wäre verborgen.
Ich leb in mir und leb in dir.
Über deine Lippen kommt ein Wort von mir zu mir.
Aus deinen Augen tropft eine Träne, quillt auf in mir.
Wenn ein Leid dich quält, sag es mir!
Wenn ein Mensch dir fehlt - reiss auf meine Tür!
Du lebst in dir, du lebst in mir.[1]
Trostbrauchen gehört zum Menschsein
Propheten sind Menschen, die in Gemeinschaft mit Gott träumen; die mit IHM an dieser Welt leiden und mit IHM träumen, was ER für diese Welt möglich hält. Und Gott träumt diese Welt und unsere Zeit auf ihr herrlich und groß – so groß, dass wir erst einmal nicht hineinpassen.
Es ist so, als würde Gott uns die zu klein gewordenen Kleider des Gestern eintauschen in die großen Kleider des Morgen. So, als würde er uns sagen, was er uns an Wachstum zutraut und welche innere Größe wir noch erreichen können.
Schauen wir uns die Kleider in dem Überraschungspaket aus dem Jesajabuch doch einmal an. Gott hat den Propheten gesandt, um den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit; den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen.
Wenn ich in diese Wortbilder hineinschlüpfe, dann spüre ich, wie sie mich wärmen und trösten. Der Theologe Rudolph Bohren schrieb einmal:
"Ein Mensch braucht Trost. Der Säugling schreiend in seiner Wiege; der Greis, im Sterben eine liebe Hand umklammernd: der zur Welt kommt und der aus dem Leben geht, beide brauchen Trost. Anfang und Ende lassen ahnen, dass das Trostbrauchen zum Menschsein überhaupt gehört."[2]
Ja, das stimmt, ich brauche Trost. Wenn ich nachts wach liege und es in meinem Kopf kreist: "Du schaffst es nicht, Du schaffst es nicht," dann fühle ich mich wie gebunden von allem, was zu schaffen ist und was mir zu schaffen macht. Gott will mich aber frei und ledig von allem, was bindet. In dieses Versprechen hüll ich mich ein, wie in wärmende Kleider und kann darin ausruhen. Ich kann wieder einschlafen und bin am nächsten Morgen ganz ruhig, weil in mir eine neue Stimme spricht: "Du schaffst es, denn Du musst nicht mehr tun, als Du kannst. Ich bin ja da."
Trostbrauchen gehört zum Menschsein. Jeder trägt seine eigenen Herzenswunden und jede ihre persönlichen Enttäuschungen. Auch wenn wir manchmal voneinander denken, dass bei den anderen ja immer alles in Ordnung ist – was wissen wir denn wirklich, wie es in ihnen aussieht, weshalb sie sich nachts schlaflos im Bett wälzen? Sich in Trost kleiden, das ist wie wärmende Wäsche oder wie samtene Pulswärmer. Sie lassen ihre Wärme über die Hauptschlagadern Richtung Herz fließen. Genau da, wo ich innerlich bedürftig und verletzlich bin, da lösen sie Wärme aus.
Schutzbrauchen gehört zum Menschsein
In dem Kleiderpaket, da entdecke ich auch einen Mantel. Ich nehme ihn raus und lege ihn mir um. In seinem Lied "Coat of many colors" erzählt Brandon Lake von so einem Mantel. Da heißt es: "Ich bin in einen Mantel in vielen Farben gekleidet. Ich bin in das Licht gehüllt. Ich werde in den Armen eines liebevollen Vaters gehalten. Lag in einer Grube, aber jetzt gehe ich durch den Palast. Denn einst war ich ein Bettler, jetzt lebe ich im Haus des Königs."
Ein Mantel aus Licht – das ist ein wirklich wichtiges Kleidungsstück im Alltag, denn Schutzbrauchen gehört auch zum Menschsein. Ich erinnere mich an eine ziemlich schwere Zeit in meiner Arbeit. Ein Kollege kritisierte mich immer, wenn er mich sah. Sein Blick auf mich war so, als würden Pfeile fliegen. Nur um ihm nicht mehr über den Weg zu laufen, machte ich in dem Gebäude Umwege, ging über den Flur, auf dem er selten anzutreffen war. Irgendwann gab mir ein guter Freund einen Rat und sagte: "Wenn Du ihm das nächste Mal begegnest, dann bete um einen unsichtbaren Mantel aus Licht. Stell dir den Mantel golden vor und sei sicher, dass kein böses Wort diesen Mantel durchdringt. Selbst wenn es gesagt wird, erreicht es Dein Herz nicht."
Ich war erst skeptisch, aber dann habe ich das natürlich ausprobiert. Als mir der Kollege auf seinem Flur entgegenkam, hatte ich für ein paar Sekunden Zeit zu beten: "Gott, ich brauch jetzt diesen goldenen Mantel aus Licht!" Es geschah folgendes: Instinktiv richtete ich mich wahrscheinlich auf und duckte mich nicht mehr weg. Bei dem Gedanken an den Mantel habe ich wohl auch ein bisschen gelächelt, jedenfalls war die Reaktion meines Gegenübers, je näher er mir kam, ganz anders, als bisher. Er schaute mich verwundert an und grüßte kurz. Dann ging er an mir vorüber. Die offenen Anfeindungen von ihm hörten auf, weil ich jedes Mal, wenn wir uns begegneten, bei Gott um meinen goldenen Mantel bat.
Mit den Worten des Propheten klingt das so: "Ich freue mich im Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott, denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet," und dann heißt es weiter, "wie einen Bräutigam hat er mich mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt."
Kleider für eine Hoch-Zeit des Lebens
Ganz unten im Kleider-Überraschungspaket finde ich also das Schönste: Hochzeitskleider und hochzeitlichen Schmuck. Das ist ja eigentlich etwas, was man im besten Falle nur einmal im Leben trägt. Und das soll auch für den Alltag des Jahres 2026 taugen?
Ich probiere es einmal aus. Okay, mit dem Hochzeitskleid würde ich jetzt vielleicht nicht in die Arbeit gehen. Aber ich beschließe, meinen Hochzeitsschmuck mal wieder im Alltag zu tragen. Einfach so. Da passen die schwarzen traurigen Klamotten von gestern natürlich nicht mehr dazu.
Ich habe mir ja auch schon diesen defizitären Blick angewöhnt, der eigentlich nur noch schwarz sieht, nur noch wie schrecklich alles ist. In meinen Zeitungsabos schau ich immer erst mal nach den schlechten Nachrichten… und ich kann mich drauf verlassen, die stehen da immer zuerst. Pessimistisches Schwarz scheint gerade die Modefarbe zu sein. Mit der kommt man überall gut an. Obwohl Schwarz nicht einmal eine Farbe ist, weil es nämlich alle anderen Farben schluckt… und das im ganz wörtlichen Sinn: Pessimismus schluckt die Lust am Leben.
Wie anders sind da die Hochzeitskleider und der Schmuck: Sie heben mich in einen anderen Zustand, in eine echte Hoch-Zeit. Ich schau von oben auf mein Leben und werde mir meiner ganzen wundervollen Existenz bewusst. Nichts daran ist doch selbstverständlich. Es ist, als würde ich mich mit dem Leben neu vermählen. Hoch-Zeit, dass heißt, ich suche Gott wieder als mein geliebtes Gegenüber und ich lass mich von ihm finden.
Ein Kleiderüberraschungspaket bringt das Beste in mir zum Vorschein, so war das Versprechen am Beginn. Und so ist es auch mit den Kleidern, die Gott mir heute zuschickt: seine Trostworte hüllen mich ein, wie wärmende Kleidung im Januarfrost. Seine Gerechtigkeitsworte schützen mich wie ein goldener Mantel aus Licht vor allen Anfeindungen. Und ich kann darin aufrecht gehen wie ein König und wie eine Königin. Gottes Worte schmücken mich wie für eine Hoch-Zeit, in der ich mich aus der Schwarzseherei erhebe und das Wunder meines Lebens feiere. Das sind Worte, die das Wohl wollen, die auch das Wohl des anderen wollen. Solche Worte spricht Gott.
Ich merke, dass mir diese Kleider manchmal noch nicht passen, aber dass ich da hinein wachsen werde. Und das wünsche ich auch Ihnen für das neue Jahr: dass die Worte Gottes Sie einhüllen wie gute neue Kleider.
Vaterunser
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.
Segen
Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
[1] Gedicht "Ich und Du" aus dem 1. Gedichtband von Abraham Joshua Heschel von 1933 "Der Shem Hamefoyrosh: Mentsch" [der ausdrückliche/ unaussprechliche Name: Mensch] gefunden in https://breslauersammlung.com/2023/01/04/heschel/ mit ausdrücklicher Genehmigung des Übersetzers Oded Fluss.
[2] Rudolph Bohren, Trost. Predigten, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2. Auflage 1983, Umschlagseite.