Mormonen
Familienreise durch die USA. Von der Chesapeake Bay an der Ostküste, wo wir in meiner Kindheit ein paar Jahre wohnen, bis nach San Francisco – und auf einer anderen Route wieder zurück. Ich bin 11 Jahre alt und diese fünf Wochen mit der Familie im Wohnmobil sind bis heute unvergesslich. Cheeseburger beim Rodeo in Texas! Jongleure in San Francisco! Alte indigene Siedlungen in Mesa Verde! Und eine tiefgreifende religiöse Erkenntnis. Auch das.
In Salt Lake City. Das Zentrum der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Umgangssprachlich meistens: Die Mormonen. Die netten Menschen im Besucherzentrum leiten uns in einen Kinoraum. Fasziniert sehe ich in dem Film, wie der Gründer der Kirche, Joseph Smith, eine Erscheinung von Gott hat. Wie er in einem Waldstück das Buch "Mormon" ausgräbt, das auf goldenen Platten geschrieben ist. Ich höre davon, wie Jesus nach seiner Auferstehung den Menschen in Amerika erscheint.
Die Lichter werden wieder hell und wir gehen aus dem Kinosaal. "Papa, das wusste ich ja alles noch gar nicht", sage ich zu meinem Vater. Ich erinnere mich, wie freundlich er schaut, angesichts meiner kindlichen Ernsthaftigkeit. Dann sagt er: "Tobias, die glauben an etwas, woran wir nicht glauben."
Es gibt Menschen, die etwas Anderes glauben als "wir".
Der Gedanke ist ebenso faszinierend wie überfordernd für den 11jährigen Tobias. Ich kann es noch nicht ausdrücken, aber ich fühle, es gibt ein "wir" und ein "die anderen". Und es gibt verschiedene Weisen zu glauben. Eigenartig. Wie kommen wir dazu, das zu glauben, was wir glauben? Wie kommen die anderen dazu, etwas Anderes zu glauben?
Heute ist Epiphanias – auf Deutsch "Erscheinung". Das Kirchenjahr kann man sich ja als eine Art Lehrplan des christlichen Glaubens vorstellen. In diesem "Lehrplan" geht es heute um "Offenbarung". Darum, dass Gott sich Menschen zeigt.
Die bekannteste Geschichte dazu ist die von den heiligen drei Königen oder Weisen aus dem Morgenland oder wie immer wir sie nennen. Sie folgen einem Stern, weil ihnen offenbart wird, dass ein König geboren worden sei. Sie entdecken etwas von Gott in dem Säugling, den wir an Weihnachten gefeiert haben. Es ist, als würden Fanfaren ertönen und Rufe: "Vorhang auf für das Unsichtbare!"
Die Lieder besingen das ja schon die ganze Weihnachtszeit lang. Manchmal kann ich mich in ihren Klang und ihre Worte richtig hineinsingen. So dass es sich für mich einen Moment lang wie "Offenbarung" anfühlt, wie ein kleines bisschen "Vorhang auf".
Vorhang auf! Random?
"Vorhang auf!" Das heißt das Theologen-Wort "Offenbarung" in normaler Sprache. Aber nur weil wir heute Epiphanias feiern, sind die Ahnungen nicht einfach weg, die ich damals als 11jähriger hatte: Es behaupten halt nun mal verschiedene Menschen, hinter diesem Vorhang etwas gesehen zu haben – und zwar Unterschiedliches.
Mormonischer Vorhang auf: Goldene Platten, die von Jesus in Amerika erzählen.
Muslimischer Vorhang auf: Mohammed ist der Prophet – und hat der Welt ein Buch in arabischer Sprache hinterlassen, bei dem jedes Wort göttlich eingegeben ist.
Christlicher Vorhang auf: Jesus ist Sohn Gottes – lies mal die biblischen Geschichten dazu!
Ziemlich "random" würden junge Erwachsene und Jugendliche zu diesen "Offenbarungen" sagen. "Random", auf deutsch: "zufällig" oder "beliebig". Nicht einfach nur ein englischer Ausdruck, wo ein deutscher es doch auch täte. Eher ein Lebensgefühl. Bei den Studierenden, für die ich arbeite, klingt das manchmal so, als würde ihnen die Welt in dieser Weise begegnen. Random. Menschen verhalten sich einfach nicht vernünftig. Was auf der Welt passiert, ist manchmal nicht zu fassen.
So auch bei Religionen: Wenn die verschiedenen Glaubensrichtungen random unterschiedliche Sachen als Offenbarung predigen – was soll’s dann? Unglaubwürdig das Ganze.
Ich merke, ich muss neu nachdenken. Wie kann ich "Offenbarung" verstehen, als gläubiger und als denkender Mensch?
Den Anfang einer Antwort finde ich in dem Bibeltext für diesen Feiertag. Es ist ein Abschnitt aus dem Epheserbrief.
1Das ist der Grund, weshalb ich vor dem Vater meine Knie beuge.
Ich, Paulus, bin wegen Christus Jesus für euch Menschen aus den anderen Völkern in Haft.
2Ihr habt sicher von dem Auftrag gehört, den ich im Hinblick auf euch bekommen habe. Gott hat mir seine Gnade geschenkt, damit ich ihn erfüllen kann. 3Es geht um das Geheimnis, das Gott mir durch eine Offenbarung gezeigt hat. Ich hatte euch ja zuvor schon kurz davon geschrieben. 4Beim Lesen des Briefs merkt ihr, dass ich Einsicht in das Geheimnis von Christus habe.
5Seit Menschengedenken wurde es niemandem in ähnlicher Weise gezeigt.
Aber jetzt hat Gott es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch seinen Geist offenbart: 6Die Menschen aus den anderen Völkern sind Miterben. Sie gehören mit den Juden zum Leib von Christus und haben zusammen mit ihnen Anteil an der Verheißung." (Epheser 3,1-6a, BasisBibel)
"Es geht um das Geheimnis, das Gott mir durch eine Offenbarung gezeigt hat.".
Also wieder: "Vorhang auf!" Aber genauer: "Vorhang auf für das Mysterium!"
Etwas wird sichtbar, die Bühne ist frei – und dennoch ist es nicht vollständig zu sehen. Es bleibt ein Schleier. Es bleibt ein Geheimnis. Der Franziskanerpater Richard Rohr beschreibt es einmal so: "Ein Geheimnis ist nicht etwas, was wir nicht verstehen können, sondern etwas, was wir endlos begreifen. Es gibt nicht den einen Punkt, an dem wir sagen können: ‚Jetzt hab ich’s!‘ Das Geheimnis hat uns, immer wieder und in alle Ewigkeit."[1]
"Das Geheimnis hat uns". Es hat mich.
Wo erleben Sie das, liebe Hörerinnen und Hörer?
Dass etwas, was größer ist als ich, mich ergreift– einen Moment lang oder für eine Zeit. Jedenfalls so, dass eine Spur davon in meiner Seele hängen bleibt.
Ich fahre mit dem Fahrrad an einer alten Frau vorbei. Sie schiebt sich und ihren Rollator über den Gehsteig. Auf einmal schaut sie an mir vorbei, wahrscheinlich erkennt sie eine Radlerin hinter mir. Ihr Blick öffnet sich, ein fröhliches, zahniges Lachen und ein Winken, lauter Glück. Und mein Herz ist berührt vom Geheimnis.
Manche ahnen es an den Grenzen des Lebens. Im Kreißsaal, wenn Leben hervorbricht unter Schreien und Glück. Am Totenbett, wenn ein Mensch geht und niemand sagen kann, wohin. Und dennoch schwebt dieses "wohin?" wie ein Geheimnis im Raum
Manchmal ahnen wir es, wenn wir auf einmal uns selbst wahrnehmen. Ich sehe mein dunkles Spiegelbild in einer Fensterscheibe und es trifft mich unvermutet: Ich bin. Geheimnis.
Manche ahnen es, wenn sie ein Blatt ansehen oder einen Baum oder ein Schneekristall.
Zu den Menschen, die das Geheimnis besonders in der Natur entdecken, gehört "Wild church". Eine kleine, aber pulsierende, weltweite Bewegung. In Bayern treffen sich in einigen Städten Christen zu so einer "Wilden Kirche" - in Augsburg z.B. einmal im Monat. Wild church findet in Parks statt, an Flussauen, in naturbelassenen Bereichen einer Stadt, in einem Wald, ganz unterschiedlich. Nur was das Wetter angeht, ist es überall gleich: Gefeiert wird bei jedem Wetter.
Es ist nicht nur Gottesdienst, der draußen gefeiert wird. Sondern Menschen feiern als Teil der Schöpfung, zusammen mit der Schöpfung, als Geschwister. Die Schöpfung soll zu Wort kommen. In der Mitte des Gottesdienstes steht deswegen keine Predigt. Stattdessen eine Zeit, die "wandern und wundern". heißt. Jeder sucht einen Ort in der Natur, der gerade für sie oder ihn anziehend ist. Wohin der Bauch einen führt. Ein Flecken wilde Wiese mit Blumen. Ein Baum. Ein Stück herabgefallenes Holz. Eine Wasserpfütze. Was regt sich in mir, wenn ich nicht denke, sondern sehe und rieche und fühle? Geheimnis Gottes hören, fühlen, zulassen aus dem, was die Natur gerade sagt in ihrer eigenen Stimme.
Anschließend kommen alle wieder zusammen und erzählen. Ob jemand recht hat? Ob da "Offenbarung" drin ist? Ich finde schon. Einmal mehr wird das Geheimnis umkreist, werden Worte dafür ausprobiert.
Und dann geschieht manchmal offenbar etwas Neues. Das Umkreisen weitet sich, als würde ein neuer Ring beschritten.
Ich denke an eine befreundete Ordensschwester, die lange in Erfurt gelebt und gearbeitet hat. Sie hat immer formuliert, wie die Menschen dort "vergessen haben, dass sie vergessen haben." Religiöse Formen, Traditionen, Geschichten … das spielte nicht nur keine Rolle. Es war als hätte es das nie gegeben.
In diesem Umfeld haben sie, ihre Mitschwestern und eine entstehende Klostergemeinde das Geheimnis neu ausgelotet. Und gemerkt: Die alten Regeln funktionieren nicht mehr. Zum Beispiel, dass nur zum Abendmahl gehen darf, wer getauft ist. Wie soll das hier funktionieren? Menschen haben sich anziehen lassen. Vielleicht war es nur eine Begegnung bei einem Stück Kuchen in der Klosterstube. Aber sie haben etwas von einem liebevollen Geheimnis gespürt. Nun tauchen sie auf einmal im Gottesdienst auf. Wie sollte man solchen Menschen Brot und Wein aus der Hand Jesu verweigern, selbst wenn sie nicht – noch nicht – getauft sind?
Die Schwestern änderten die Regeln für sich – gerade weil sie weiter aus demselben Geheimnis lebten. Es war, als wäre ein neuer Ring des Geheimnisses sichtbar.
So ähnlich stelle ich mir das vor, was wir im Bibeltext gehört haben:
3Es geht um das Geheimnis, das Gott mir durch eine Offenbarung gezeigt hat. … 6Die Menschen aus den anderen Völkern sind Miterben. "Völker", so nannten Jüdinnen und Juden damals Menschen aus anderen Religionen, Erdteilen. Der Briefschreiber schreibt aus der Perspektive eines Christen, der Jude war – und das waren ja am Anfang quasi alle!
Jetzt aber weitet sich da auf einmal etwas: Das Geheimnis wird sichtbar, dass Jesus nicht nur dem jüdischen Volk gehört.
Jesus mitseiner Botschaft, dass Gott gnädig und rettend ist. Und dass der Beton der knechtenden Systeme von der Löwenzahnkraft des Reiches Gottes gesprengt wird. Hier und da. Und irgendwann vollkommen. Geheimnis.
Nun erkennt jemand, dass dieses Geheimnis in sich eine tiefere Dimension hat. Der Kern des Geheimnisses bleibt gleich, aber es entfaltet sich, wächst, zeigt neue Zweige, wie ein Baum, der gleich bleibt und doch immer größer wird in seiner Spannweite.
Wenn ein Volk von Gott berufen ist – dann sind es alle Völker.
Wenn Reich Gottes sich wie ein Sauerteig in einer Gegend ausbreiten soll – dann gilt diese Hoffnung nicht nur in einer Region, sondern überall.
Wenn ein Geschöpf von Gott geliebt ist – dann sind es alle.
Geheimnis, das ist nicht eine random Lehre, die wir schlucken müssten. Sondern es wird etwas sichtbar, was noch niemand ausgesprochen hatte – und was trotzdem schon im Geheimnis enthalten war! Als würden die Puzzle-Stücke auf einmal noch mehr zusammenpassen. Als würde der Schleier etwas dünner. Alle Worte können es nur ein bisschen umkreisen. Ich habe das Geheimnis nicht– aber es hat mich, es lässt mich nicht los, wie ein Versprechen, dem ich nur vertrauen kann – aber auch vertrauen mag. Manchmal blitzt es wieder auf in meiner Seele, wie der Morgenstern nach schlaflosen Stunden in der Früh. Das Licht des Geheimnisses, dass Gott wollte, dass ich bin. Dass es gut ist, dass ich bin, in meiner Eigenart, manchmal Eigenartigkeit. Dass Gott vollkommene Umarmung ist, Ja zu mir und zu jedem Menschen, viel tiefer als mein Verstand es fassen könnte.
Gott will sich zeigen. Gott zeigt sich. Epiphanias.
Wir könnten sagen: "Unsere Offenbarung ist halt die Richtige. Entweder seht ihr das ein oder halt nicht." Das ist der Weg derer, die jedes Wort der Bibel oder einer anderen Tradition für gottgeschenkt halten. Es ist auch der Weg rechtsextremer sogenannter Christen, die Länder, Nationen oder gar Völker als "christlich" sehen wollen. Sie behaupten, die Geschichte habe das offenbart.
Gefährliche Wege. Und ihre jeweiligen Ideologen halte ich für Verführer.
Wir könnten einen ganz anderen Weg einschlagen. Wir könnten das mit der "Offenbarung" einfach weglassen. Die Idee der Kirche als einen Ort für Religion, die eine Offenbarung braucht, aufgeben. In gewisser Weise stehen von der Kirche ja ohnehin nur noch Ruinen – und innerhalb dieser Ruinen könnte Platz sein für Menschen, die einfach Gutes tun wollen. Für eine vernünftige, menschenfreundliche Lebensweise! Von außen könnte man das weiterhin "Kirche" nennen oder "Christentum". Innen wäre es bei ehrlicher Betrachtung eine Art aufgeklärtes Menschsein.
In dieser zweiten Möglichkeit steckt viel Gutes! Es gibt Kirchengemeinden, die aus so einer Haltung ungeheuer Positives für ihre Nachbarschaften leisten. Ganz im Sinne der Gebote Jesu, nur ohne den Überbau von "Offenbarung". Ich denke an einen Kollegen, der seinem Kirchenvorstand eine neue Gottesdienstform vorgeschlagen hat. Und der Kirchenvorstand hat geantwortet: "Herr Pfarrer, Sie dürfen so viele Gottesdienste machen wie sie wollen." Unausgesprochen war: Wir werden sowieso nicht kommen.
Meine Vermutung ist, dass spätestens die nachfolgende Generation sich fragt: "Und wozu brauchen wir dafür die Ruinen von "Kirche" außenherum?" Es geschieht ja jetzt schon. Engagement wandert deswegen zu Umweltverbänden und Parteien, in die Flüchtlingshilfe oder in Nachbarschaftsprogramme.
Ich versuche mich an einem anderen, einem dritten Weg. Ich glaube nicht, dass nur wir die Offenbarung haben. Aber ich glaube an Gott, der nicht in unserem Denken aufgeht – auch nicht im Klügsten. Und der auch nicht in unserem ethischen Handeln aufgeht.
"Du bist Gott. Ich bin ein Mensch." Das ist eines meiner Gebete zurzeit. So versuche ich zu auszusprechen, welche Realität ich ahne oder glauben will. Als wäre da ein Raum zwischen Gott und mir. Gott selbst kann ich nicht beschreiben, mich selbst auch nicht immer – aber einen Raum, eine Art Beziehungsfeld in dem Platz für Geheimnis ist. Ein bisschen erkannt, offenbart, greifbar. Und doch bleibt Gott Gott – und ich ein Mensch.
Das Musik-Kollektiv "The Porter’s Gate" hat versucht dieses Geheimnis auf ihre Weise in Worte zu fassen. Mit Bildern, die Jesus verwendet hat und mit eigenen Bildern. Das Reich Gottes – wie ein Sandkorn in einer Auster, wie begraben. Aber eine schimmernde Perle geht hervor. Reich Gottes, wie ein Senfstrauch, der den Bürgersteig aufsprengt. Wie Sauerteig oder Hefe, der aus Mehl Brot werden lässt.
Ein Ende über das Geheimnis nachzudenken, gibt es nicht. Aber für heute, für dieses Epiphaniasfest, soll das Lied "Oyster Shell" eine letzte Geheimnis-Umrundung sein.
Vaterunser
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.
Segen
Gott segne uns und behüte uns.
Gott lasse das Angesicht leuchten über uns, dass wir sein Geheimnis ahnen.
Gott lasse freundlich den Blick auf uns ruhen und gebe uns Frieden.
[1] Der göttliche Tanz, Asslar 2017, S. 19.