23.11.2017
Gottesdienst zum Buß- und Bettag

Die Predigt zum Buß- und Bettag in der Münchner Matthäuskirche von Dieter Breit, Politikbeauftragte der bayerischen Landeskirche.
Herbst: Blatt auf einem Holz

Um Gottes willen? Um Gottes willen!

Wir hören das Wort der Heiligen Schrift aus dem Alten Testament, dem Buch des Propheten Ezechiel im 22. Kapitel, die Verse 23-31. Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, sprich zu ihnen:

Du bist ein Land, das nicht gereinigt wurde, das nicht beregnet wurde zur Zeit des Zorns, dessen Fürsten in seiner Mitte sind wie brüllende Löwen, wenn sie rauben; sie fressen Menschen, reißen Gut und Geld an sich und machen viele zu Witwen im Lande.
Seine Priester tun meinem Gesetz Gewalt an und entweihen, was mir heilig ist; sie machen zwischen heilig und unheilig keinen Unterschied und lehren nicht, was rein oder unrein ist, und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.
Die Oberen in seiner Mitte sind wie reißende Wölfe, Blut zu vergießen und Menschen umzubringen um ihrer Habgier willen.
Und seine Propheten streichen ihnen mit Tünche darüber, haben Truggesichte und wahrsagen ihnen Lügen; sie sagen: »So spricht Gott der HERR«, wo doch der HERR gar nicht geredet hat.
Das Volk des Landes übt Gewalt; sie rauben drauflos und bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht.
Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ich's nicht vernichten müsste; aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, und mit dem Feuer meines Grimmes machte ich ihnen ein Ende und ließ so ihr Tun auf ihren Kopf kommen, spricht Gott der HERR.

Liebe Gemeinde in St. Matthäus, liebe Hörerinnen und Hörer am Radio,

nichts liebt der Teufel mehr als solche Prophetenworte, wie wir eben eines gehört haben. Denn sie eröffnen ihm, dem mächtigen Versucher, gleich drei Türen, um sich geschmeidig in uns einzuschleichen: die Tür des Verstands, die Tür der Gefühle und die Tür der Moral.

Da ist die Türe des Verstands. Wir werden informiert, dass die Prophetenworte uralt sind, gesprochen vor 2500 Jahren. Damals grübelt die Oberschicht Israels, warum sie deportiert wurde. Ein Prophet namens Ezechiel erklärt, dass sie alle versagt haben, Fürsten, Priester, das ganze Volk. Die babylonische Knechtschaft ist Gottes Strafe, so behauptet Ezechiel. Und der Teufel reibt sich die Hände und raunt uns zu: Wollt ihr wirklich an einen Gott glauben, der sein Volk vertreiben lässt, um es zu züchtigen? Gott als Übervater mit der Peitsche – diese archaische Religiosität habt ihr hoffentlich durchschaut, nicht wahr! Eben, flüstert der Versu-cher als aufgeklärter Geist.

Als nächstes öffnet er die Türe der Gefühle. Einfühlsam beschwört er unsere Empathie: Das, was der Prophet damals beklagt, das habt ihr doch täglich vor Augen, sagt er. Der Flüchtlingsbub, der tot an den Strand geschwemmt wird. Verstümmelte Leichen nach einem Bombenangriff. Die Gesichter all der Gepeinigten. Fürchterlich sind diese Bilder, sagt der Versucher in uns. Kaum auszuhalten. Zu viel Mitgefühl raubt euch den Schlaf. Legt euch besser eine dicke seelische Hornhaut zu, sagt der Teufel verständnisvoll.Am liebsten aber nützt er das Tor der moralischen Empörung. Es ist höchste Zeit, so sagt der Versucher, dass ihr dem Propheten Ezechiel nacheifert. Er eignet sich prächtig als Kronzeuge, um mit dem Finger auf andere zu zeigen. Flüchtlingspolitik, Armutsbekämpfung, Klimaschutz – ihr wisst doch genau die Lösungen. Prangert die an, die anders denken. Wenn ihr euch auf Religion beruft, habt ihr ohnehin immer Recht. So spricht der Satan. Er ergötzt sich seit jeher an Kreuzzügen. Und er jubiliert, wenn im Namen Gottes die vermeintlichen Sündenböcke benannt werden.

Auf einmal aber verstummt der Versucher. Denn wir heben die Augen auf. Wir schauen auf Christus, auf den gekreuzigten und auferstandenen Jesus von Nazareth. Er – und nicht unsere rationalen, empathischen und moralischen Ambitionen – er – und nicht der Bann, in den uns die flammende Rede des Ezechiel zieht – er, unser Heiland, weist uns den Weg echter Buße und Erneuerung. Wir hören von Ezechiel über mörderische Machthaber – und wir sehen auf Christus, den wah-ren König. Wir hören von Priestern, die das Heilige verraten, und wir sehen auf Christus, den wahren Priester. Wir hören von Propheten, die Gott missbrauchen, und wir sehen auf Christus, den wahren Propheten, in dem das Himmelreich anbricht. Weil wir auf Christus sehen, begreifen wir, wie anders er ist als die Könige, Priester und Pro-pheten, die wir kennen oder selber sein mögen. Und wir entdecken, welche Botschaft die Re-de Ezechiels für uns bereithält: In der Nachfolge Christi sind wir selbst berufen zu einem wahrhaft königlichen, priesterlichen und prophetischen Leben.

Zuerst schauen wir auf Christus, den König. Er ist König, indem er dient. Er wäscht seinen Jüngern die Füße. Er zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Gegrüßet seist du, König der Ju-den, so schreien ihn die Soldaten an, die ihn foltern. König ist Christus, der die Dornenkrone trägt. Wir sehen auf ihn und auf Pilatus und die skandierende Menge – und eines wird sofort klar: Die Worte des Ezechiel gelten nicht nur der bösen Welt da draußen. Die Fürsten, von denen er spricht, sie stecken in jedem von uns.Mag sein, dass wir nicht als brüllende Löwen auftreten, wie sie Ezechiel beschreibt. Auch mit leisen Tönen kann man zerfleischen. Den habe ich gefressen, sagen wir und machen mit subtilen Bemerkungen andere madig. Besonders effizient beherrschen wir die hohe Kunst der Selbstbehauptung auf Kosten anderer, wenn wir immerzu freundlich-gesellig uns in den Mi-telpunkt rücken. Die Fürsten, von denen Ezechiel spricht, schmücken sich mit Applaus und Bewunderung.

Wir schauen auf Christus, der sich erniedrigt hat bis ans Kreuz. Nochmals: Er ist König, in-dem er dient. Aber indem er dient, sitzt er über uns auch zu Gericht. Seine Macht ist die gött-liche Liebe, die uns beschämt. Er hält uns den Spiegel vor. Genau so weckt er Lust auf neues Leben. Wir hören, was er seinen Jüngern sagt: "Ihr wisset, dass die weltlichen Fürsten herr-schen und die Oberherren haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch; sondern so jemand will unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener" (Mt. 20,25-26).
Liebe Gemeinde: Königlich ist es, die selbstverliebte Gier nach immer mehr zu überwinden. Königlich ist die Freiheit, die eigenen Grenzen einzugestehen. Königlich ist das Glück, gerne Ja zu sagen zu dem Dienst, den jede und jeder an seinem, ihrem Platz leisten kann. Das ist das königliche Christsein, zu dem uns Gottes Wort ruft, durch Christus, den König, und in seinem Licht durch Ezechiels Rede.

„Die Priester“, so heißt es weiter bei Ezechiel, „die Priester tun Gottes Geboten Gewalt an“, „sie machen keinen Unterschied zwischen heilig und unheilig“. Christus, der wahre Priester, betet im Vaterunser: „Geheiligt werde dein Name.“ Und er macht Ernst damit. Er riskiert Kopf und Kragen, als er die Geldwechsler aus dem Tempel hinausjagt. Von Christus, dem Priester, lernen wir, dass die Gestalt des Glaubens alles andere als neben-sächlich ist.

Man kann trefflich darüber streiten, ob es eine würdige Gestalt des Glaubens ist, wenn das Gedächtnis an Martin Luther in niedlichen Playmobil-Figuren plastifiziert wird. Keine Ge-schmacksache ist es, wenn sich der Stachel des Glaubens im gesellschaftlichen Werte-Inventar auflöst. Womöglich sind wir gar nicht so weit entfernt von jenen Priestern, die Ezechiel schil-dert. Wo ist das Heilige in unserer Existenz? Der Alttestamentler Gerhard von Rad nannte das Heilige den „großen Fremdling in der Welt der Menschen“. Es tut uns gut, diesem Fremden Raum zu geben und vor ihm in die Knie zu gehen.

Von Christus, dem Priester, ist im Hebräerbrief zu lesen, dass er Gott „in Ehren hielt“. Gera-de deshalb hat er den Mut, Erwartungen zu enttäuschen. Ohne diesen Mut werden wir krank. Eine nur noch betriebsame Gesellschaft läuft sich die Seele wund. Und eine geschwätzige Kirche hat am Ende nichts mehr zu sagen. Oder wie es bei Ezechiel heißt: Vor dem Sabbat, also der Notwendigkeit, innezuhalten, „verschließen sie die Augen; so werde ich unter ihnen entheiligt.“


Der Respekt vor dem Heiligen ist nicht nur unserer Gesundheit zuträglich. Er stellt Christus als unseren Priester in die Mitte. Er gibt sich selbst zum Heil aller, die ihm vertrauen. Er segnet uns, so wie er die Kinder gesegnet hat, die zu ihm gebracht wurden. Wir vernehmen sein Wort: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16,33). Priesterlich ist es, sich von Christus trösten zu lassen. Priesterlich ist es, darauf zu vertrauen, dass nicht unsere als Stärke verkleidete Heillosigkeit siegt, sondern unser Heiland. Priesterlich sind wir Christen, wenn uns bewusst bleibt, was uns heilig ist und was nicht.

Als drittes sehen wir auf Christus, den Propheten. Er scheint besonders beliebt zu sein. Viele reklamieren mit saftigem Pathos das prophetische Amt der Kirche. Ezechiels Diagnose kommt da wie gerufen: „Sie (…) bedrücken die Armen und Elenden und tun den Fremdlingen Gewalt an gegen alles Recht.“ Was liegt näher, als darüber eine politische Predigt zu halten! Grund und Anlass gäbe es genug. Ezechiel rät zur Vorsicht, wenn wir mit dem Naheliegenden liebäugeln. Es gibt Propheten, „die sagen „So spricht der Herr“, wo doch der Herr gar nicht geredet hat“. Am erfolgreichs-ten, so schrieb der Theologe Karl Barth, ist der trügerische Prophet, wenn er sich als „emsiger Schüler“ Jesu präsentiert: Er organisiert „Wahrheitsfronten“, „Wahrheitswochen“ und „Wahr-heitsfeldzüge“. Neben ihm erscheint Christus selbst „wie ein „Stümper (…), der froh sein muss, einen Gönner (…) gefunden zu haben, der ihm so geschickt (…)  unter die Arme greift.“

Christus, der wahre Prophet, ist kein Marketingstratege. Die Menschen sind „entsetzt“ über ihn. Er fordert Verzicht auf Reichtum. Aber er lässt sich von wohlhabenden Frauen unterstüt-zen. Er weigert sich, zum Steuerboykott gegen die römische Besatzungsmacht aufzurufen. Stattdessen sitzt er mit einem Steuereintreiber zu Tisch. Diejenigen, die Frieden stiften, spricht er selig. Aber von sich selbst sagt er, nicht den Frieden, sondern das „Schwert“ zu bringen. Er warnt, über andere zu richten. Wer damit aber geistliche Beliebigkeit begründen will, dem sagt Christus: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

Christus, der wahre Prophet, lässt sich nicht vereinnahmen. In seiner Nachfolge darf sich auch unsere Zeitansage nicht instrumentalisieren lassen, weder von rechts noch von links, weder von oben noch von unten. Wir sollen „das Salz der Erde“ sein. Wir sollen der Welt die Leviten lesen. Aber wir sollen dabei auch wissen, dass wir selbst Teil dieser Welt sind. Prophetisches Christsein erfordert Demut und Selbstkritik, Sachkenntnis und Diskursfähigkeit. Christus selbst und nur er ist die Wahrheit. Wir haben ihn nicht für uns gepachtet.

„Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen und in die Bresche vor mir treten würde für das Land, damit ich’s nicht vernichten müsste, aber ich fand keinen. Darum schüttete ich meinen Zorn über sie aus, spricht der Herr.“ So heißt es am Ende bei Ezechiel. Das Bild des Schutzwalls wirkt befremdlich. Wir wollen doch um Gottes Willen weltoffen und tolerant sein. Ezechiel dagegen mahnt uns, um Gottes Willen Mauern zu bauen. Ihr müsst das bewahren, was Gott euch anvertraut hat, das ist seine Feststellung. Aber unter euch ist niemand, der Grenzen aufzeigt. „Ich fand keinen“, sagt Gott.

Das ist der Schlussakkord des Ezechiel. Und das ist zugleich der Auftakt der Erlösung. Christus selbst, der Gottessohn, tritt in die Bresche. Er wird zur heiligen Grenze, an der sich die Geister scheiden. In ihm berühren sich Göttlichkeit und Menschlichkeit. Durch ihn antworten wir dem Versucher, der sich mit Ezechiel verbünden will. Ja, das Böse, gegen das wir Mauern errichten sollen, findet sich vielfältig in der Welt. Aber es ist immer zuerst ein Teil von uns. Der Widerstand dagegen beginnt mit unserer Umkehr. Und diese Umkehr beginnt mit der Freude über Christus, der uns unsere Sünde vergibt.

Ja, wir sehnen uns nach Wahrheit, aber sie ist niemals Resultat selbstgerechter Abschottung. Sie ist Gnade, aus der wir Mut schöpfen. Weil wir bei Christus eine unverlierbare Heimat ha-ben, können wir in einer sich verändernden Realität ohne Angst Neues wagen.
Ja, wir fordern eine gerechtere Welt und mühen uns darum. Aber Gerechtigkeit und die Ehr-furcht vor dem heiligen Gott brauchen einander. Nur wenn wir die Grenzen aufspüren und schützen, die Gottes Gebot setzt, können wir eigene Rechthaberei überwinden. Nur wenn wir Gott dienen, sind wir frei für den Dienst am Nächsten.

Die Zukunft, auf die wir letztlich hoffen, leuchtet am Ostermorgen. Mit Ezechiel, mit allen, die vor und nach ihm Gott die Ehre gaben, dürfen wir im Osterlicht Buße tun und fröhlich aufschauen zu Christus. Zu Christus, dem König, Priester und Propheten, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der uns vorausgegangen ist zu unserem Heil. Amen.

Kirchenrat Dieter Breit ist der Politikbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Das Beste aus der Bibel

Bergpredigt von Nikolai Lomtew
Jesus beauftragte alle, die ihm nachfolgen, damit, zu predigen: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur« (Markus 1, 5). Von Anbeginn der Christenheit an entwickelte sich daraufhin eine hohe Kunst des Predigens. Ihre Grundlage ist die Botschaft der Auferstehung Jesu: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 5, 14).
ShareFacebookTwitterGoogle+Share